Stadtkind Stuttgart

Geschwister der Stadt: Juan, Sonia und David Blanco del Rio "Wir haben uns noch nie gestritten"

Von Tanja Simoncev 

Am Donnerstag geht am Hans-im-Glück-Brunnen das Brunnenfest in die nächste Runde. Einer, der dabei kräftig mitmischt, ist Deli-Chef Juan Miguel Blanco del Rio. Der passende Anlass um mit dem Gastronom und seinen Geschwistern unsere neue Reihe zu starten.

Ein Herz und eine Seele: Juan Miguel Blanco del Rio mit seinen Geschwistern Sonia und David (von links). Foto: Tanja Simoncev 6 Bilder
Ein Herz und eine Seele: Juan Miguel Blanco del Rio mit seinen Geschwistern Sonia und David (von links). Foto: Tanja Simoncev

Stuttgart - Familie, Vertrauen, Verbundenheit: Juan, Sonia und David Blanco del Rio sind ein Herz und eine Seele, das sieht man, das spürt man. Die Geschwister mit spanischen Wurzeln, die zusammen das Café Deli, Classic Rock Café, den Schwabengarten und das neue, spanische Restaurant "José y Josefina" betreiben, halten zusammen, sind füreinander da, lassen nichts auf den anderen kommen. Klingt nach Bilderbuch-Familie und Harmonie pur - "ist es auch!", betonten die drei, die sich selbst als coole Gang bezeichnen, lautstark.

Einmal am Tag wird miteinander telefoniert, sonntags zusammen gegessen - wer das nicht kapiert, hat Pech gehabt. "Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche", sind sich die Geschwister einig. Damals machte Mama Josefina die beste Tortilla der Welt und man versammelte sich an einem großen Tisch, heute trommelt Schwester Sonia alle zusammen. "Sie ist das Herz der Familie", befinden die Brüder. 

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, Geschwister sind am allerbesten!"

Zusammen machte man sich in Stuttgarts Gastro-Szene schnell einen Namen, trotz oder gerade weil die Aufgaben klar verteilt sind. David ist zuständig für Facebook, Instagram und all das, was mit Social Media zu tun hat, Schwester Sonia kümmert sich um die Buchhaltung, Juan kann gut mit den Gästen. "Mein damaliger Geschäftspartner hat mich immer als 'Grüßgottle' bezeichnet", erinnert sich der 45-Jährige schmunzelnd zurück. 

Was die Vollblut-Gastronomen und -Spanier verbindet, wie ihre Kindheit war und warum Streit nie ein Thema ist, folgt in kurzen Geschichten. Dabei schwelgten Juan, Sonia und David lachend in Erinnerungen.

Wie eine Ananas

Sonia: "Meine Mutter hat immer zu uns gesagt: Wir sind wie eine Ananas. Jeder ist ein Blättchen, aber wir gehören alle zusammen. Dem, dem es am schlechtesten geht, dem muss man helfen, das wurde uns so eingetrichtert, ganz ohne Zwang. Und deshalb sind wir wie selbstverständlich immer füreinander da. Das ist mit Sicherheit auch unsere Mentalität, da herrscht ein großer Zusammenhalt."  

Adios España, hallo Deutschland

Juan: "Unsere Kindheit war echt toll. Ich war zwei Jahre alt, meine Schwester fünf als wir mit unserer Mutter nach Deutschland kamen. Mein Vater war schon da, David kam erst später zur Welt. Wir haben damals in der Falbenhennenstraße gewohnt, in einer kleinen Wohnung und waren unheimlich eingebunden in die spanische Community der Stadt. Wir haben sehr viel mit der Familie gemacht, haben viele Ausflüge mit den Spaniern unternommen. Und die Kirche war immer sehr wichtig.

Sonia: "Wir waren Ministranten und haben ständig gekichert, weil der Pfarrer bei der Predigt so gewackelt hat. Wir hatten immer viel Spaß. Aus dem Urlaub in Spanien haben wir uns oft Schinken mitgebracht, den unser Vater auf der Zugfahrt unter unseren Füßen versteckt hat. Wir durften uns nicht bewegen, das war echt witzig."

Familia light

Juan: "Als wir dann mit dem Partymachen angefangen haben, fand für kurze Zeit das Familienleben in reduzierter Form statt. Man meldete sich nicht mehr so oft, hockte nicht ständig aufeinander. Erst als wir älter wurden und selbst eigene Familien hatten, fand das Familienleben wieder verstärkt statt. Irgendwann merkst du, dass die Eltern mehr sind als Vater und Mutter, sie sind echte Freunde. Die ehrlichste Meinung, die man bekommen kann, ist die der Eltern."

Billard-Boys 

Mit 20 Jahren hat Juan das Billard-Café Seven oberhalb des Wilhelmsplatzes übernommen. David war damals erst zehn, wollte aber ständig Billard zocken. "Ich musste ihn jedes Mal aus dem Café rausschmeißen, weil er immer mit seinen ganzen Kumpels antanzte, aber natürlich viel zu jung war", so Juan lachend. Mit 16 Jahren hat der jüngere Bruder dann immer mehr Schichten übernommen bis weitere, eigene Lokale folgten.

Brüder-Beteiligung

Juan: "Eines Tages bin ich zu meinem Steuerberater und meinte: Ich möchte meinen Bruder gern an der Firma beteiligen und ihm 50 Prozent davon übertragen. Der Steuerberater fragte mich daraufhin, was ich dafür verlange und ich antwortete: Nichts, ich schenke es ihm. Der Steuerberater daraufhin: Wie meinen sie das? Das geht nicht. Ich: Aber wieso, das ist doch mein Bruder. Der Steuerberater: Diese Situation habe ich noch nie erlebt. Okay, dann müssen wir es für einen Euro ansetzen. Und ich so: Wenn es nicht anders geht, dann so. Aber ich kann doch von meinen Geschwistern kein Geld verlangen, das geht für mich gar nicht."

Familien-Chat

Juan: "Eine Woche im Jahr fahre ich immer mit meinen Jungs weg. Wir sind acht Kumpels. Und wenn wir beispielsweise in Portugal ankommen, dann schreibe ich als erstes 'Bin gut angekommen' in unseren Familien-Chat. Das ist für mich ganz selbstverständlich. Nur David muss man da ein bisschen hinterher telefonieren. Mich jetzt aber eine Woche gar nicht bei meiner Familie zu melden, das würde mir niemals in den Sinn kommen. Wir sind so viele im Chat, das macht richtig Spaß."

Die Nanny

Juan: "Meine Frau und ich haben ja gerade erst Zwillinge bekommen und für mich war ganz klar, dass meine Schwester uns hilft." Für die gelernte Tagesmutter Sonia war das gar kein Thema: "Ja klar, auf meine Nichte und meinen Neffen aufzupassen, was kann mir besseres passieren." 

Jeden Tag was Neues

David: "Uns wird nie langweilig. Jeden Tag passiert etwas, mit dem wir nicht unbedingt gerechnet haben. Plötzlich ruft die Brauerei an und fragt: Habt ihr Bock den Biergarten zu machen? Immer was los im Hause Blanco del Rio." Und Juan ergänzt: "Das neue Lokal in Stuttgart-West zum Beispiel war eine Mischung aus Herzensprojekt und Zangengeburt und hat uns viele Nerven gekostet. Am Ende ist es dann aber ein angenehmes, schönes Restaurant geworden. Gut, dass es da ist." David: "Ich wusste schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal geweint habe und dann stand ich vor der Familien-Bilderwand und die Tränen flossen sofort."

Umbau-Arbeiten

David: "Auch bei Umbau-Arbeiten, wie jetzt im neuen Lokal, sind die Aufgaben klar verteilt. Juan ist der Designer. Um die Kasse, die Musik und das Wlan kümmere ich mich. Da hat jeder seinen Bereich, in dem er sich austoben kann und man mischt sich auch nicht beim anderen ein. So ergänzen wir uns als Trio perfekt - jeder macht das, worauf er Bock hat."

Durchschaut

Sonia: "Ich kann ganz klar sagen, dass ich sofort und ohne Worte erkenne, wie es meinen Brüdern geht - ein Blick genügt. Ich schaue die beiden an und weiß, da ist was. Dann bohre ich nach und meistens ist auch was." Juan: "Wir können noch so gut schauspielern, meine Schwester erkennt allein am Gang, was bei uns los ist."   

Erste Liebe

Sonia: "Ich habe vier Jahre in Teneriffa gelebt. Das Klima ist toll, aber alles andere habe ich an Deutschland vermisst - vor allem meine Familie. Das war 1996/97. Deshalb bin ich zurückgekommen. Und als ich bei der Landung den Fernsehturm gesehen habe, ging mir sofort das Herz auf." Juan: "Wir sind alle in Stuttgart verwurzelt, wir können und wollen hier nicht weg."