Gerlinger Geflügelhof Frische Eier aus Ekelhaltung

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Geht es in den Ställen von Kleinbauern tatsächlich besser zu als in den Großanlagen der Konzerne? Ein Beispiel aus Gerlingen zeigt: regional bedeutet nicht automatisch gut.

Bei drei unangemeldeten Besuchen zeigt sich für die Ermittlerin immer das gleiche Bild: Der Hühnerstall des Landwirts Dieter M. ist übersät mit Kadavern, die teilweise  stark verwest  sind. In der Bilderstrecke gibt es weitere Fotos aus dem Stall. Foto: Peta 37 Bilder
Bei drei unangemeldeten Besuchen zeigt sich für die Ermittlerin immer das gleiche Bild: Der Hühnerstall des Landwirts Dieter M. ist übersät mit Kadavern, die teilweise stark verwest sind. In der Bilderstrecke gibt es weitere Fotos aus dem Stall.Foto: Peta

Gerlingen/Stuttgart - Die Peta-Ermittlerin Kathrin Bosler* und ihre beiden ehrenamtlichen Helfer ziehen wieder mal ins Feld. Die Nacht- und Nebelaktion ist durchgeplant wie ein Bankraub in einem Hollywood-Film, die technische Ausrüstung griffbereit im Rucksack verstaut. „Lasst uns noch schnell die Funkgeräte checken“, sagt Kathrin Bosler. „Eins, zwei, eins, zwei: Anke*, kannst du mich hören?“ – „Ja.“ – „Eins, zwei, eins, zwei: Gerd*?“ – „Alles klar, ich höre dich.“ Los geht’s.

Das Einsatzfahrzeug ist ein dunkelblauer Renault mit Böblinger Kennzeichen, das Zielobjekt ein Hühnerhof am Gerlinger Ortsrand. Die letzten zweihundert Meter geht es zu Fuß über einen Feldweg. Es wird nicht gesprochen, jeder weiß, was zu tun ist. Anke steht südlich des Stalls Schmiere, Gerd passt am gegenüberliegenden Ende des Gebäudes auf. Kathrin Bosler schlüpft in einen Schutzanzug, wie ihn Kriminalisten bei der Spurensicherung nach einem Mord tragen, Mund und Nase verschwinden hinter Atemmasken.

Alles, was nun geschieht, ist streng genommen verboten. Doch wie sollte man Missstände in einem Hühnerstall dokumentieren, ohne den Stall heimlich zu betreten? Das Veterinäramt schaut in Betrieben mit mehr als 1000 Legehennen nur ein Mal jährlich zur routinemäßigen Salmonellen-Probeentnahme vorbei – und meldet die Kontrolle vorher bei dem Landwirt an.

Ein bestialischer Gestank

Die Stalltür ist unverschlossen. Drinnen sieht man die Hand vor den Augen nicht, es stinkt nach Ammoniak. Die Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff, die entsteht, wenn tierische Ausscheidungen zu Gülle werden, raubt einem fast die Luft zum Atmen. Leise gurren die Hühner vor sich hin, als wollten sie sagen: Wer stört unsere Nachtruhe? Jetzt bloß keine hektische Bewegung machen, damit die Tiere nicht aufschrecken und herumflattern.

Kathrin Bosler schaltet die Kamera ein, der Scheinwerfer wirft ein grelles Licht auf ekelerregende Zustände: Die Gitter, auf denen die Legehennen stehen, sind voller Kot. Das schaut widerwärtig aus, ist aber gang und gäbe in der sogenannten Bodenhaltung von Geflügel, die aktuell innerhalb der EU die zweitniedrigsten Anforderungen an den Tierschutz stellt. Etwas besser haben es die Hühner in der Freiland-, den höchsten Standard erfüllt die Biohaltung.

Eier aus sogenannten Legebatterien sind seit drei Jahren europaweit verboten. Das bedeutet jedoch nicht, dass alles, was die Brüsseler Bürokratie noch erlaubt, annähernd artgerecht wäre. Hühnereier mit einer aufgedruckten „3“, die für Käfighaltung steht, sind mangels Nachfrage zwar aus den Regalen der Supermärkte so gut wie verschwunden. Verzehrt werden sie allerdings trotzdem noch: verarbeitet in Kuchen, Keksen, Nudeln und ähnlichen Produkten – sie sind also überall dort versteckt, wo kaum einer drauf achtet.

Neun Tiere auf einem Quadratmeter

Vieles ist in der Nutztierhaltung vorschriftsmäßig, was der Verbraucher, sofern er einmal genauer hinschauen könnte, als abstoßend empfinden würde. So ist es normal, dass Hühner, die unter optimalen Bedingungen sieben bis neun Jahre alt werden, in der Massenhaltung häufig im Alter von wenigen Monaten eingehen.

In dem Gerlinger Hühnerstall ist die Grenze zum Rechtsbruch indes überschritten. Überall liegen tote, verweste Legehennen herum, etwa 60 Kadaver, plattgetreten und angefressen von den Artgenossen. Kannibalismus ist eine verbreitete Verhaltensstörung in der Massenhühnerhaltung, in der sich laut der EU-Norm neun Tiere einen Quadratmeter Grundfläche teilen. Nach Angaben des Ludwigsburger Veterinäramts ist der Gerlinger Stall mit 4000 Legehennen der Rassen Lohmann weiß und Lohmann braun maximal belegt. Eine Folge der Enge: Manchen Hühnern fehlt das Schwanzgefieder, weggepickt von den Mitbewohnerinnen. Man sieht das blanke Fleisch. Unter diesen Bedingungen werden also Eier produziert.