Geschichte der Heimerziehung in Baden-Württemberg „Manche Schicksale gehen einem sehr nahe“

Von Stefan Jehle 

Eine Wanderausstellung des Landesarchivs geht der Heimerziehung in Baden-Württemberg zwischen 1949 und 1975 nach – und offenbart, wie verbreitet die rüden Erziehungsmethoden waren, bei denen Gewalt und sexueller Missbrauch gang und gäbe waren. Derzeit ist sie in Karlsruhe zu sehen.

Schwere Kindheit: In etlichen Heimen im Land ist es in den 50er und 60er Jahren rau zugegangen. Foto: Stefan Jehle
Schwere Kindheit: In etlichen Heimen im Land ist es in den 50er und 60er Jahren rau zugegangen. Foto: Stefan Jehle

Karlsruhe - Die Geschichte der Heimerziehung in Baden-Württemberg ist eher düster. Eine Ausstellung, die derzeit im Generallandesarchiv in Karlsruhe zu sehen ist, gibt Einblicke in den Alltag der Kinder ohne Elternhaus in den 1950er und 1960er Jahren. Die Präsentation ist ein Ergebnis der Arbeit eines Projektteams im Landesarchiv. Die beiden Historikerinnen Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth haben in diesem Zusammenhang bisher 1650 Anfragen und Recherchen zur Akteneinsicht von ehemaligen Heimkindern bearbeitet. Im Interview berichtet Nora Wohlfahrt von teils erschütternden Erfahrungen.

Frau Wohlfarth, wie viele Akten zu Heimkindern haben Sie schon in der Hand gehabt?
Das kann ich jetzt auf Anhieb nicht exakt sagen, es mögen bis zu 300 gewesen sein – Kleinstakten von wenigen Blättern ebenso wie Akten mit 500 oder 600 Seiten.
Wie bereiten Sie die Betroffenen auf die Inhalte­ ihrer Akte vor?
Wir vermitteln ihnen per Post oder am Telefon erst einmal, was sie erwartet, wenn sie Einblick nehmen in die Akte. Wir weisen beispielsweise darauf hin, wenn sehr abwertende Beschreibungen auftauchen. Bezeichnungen wie „dumm“, „debil“, „primitiv“, „verwahrlost“ oder „triebhaft“ waren keine Seltenheit.
Nora Wohlfarth Foto: Jehle
Gibt es Personen, die ihre Akte dann lieber doch nicht lesen wollen?
Das gibt es, ja. Wir sagen: Wer die Akte von uns haben möchte, bekommt die Akte, egal wie schlimm der Inhalt sich darstellt. Wir empfehlen aber immer, die Akten nicht allein­ zu lesen, sondern jemanden dabeizuhaben. Die Lektüre ist natürlich sehr bewegend – bewegend auch insofern, als sich furchtbare Erinnerungen mitunter gar nicht in den Akten wiederfinden. Wie zum Beispiel Strafen aufgrund von Bettnässen, wie das Aufessenmüssen des gerade Erbrochenen oder andere Gewalterfahrungen.
Wie wirkt die Akteneinsicht auf die Betroffenen selbst?
Oft sind sie überrascht über das, was sie lesen­. Oft ist auch Erleichterung zu spüren – und sei es nur verbunden mit dem Gefühl, jetzt über die eigene Biografie verfügen zu können. Es gibt aber natürlich auch Betroffene, die sagen, sie würden die Akte gerne als Teil ihrer Therapie einsehen.
Kann man mit der Akteneinsicht seine eigene Biografie wirklich neu entdecken?
Ich erinnere mich zum Beispiel an den Fall einer heute älteren Dame. Erst durch die Akte hat sie erfahren, dass ihre Mutter eigentlich Kontakt zu ihr halten wollte, die Zensur des Heimes das aber verhinderte. Alle Briefe, die die Mutter im nahezu monatlichen Rhythmus an ihr Kind geschrieben hatte, hielt die Heimleitung zurück.
Was hat Sie in der bisherigen Arbeit am meisten erschüttert?
Als ich noch relativ neu war in dem Projekt, erzählte mir eine Frau von dem beschämenden Verhalten der Nonnen im Heim. Und dann fiel unvermittelt der Satz: Das mit dem Prügeln, das übernimmt heute mein Mann. Sie war von der einen in die andere missbräuchliche Beziehung geraten.
Gibt es auch positive Beispiele aus dem Alltag ehemaliger Heimkinder?
Es gibt sicherlich eher positiv gelagerte Fälle – im Sinne von weniger negativ. Ich hatte mal einen Betroffenen am Telefon, der ganz klar sagte: Wäre ich nicht im Heim gewesen, hätten mich meine Eltern totgeprügelt. Er zeigte auch eher wenig Interesse daran, über das Heim zu sprechen. Es habe Gewalt gegeben, aber es war für ihn immer klar: Das Heim hat ihn gerettet. Dann gab es ein Mädchen, aus dessen Akte hervorgeht, dass die Großmutter immer wieder Briefe schrieb mit dem Tenor, das Kind möge doch nach Hause gelassen werden. Im fünften oder sechsten Brief war dann die Rede davon, dass der Großvater ja nicht mehr lebe­, der könne das Mädchen also nicht mehr anfassen, es sei also alles gut. Damit ist klar, warum das Kind im Heim war.
Was macht dieses Thema mit Ihnen selbst?
Wir sind im Team zu zweit und reden viel über die Akten. Das tut gut. Und natürlich ist es wichtig, innere Distanz halten zu können. Und doch gibt es Schicksale, die mir nahegehen, gibt es Vorgänge, die ich mit nach Hause nehme. Manche Betroffene rufen immer wieder an und erzählen aus ihrem Alltag. Wir können diesen Kontaktwunsch auf Dauer nicht befriedigen, ja aber durchaus etwas tun für diese Menschen, indem wir sie bei der Akteneinsicht konkret unterstützen. Da gibt es immer wieder sehr schöne und motivierende Begegnungen.
Wie viele Anfragen kamen denn an bisher?
Wir hatten seit 2013 insgesamt rund 1650 Recherchen. In der ersten Zeit waren es etwa 40 Anfragen im Jahr. Mit der Fristsetzung des Fonds Heimerziehung, wonach bis Ende 2014 Anträge­ auf Entschädigung gestellt werden konnten, hat das dann sehr schnell stark zugenommen. Aus dem Fonds Heimerziehung konnte man bis zu 10 000 Euro in Sachleistungen beantragen. Das waren Zeiten, in denen in jedem Monat 25 Anfragen kamen. Ich schätze die Zahl für 2016 auf rund 200. Derzeit sind es immer noch ein bis zwei ­ pro Woche.
Gibt es bei den Anfragen zur Akteneinsicht Schwerpunkte bei einzelnen Heimen?
Das Kinderheim in Korntal im Kreis Ludwigsburg etwa spielt zahlenmäßig eine große Rolle, das ist ein großes Heim. Wir haben auch viele Anfragen zum St. Konradihaus in Schelklingen im Kreis Biberach und zur Marienpflege in Ellwangen. Gehäuft kommen auch Anfragen zu den ehemaligen Landeserziehungsheimen in Esslingen, Flehingen, Schönbühl und Oberurbach. Aber insgesamt beziehen sich die Anfragen auf viele unterschiedliche Einrichtungen.

Heimerziehung – eine unrühmliche Geschichte

In den Kinder- und Jugendheimen gab es bis weit in das 20. Jahrhundert hinein rüde Erziehungsmethoden, Machtausübung bis hin zu Gewalt und sexuellem Missbrauch waren gang und gäbe. Der von der Bundesregierung eingesetzte Runde Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ stellte 2010 fest: Vielerorts geschah Unrecht­ – und es verursachte oft enormes Leid.

Nach 2012 trieb Baden-Württemberg die Aufarbeitung mit der Einrichtung einer Anlauf- und Beratungsstelle des Sozialministeriums voran, die bis Ende 2014 auch über finanzielle Entschädigungen entscheiden konnte. Das „Projekt Heimerziehung“ beim Landesarchiv ist bisher bundesweit einzigartig.

Das Projektteam im Landesarchiv unter der Leitung von Christian Keitel und Clemens Rehm, dem als Ansprechpartnerinnen Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth angehören, hat eine Ausstellung zur Geschichte der Heimerziehung im Land erarbeitet. Die Wanderausstellung ist bis 30. März im Generallandesarchiv Karlsruhe und vom 7. April an im Rastatter Stadtmuseum zu sehen.

Gut 300 Millionen Euro haben Bund, Länder und Kirchen bundesweit für Menschen bereitgestellt, die zwischen 1949 und 1975 als Heimkinder Leid und Unrecht erlebt haben. Bezahlt werden zum Beispiel Therapien oder altersgerechte Umbauten der Wohnung, damit die Betroffenen nicht wieder in einem Heim leben müssen.