Gegenwartskunst in Hannover Verführerische Aura des Authentischen

Von Elke Linda Buchholz 

„Made in Germany Zwei“: In Hannover zeigen 45 junge Künstler an drei Orten ihre Arbeiten. Doch es fehlt ein roter Faden.

Installation des Künstlers Simon Fujiwara Foto: dpa
Installation des Künstlers Simon Fujiwara Foto: dpa

Hannover - Ein Filmteam werkelt in einem historisch ausstaffierten Labor à la Doktor Frankenstein. Ein blondes Mordopfer wird zwecks Reanimierung auf den OP-Tisch geschnallt, während eine zweite Schauspielerin nackt in einen wassergefüllten Glaszylinder steigt. Film ab – Kamera läuft! Die Performance des in Alaska geborenen Künstlers Reynold Reynolds im Sprengel Museum ist Teil eines groß angelegten Filmrekonstruktionsprojekts. In Sibirien war 1980 ein alter Koffer mit Fragmenten eines Kinofilms der Dreißiger Jahre aufgetaucht, der wegen der NS-Zensur nie fertig gestellt wurde. Nun dreht Reynolds die fehlenden Szenen des Schwarzweißstreifens „Die Verlorenen“ im Stil von „Nosferatu“ und „Metropolis“ nach. Vergilbte Storyboardskizzen, Originalrequisiten und den legendären Fundkoffer breitet der Künstler am zweiten Ausstellungsort, der Kestnergesellschaft, wie in einem Filmmuseum aus. Aber sind die auf großer Leinwand flimmernden Filmszenen nun die historischen Fragmente oder nachgedrehte Szenen? Wo beginnt das Remake, wo endet das Original? Womöglich ist das gesamte Projekt ein Fake!

Reynolds ist nicht der einzige Künstler der Schau „Made in Germany Zwei“, der das Publikum aufs Glatteis zwischen Dokumentation und Fiktion führt. Der in London geborene Simon Fujiwara umkreist in seiner tausend Bücher umfassenden Archivinstallation „The Personal Effects of Theo Grünberg“ eine Persönlichkeit, die vielleicht nie existiert hat. Und der in Hannover lebende Dirk Dietrich Henning schleust die Besucher durch eins zu eins nachgebaute Irrenhausräume, in denen der 1974 verstorbene belgische Fluxuskünstler Ferrée Jahre seines Lebens verbracht haben soll. Kunstzeitschriften von 1974 vermelden den Freitod des heute vergessenen Künstlers. Die Dokumente wirken absolut authentisch. Der Künstlermythos ist perfekt – aber frei erfunden.

Im Zeitalter von Facebook kann jeder seine virtuelle Persönlichkeit im Netz selbst zusammenbasteln. Die Künstler übersetzen dieses Muster in handgreifliche Artefakte mit der Aura des Authentischen, Materiellen, sinnlich Wahrnehmbaren. Unter dem Stichwort „Narrativität“ fassen die Kuratoren die neue Lust am Erzählen und Ausloten imaginierter Realitäten zusammen, die sie beim Sichten der deutschen Kunstszene diagnostiziert haben. Als weitere Themenschwerpunkte benennen sie „Vernetzungen“, „Räume“ oder „Material als Medium“. Diese reichlich vagen Kategorien tauchen im Parcours der Ausstellung allerdings gar nicht auf, sondern nur im Katalog.

Die Schau kommt wie ein Gemischwarenladen daher

Beim Hindurchflanieren präsentiert sich „Made in Germany Zwei“ als Gemischtwarenangebot, abwechslungsreich, aber wenig inspiriert – ein typisches Kompromissprodukt. Als „gruppendynamischen Super-GAU“ schildert der Chef des Sprengel Museums, Ulrich Krempel, die Arbeit der vielköpfigen Kuratorenmannschaft. Die ermüdenden Debatten während eines mehrtägigen Planungstreffens hat der Frankfurter Künstler Michael Riedel auf Tonband mitgeschnitten. Im Volltext trans­kribiert sind die anonymisierten Endlosdialoge auf Plakaten in der Ausstellung nachzulesen, unterlegt mit dem als Tapete ausgedruckten Quellcode der Ausstellungswebsite: ein ernüchternd banaler Hypertext zu den Ritualen des Kunstbetriebs.

Was gibt es sonst noch zu sehen? Olaf Holzapfels in Fachwerkbauweise modulartig zusammengesteckte Großskulptur „Industrielles Haus“ duftet intensiv nach frischem Holz. Daneben kann man sich in die poetischen Textarbeiten von Natalie Czech vertiefen, halbabstrakte Raumvisionen der Leipziger Fotokünstlerin Ricarda Roggan durchstreifen und über die Fundobjekt-Assemblagen von Nina Rhode rätseln. Die disparaten Ansätze stehen sich eher im Weg, als miteinander in einen Dialog zu kommen.

Am besten funktioniert die Sache in den überschaubaren Räumen des Kunstvereins und der Kestnergesellschaft, wo jeder Künstler ein eigenes Kabinett bespielen kann. Zauberhaft ist eine Installation der gebürtigen Polin Alicja Kwade aus Dutzenden alter Uhrgewichte. Sie scheinen von oben nach unten durch den Raum zu gleiten, wie ein Sinnbild vergehender Zeit. Bei anderen Arbeiten springt der Funke erst über, wenn man den Entstehungskontext kennt. Die von Simon Denny an die Wand gelehnten schwarzen Platten erinnern an beste Minimal Art à la Richard Serra. Der Clou: auf diesen Bühnenbodenelementen hat der Hannover-Star Lena den Hit „Satellite“ in den Eurovision Song Contest katapultiert. Und warum fotografiert Sven Johne öde Freiflächen in Görlitz, Pirna oder Bautzen? Er rückt mit der Kamera immer an, wenn der bereits zu DDR-Zeiten existierende Wanderzirkus Probst gerade weitergezogen ist. Als reise er einer flüchtigen, nie wirklich greifbaren Kindheitserinnerung hinterher.

Keine Politik in Europa

Und gemalt wird natürlich auch, schillernd auf Seide von Matti Braun, geometrisch von Bernd Ribbeck oder neosurreal von Benedikt Hipp. Auf einer Riesenleinwand lässt Helen Verhoeven Gestalten von Dix, Munch und Velázquez in geisterhaften Grisailletönen wiederaufleben, ein Panoptikum von Untoten aus dem Arsenal der Kunstgeschichte. Auch den israelischen Künstler Alon Levin treibt die Vergangenheit um, er stapelt das Formenrepertoire des sowjetischen Konstruktivismus zum raumhohen Monument. Der Fortschrittsglaube der Moderne hat ausgedient. Die Künstler konstatieren es mit Wehmut, Ernüchterung und leiser Ironie.

So unterschiedlich die Ansätze, Arbeitsweisen und Medien sind, eins kommt in Hannover nicht vor: die Politik. Keine Finanzkrise, kein Attac-Aktivismus, keine Anti-Gentrifizierungswut. Das, so der Sprengel-Chef Krempel, überlasse man lieber den Berlinern. Ein Seitenhieb auf die noch bis 1. Juli laufende Berlin Biennale, die das politische Engagement zum zentralen Auswahlkriterium erhoben hat. Beide Überblicksausstellungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch keine der beiden Schauen überzeugt, weder die Verweigerungshaltung des Berliner Kurators gegenüber dem Kunstbetrieb, noch die von zu vielen Köchen zusammengerührte Leistungsschau in Hannover.