Geschäftsbericht Onkel Toms Hütte

Von  

Englischsprachige Krimis, Science Fiction und Kriegsliteratur für einen Euro, die Kinderbücher gratis. Ein Besuch im Laden von Tom Mueller in Stuttgart-Sonnenberg.

Gut 20 000 englischsprachige Bücher, schätzt Müller, liegen in den Regalen seines Ladens. Weitere 20 000, so fürchtet er, lagern unausgepackt in den Kisten. Foto: Heinz Heiss
Gut 20 000 englischsprachige Bücher, schätzt Müller, liegen in den Regalen seines Ladens. Weitere 20 000, so fürchtet er, lagern unausgepackt in den Kisten. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - So sehen viele Buchhandlungen in Deutschland aus: ein großzügiges Entrée, auf einem Tisch zur Rechten die Bücher der Bestsellerliste, zur Linken die Literatur der Saison locker dekoriert: Diät-Ratgeber im Januar, vor den Schulferien Reiseführer. An der Kasse dann das, was keiner braucht, aber alle für drei oder vier Euro gerne noch mitnehmen: Büchlein mit Gedichten passend zur Jahreszeit, Sinnsprüche von Paulo Coelho, Kunstpostkarten – Quengelware für Bildungsbürger.

Bei Tom in dem gesetzten Stuttgarter Vorort Sonnenberg gelten diese Gestaltungsmaximen nicht. „Books“ steht auf einem angerosteten Schild über der Ladentüre des weißen Häuschens gegenüber der Stadtbahn-Haltestelle. Die Fenster sind mit Pappe verhängt. „All books only 1 Euro“, steht in einem Fenster, die Preisangabe „2 DM“ ist provisorisch überpinselt. Immerhin, den Währungswechsel 2002 muss der Laden mitgemacht haben. Und an den Samstagen gibt es ein weiteres Indiz dafür, dass die Buchhandlung in Betrieb ist. Zwischen 10 und 15 Uhr, in der Öffnungszeit, stehen Klappstühle und ein Tisch an der Straße, bei gutem Wetter mit einer Bücherkiste obendrauf.

Wer dann die mit Thermofolie abgeklebte Tür aufschiebt, sitzt dem Ladeninhaber quasi gleich auf dem Schoß. „Which books are you looking for – nach welchen Büchern suchst du?“ schmettert Tom Mueller, 76, zur Begrüßung. Auf einem Plastikstühlchen thront er neben einem kleinen Heizkörper. Über seinem Bauch spannt ein Holzfällerhemd, das weiße Haar lang und ungebändigt wie sein Vollbart.

Anfang der 80er Jahre hat Muellers Rasierer eines Morgens seinen Geist

aufgegeben. Ob er sich etwa einen Bart stehen lassen wolle, fragte ihn sein Vorgesetzter bei den SSB, wo Mueller damals arbeitete, mit unverhohlenem Missfallen. „Dann lasse ich ihn doch erst recht wachsen, habe ich mir da gedacht“, sagt Mueller, diebische Freude blitzt aus seinen Augen.

Eine Kiste Agatha Christie

Zunächst ist es aber an Mueller, die Fragen zu stellen. „Warst du nicht schon mal hier?“, stellt er mehr fest, als dass er es fragt, und erhebt sich bedächtig von seinem Hocker. „Magst du Krimis? Ich habe eine Kiste voll mit Agatha Christies. Hier, schau nur rein. Kinderbücher sind gratis, denn sie müssen immer lesen können.“ Erstaunlich behände schiebt sich Mueller durch die engen Regalreihen. Alles scheint schier zu platzen vor englischsprachigen Krimis, Romanen, Sachbüchern und Comics, nur in wenigen Regalen gibt es Lücken. Wo kein Regal steht, stapeln sich Bananenkisten, voll mit Büchern teilweise bis auf Brusthöhe. Mueller schickt einen Seufzer zur niedrigen Ladendecke. Unschlüssig steht er vor den überquellenden Pappkartons, räumt ein Buch hierhin, packt ein anderes Buch dorthin.

„Ach, du räumst mal wieder aus?“ Es ist keine Frage, eher eine Feststellung, mit der einer der ersten Kunden an diesem nasskalten Vormittag in die Buchhandlung hineinweht. Robert Getgood, Australier, 47, trägt eine Plastiktüte mit ausgelesenen Büchern unter dem Arm. Im Schnitt alle zehn Wochen kommt er aus Herrenberg zu Tom’s Bookstore und besorgt sich Nachschub, im Sommer häufiger.

„Ich muss dringend aussortieren.“ Mueller klingt gram. Gut 20 000 Bücher, schätzt er, stehen in den Regalen seines Ladens. Weitere 20 000 Bücher, so fürchtet er, lagern unausgepackt in den Kisten. „Ich habe es vergangene Woche einfach nicht geschafft.“ Er wollte doch eine Ladung mit Büchern fertig machen, die dann ein Stuttgarter Verein zusammen mit Medikamenten und alten Fahrrädern nach Afrika schickt. Am Vortag sei er zwar im Laden gewesen, aber statt zu räumen, habe er mal wieder die ganze Zeit gelesen.