Generationenhaus Heslach in S-Süd Endlich mal wieder die Nase im Wind

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Motorradfahrer laden chronisch Kranke des Pflegezentrums in Heslach immer wieder zur Spritztour im Beiwagen ein. Im langen Tross ging es quer durch Stuttgart und zur Solitude.

30 Bewohner des Pflegezentrums genossen die Ausfahrt mit den Bikern durch die Stadt und zur Solitude Foto: Lichtgut/Julian Rettig
30 Bewohner des Pflegezentrums genossen die Ausfahrt mit den Bikern durch die Stadt und zur Solitude Foto: Lichtgut/Julian Rettig

S-Süd - Wenn es vor dem Generationenhaus Heslach nach Sprit und Würstchen riecht, dann war mal wieder die nette Motorradgang da. Einmal im Sommer rauscht sie vorbei, packt 30 Bewohner der Pflegeeinrichtung in ihre Beiwägen und kutschiert sie in einem langen Tross unter Polizeigeleit durch die Stadt. Für die Pflegebedürftigen ist das dann, als ob Weihnachten und Ostern im Hochsommer zusammenfallen, und Brigitte Sommer erklärt, warum das so ist.

Auf Teilhabe kommt es an

Die 55-Jährige kann sich kaum selbstständig bewegen und lebt seit mehr als vier Jahren im Pflegezentrum des Eigenbetriebes Leben und Wohnen im Generationenhaus Heslach. „Wir sind ja sonst immer abgeschnitten von der Welt. So kommt man mal raus und sieht etwas anderes. Ich kenne die Stadt ja nur noch aus der Erinnerung, und sehe nun, was sich so verändert hat in der Zwischenzeit.“ Und in Richtung ihrer Chaffeurin Claudia Göbbel sagt Sommer: „Ich finde toll, dass die Motorradfahrer an uns denken und uns teilhaben lassen.“ Göbbel ist seit der ersten Ausfahrt mit ihrer 40 Jahre alten Moto Guzzi dabei. „Ich fand die Idee sofort gut. Diese Menschen haben wenig Kontakt nach außen. Mit unserer Ausfahrt machen wir darauf aufmerksam.“

Eingefädelt hat das ganze das Ehepaar Münch. Elke Münch kümmert sich ehrenamtlich um die chronisch neurologisch erkrankten Bewohner im Haus – die meisten von ihnen leiden unter multipler Sklerose. Eines Tages kam sie auf der Harley samt Beiwagen zur Arbeit. Ob sie nicht mal einen Bewohner mitnehmen wolle, wurde sie gefragt. Sie fand das gut, grübelte aber: Wieso eigentlich bloß einen? Münch fragte unter befreundeten Bikern herum, und so kam der Motorrad-Tross 2013 erstmals ins Rollen und seither jedes Jahr. Zunächst waren zehn Gespanne dabei gewesen. Inzwischen sind es 30, flankiert von einer Schar sympathisierender Solofahrer. Für ihr außergewöhnliches Engagement ist das Ehepaar Elke und Uwe Münch kürzlich zu „Stuttgartern des Jahres 2017“ gekürt worden – eine Initiative der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung zur Würdigung des Ehrenamts in der Stadt.

Freundschaftliche Gespanne

Für Brigitte Sommer, die fast jedesmal mitfuhr, war es am vergangenen Samstagnachmittag mal wieder Osterweihnacht mit Sonnenschein. „Ich habe das so genossen! Irgendwo hat es ganz wunderbar nach frisch gemähten Gras geduftet. Wie ich den Geruch liebe! Claudia ist extra langsam gefahren.“ Ihre angestammte Passagierin auch im nächsten Jahr wieder im Beiwagen mitzunehmen, hat sich Claudia Göbbel fest vorgenommen. Es sei einfach schön, ihr diese Freude zu bereiten. „Man hat so viel Zeit für allerlei Dinge. Da kann man sich diesen einen Tag im Jahr ruhig mal frei ­halten.“

Aus einigen Fahrern und Passagieren sind mittlerweile freundschaftliche Gespanne entstanden, weiß der Einrichtungsleiter Andreas Weber zu berichten. „Manchmal sieht man hier Leute in Motorradkluft auf den Korridoren, die zu Besuch kommen.“ Für die Einrichtung sei die Ausfahrt zu einem der Höhepunkte im Jahr geworden. Und obwohl dies den Mitarbeitern Einiges abverlange, seien auch sie Feuer und Flamme, weil die Ausfahrt einfach sehr Leben und Freude ins Haus bringe.

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