Krimikolumne

Gerald Kersh: „Die Toten schauen zu“ Eine ganz normale Auslöschung

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Der zweite Weltkrieg war noch längst nicht zu Ende, da verarbeitete der Engländer Gerald Kersh das Nazi-Massaker von Lidice schon literarisch. „Die Toten schauen zu“ ist ein Tatsachenroman von bestürzender Hellsicht - und aktuell noch dazu.

Vor den Trümmern des Dorfs Lidice posieren jene, die Himmlers Vernichtungsbefehl umgesetzt haben. Foto: dpa
Vor den Trümmern des Dorfs Lidice posieren jene, die Himmlers Vernichtungsbefehl umgesetzt haben. Foto: dpa

Stuttgart - Von Horror gibt es, ganz grob gesagt, zwei Arten: die reine Fiktion, die sich auch dann noch mit einem gewissen wohligen Grusel lesen lässt, wenn sie drastisch daherkommt - die aber schnell degoutant werden kann, wenn der Autor aus Effekthascherei und womöglich aus bösem Willen den Bogen überspannt. Zum anderen jene Art von Horror, die sich auf Tatsachen stützt - und die den Leser deshalb in ungleich grauenhaftere Abgründe hinabzieht.

Nach den aus eben diesen Gründen schon schwer erträglichen, aber unbedingt lesenswerten „Spielarten der Rache“ von Seamus Smyth hat Frank Nowatzki in seinem Pulp-Master-Verlag jetzt erneut ein Buch auf den deutschen Markt gebracht, das seinem Leser nichts, aber wirklich gar nichts schenkt: „Die Toten schauen zu“ von Gerald Kersh. Thema des Romans ist das Massaker von Lidice. Nach dem Attentat auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich war das tschechische Dorf 1942 dem Erdboden gleichgemacht, die gesamte Bevölkerung ermordet oder deportiert worden.

Terroristen wie Heydrich

Schon einmal hat Killer & Co. ein Buch vorgestellt, in dem es um den furchtbaren stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ging: Philip Kerrs „Böhmisches Blut“. Schildert der Schotte Kerr das Geschehen mit elegantem Grimm, so geht der gebürtige Engländer Kersh einen ganz anderen Weg. Sein Thema sind zum einen die nationalsozialistischen Terroristen um Heydrich und Himmler - und zum anderen die Auswirkungen der Vergeltungsaktionen auf die unschuldigen Menschen, die aus heiterem Himmel terrorisiert, ausgeplündert, ermordet, verschleppt werden.

Heydrich heißt in dem Buch zwar Bertsch, Himmler Horner und Lidice Dudicka. Ansonsten aber orientiert sich Kersh im Großen und Ganzen an den historischen Fakten, wenn er darstellt, mit welchem Zynismus die SS an ihr blutiges Werk geht, wenn er zeigt, wie Bertsch und Horner den blanken Terror quasi logisch herleiten. Und wie sie als ganz normales Mittel der Politik darstellen, dass ein ganzes Dorf ausgelöscht wird: die Männer gleich ermordet, die Frauen im KZ, ein Teil der Kinder zwangsadoptiert, alle Wertsachen aufs bürokratische Gramm genau recycelt.

Bestürzende Parallelen

Mag Kerr routinierter vorgehen als der passagenweise in einen gewissen Legendenton verfallende Kersh, so hat „Die Toten schauen zu“ unterm Strich doch die ungleich größere dramatische Gewalt. Nicht zuletzt deshalb, weil Kersh seinen Roman noch während des zweiten Weltkriegs schrieb und veröffentlichte: 1942 wurde Heydrich getötet, 1943 erschien „The Dead Look On“.

Bestürzend, wie Kersh mit sicherer Hand die zynische Mordlust der Himmlers und der Heydrichs und all der anderen Nazis zeichnete - und bestürzend auch die Parallelen, die die Übersetzerin Angelika Müller im Nachwort zu den Entwicklungen der europäischen Gegenwart zieht. Gerald Kersh beweist: man hat es damals wissen können. Und heute - muss man es wissen.

Gerald Kersh: „Die Toten schauen zu“. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2016. 200 Seiten, 12,80 Euro. Auch als E-Book, 9,90 Euro.