Geplante Wasserkraftwerke an der Iller Länderstreit um eine „Flussleiche“

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Ein Münchner Unternehmen will in den Unterlauf des Hochgebirgsflusses Iller acht neuartige Wasserkraftwerke bauen. Bayerische Kommunen und Verbände wehren sich. Sie wollen statt dessen das fast zu Tode begradigte Gewässer langsam renaturieren.

So ähnlich wie die Versuchsanlage des Schachtkraftwerk auf dem Gelände der Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft sehen die Kraftwerke aus. Foto: Uli Benz/TU München
So ähnlich wie die Versuchsanlage des Schachtkraftwerk auf dem Gelände der Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft sehen die Kraftwerke aus.Foto: Uli Benz/TU München

Dietenheim - Nachrichten der Technischen Universität München über ein neu entwickeltes Wasserkraftwerk versprechen wahre Wunderdinge. Wissenschaftler haben eine Anlage entwickelt, bei der sich Turbine und Generator unter der Wasseroberfläche in einem im Flussbett eingebauten Schacht befinden. Fische schwimmen oben drüber – ein horizontaler Rechen schützt sie weitgehend davor, vom Sog der Turbine eingesaugt und verletzt zu werden. Standorte für die im Gelände kaum sichtbaren Schachtkraftwerke sollen direkt unterhalb von mindestens drei Meter hohen Betonschwellen sein; dort hat das Wasser den nötigen Antriebsschwung, ein weiteres Aufstauen ist nicht nötig.

Beste Voraussetzungen bei der Iller

Nach jahrelanger Vorbereitung will das Münchner Unternehmen Fontin & Company, unterstützt von der TU München, jetzt gleich acht solcher Kraftwerke am Unterlauf der Iller zwischen Ulm und Memmingen bauen, sechs davon auf bayerischer Gemarkung und zwei auf baden-württembergischer. Sein Unternehmen habe Flüsse in ganz Süddeutschland unter die Lupe genommen, aber die Iller habe die besten Voraussetzungen, weil sie „in einem maximal schlechten ökologischen Zustand“ sei, sagt der Projektentwickler Mathias Fontin. Laut dem Unternehmen handelt es sich nur scheinbar um ein Paradoxon. Die Musterkraftwerke aus München, sagt Fontin, könnten nämlich nicht nur Strom erzeugen, sondern dazu beitragen, Flora und Fauna wieder zu verbessern.

Die Iller ist über zwei Jahrhunderte hindurch bebaut, übernutzt, begradigt und entschleunigt worden. Allein die untere Iller durchziehen 24 Querbauwerke, die von Fischen nicht passiert werden können. Bypass-Systeme, sofern vorhanden, haben nach einhelliger Expertenmeinung meist nur eine Feigenblattfunktion, weil sie aufgrund veralteter Bauart von den Tieren nicht angenommen werden. Auch ein Sprecher der Kreisgruppe des bayerischen Bundes für Naturschutz (BN) bezeichnet die Iller, so wie sie ist, als „Flussleiche“.

Die bayerischen Kommunen haben andere Pläne

Das war’s aber auch schon mit den Übereinstimmungen zwischen den Kraftwerksbauern und den Naturschützern. Die Liste der Fontin-Gegner ist mittlerweile lang. Darauf stehen auch die bayerischen Flusskommunen Illertissen, Balzheim oder Altenstadt, dazu die Fischereiverbände oder der bayerische Kanuverband. Ihr Hauptargument: Ein bayerischer Gewässerentwicklungsplan für die Iller sei bereits in Arbeit. Er sieht vor, entlang des Flusses schnell fließende Seitengewässer anzulegen, die Tieren und Pflanzen neue Rückzugsräume bieten. Trennende, meist Jahrzehnte alte Wehre sollen nach und nach durch Rampen ersetzt werden, über die das Flusswasser fließen kann.

Auf baden-württembergischer Seite zeigt sich allerdings Zustimmung für die Kraftwerkspläne. „Wir leben in Zeiten der Energiewende“, sagt zum Beispiel Christopher Eh, der Bürgermeister der Stadt Dietenheim (Alb-Donau-Kreis). Es sei besser, Strom lokal zu erzeugen als über Tausende Kilometer über Fernleitungen heranzuschaffen. Sein Gemeinderat habe beschlossen, dem Genehmigungsverfahren für einen Kraftwerksbau an der Dietenheimer Sohlschwelle keine Steine in den Weg zu legen. Allein das dortige Schachtkraftwerk soll rund 2,2 Millionen Euro kosten und jährlich rund 1,6 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren.

Bisher ist kein Fisch zu Schaden gekommen

Die Gegner aus Bayern beklagen Spaltungstendenzen unter den Iller-Anrainern, die vom grün regierten Baden-Württemberg ausgehen. Sie erwägen sogar eine Klage gegen das Kraftwerksvorhaben. Es wäre nicht der erste Prozess zur Sache. Diesen Monat hat das Verwaltungsgericht München eine Klage von Fischern und Naturschützern gegen ein Schachtkraftwerk an der Loisach bei Großweil (Kreis Garmisch-Partenkirchen) abgewiesen. Der ökologische Nutzen der Anlage, befand das Gericht, sei nicht anzuzweifeln. Sollte es doch zu Fischschädigungen kommen, müsse aber nachgebessert werden.

In einer Versuchsanlage im bayerischen Obernach hat die Technische Universität München die Wirkung des Kraftwerks auf Fische wissenschaftlich geprüft. „Es ist kein einziger Fisch bei diesen Versuchen eingesogen, verletzt oder getötet worden“, resümiert der wissenschaftliche Leiter Peter Rutschmann vom Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der TU.

Weltweite Chancen zur Energieerzeugung

Für ihn handelt es sich um eine Technik, die weltweit Chancen zur lokalen Energieerzeugung eröffnet. Mehrere deutsche Unternehmen, unter anderem der baden-württembergische Turbinenbauer Voith, seien interessiert. Er hoffe nicht, sagt Rutschmann, „dass es in Deutschland aus ideologischen Gründen eine Verhinderung des Projekts gibt“. Der Investor Mathias Fontin bekräftigt, sonst werde sein Unternehmen eben nur in Dietenheim bauen.