Gesellschaftskritik Heuschrecken sind wir doch alle

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Werden es unsere Kinder einmal schlechter haben? Eine Debatte in der Bibliothek zeigt einen neuen, alten Menschenschlag: den besorgten Gutbürger.

Sind wir die Heuschrecken des Planeten? Foto: dpa
"Sind wir die Heuschrecken des Planeten?" Foto: dpa

Stuttgart - Wir müssen an dieser Stelle grundsätzlich werden, denn alles andere wäre dem Problem nicht angemessen: Seit vierzig Jahren diskutieren wir über die Grenzen des Wachstums. Eine Mehrheit hält Umweltzerstörung und Klimawandel auch für ernste Bedrohungen. Dennoch ändert kaum jemand seinen Lebensstil. Im vergangenen Jahr beispielsweise hat die Menschheit so viel Energie verbraucht wie nie zuvor.

Von einer Wende könne also keine Rede sein, sagen die Pessimisten vom Dienst, die Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel und Harald Welzer, beide Autoren einschlägiger Kassandra-Bücher mit den Titeln "Exit" und "Klimakriege". Und so schaukelt sich die Diskussion mit dem Titel "Fortschritt!?" in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz hoch.

Wir leben, als sollte es unseren Kindern einmal schlechter gehen

Das Fatale sei die Steigerungslogik, die unser Leben durchdringe. Denn wollen wir nicht alle mehr Geld verdienen? Und versuchen nicht alle, den Kindern die Voraussetzungen mitzugeben, dass sie später einmal ordentlich verdienen? Selbst in unschuldigen Forderungen wie der nach dem lebenslangen Lernen steckt ja noch ein unersättliches Streben nach mehr.

Seit den siebziger Jahren lässt uns diese Logik auch Kredite aufnehmen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Schulden, die unsere Kinder und Enkel höchstens tilgen können, wenn wir weiter wachsen. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir nicht, wie das gehen soll. Wir leben, als wollten wir sagen: Unseren Kindern soll es einmal schlechter gehen.

Um die Dinge so pessimistisch zu sehen, wie sie sind, muss man weder studiert noch wissenschaftlich abgesicherte Daten haben. Die präzisen Zahlen sind ohnehin egal, da es um einen Trend geht. Dennis Meadows, einer der Autoren des Club-of-Rome-Berichts von 1972, soll neulich vor einer Enquete-Kommission des Bundestags zu Protokoll gegeben haben, dass es für ein Umkehren schon zu spät sei. Man könne höchstens versuchen, sich für die kommenden Katastrophen zu wappnen.

"Sind wir die Heuschrecken des Planeten?"

Langsam regt sich Zustimmung im Publikum. "Sind wir die Heuschrecken des Planeten?", fragt ein Zuhörer. Er habe eine gute Nachricht, antwortet Miegel: Einige Menschen würden überleben. Und Welzer warnt vor der Illusion, man könne den Ressourcenverbrauch einschränken, ohne den Wohlstand aufzugeben. Ein Optimist wie Ernst Ulrich von Weizsäcker hält es für möglich, bei stabilem Wohlstand den Naturverbrauch um 80 Prozent zu reduzieren. Aber Optimisten melden sich an diesem kurzweiligen Abend nicht zu Wort.

Das mit dem Wohlstand ist ein heikler Punkt, denn wer verzichtet schon freiwillig? Da wir in einer Demokratie leben, in der Mehrheiten entscheiden, wird man wohl vergeblich auf einen Ruck warten. Und man darf hinzufügen, dass die Sache nicht leichter wird, wenn sich 194 Staaten auf einem UN-Klimagipfel im Konsensverfahren auf ein substanzielles Abkommen einigen sollen.

Also sucht man nach einem neuen Ansatz, der den Stillstand überwindet. Vielleicht muss man Wachstum neu definieren? Wachstum meint meist Wirtschaftswachstum, und das wird durch das Bruttosozialprodukt erfasst, die Summe aller Einkommen. Das Königreich Bhutan orientiert sich hingegen an einem Bruttoglücksprodukt, und auch England will demnächst die Zufriedenheit seiner Bürger erheben.