InterviewGespräch mit Ensaf Haidar „Diese Mentalität ertrage ich nicht mehr“

Von vih 

Zehn Jahre Haft und 1000 Stockhiebe: das ist die Strafe für den saudischen Blogger Raif Badawi, der ein politisches Forum im Internet gegründet hatte. Seine Frau Ensaf Haidar kämpft für ihn – auch gegen den Willen ihrer Familie, die sie zur Scheidung drängte.

Ensaf Haidar lebt mit ihren drei Kindern im Exil in Kanada. Foto: dpa
Ensaf Haidar lebt mit ihren drei Kindern im Exil in Kanada. Foto: dpa
Stuttgart - Raif Badawi muss eine unmenschliche Strafe verbüßen: Weil er ein Internetforum gründete und dort offen über Politik und Religion in Saudi-Arabien diskutierte, wurde der Blogger zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt. Seine Frau Ensaf Haidar fürchtet, dass die zunächst ausgesetzte Prügelstrafe bald wieder aufgenommen wird.
Frau Badawi, wie geht es Ihrem Mann?
Er ist in einem schlechten Zustand – gesundheitlich und mental. Er ist nun schon mehr als drei Jahre in Haft, das hat Spuren hinterlassen. Er ist mit 20 Personen in einen Raum gesperrt. Die hygienischen Verhältnisse und das Essen sind sehr schlecht. Er hat stark abgenommen und leidet unter hohem Blutdruck.
Wie bleiben Sie in Kontakt?
In der Regel kann er einmal in der Woche mit mir telefonieren. Aber das tröstet wenig darüber hinweg, dass ich und die Kinder ihn seit vier Jahren nicht gesehen haben.
Ihr Mann hatte eine Plattform im Internet gegründet, das „Netzwerk saudischer Liberaler“. Worüber haben die Menschen dort diskutiert?
Es ging um Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Frauenrechte in Saudi-Arabien. Dabei hat mein Mann nicht die Religion an sich kritisiert, sondern vor allem das Verhalten der saudischen Religionspolizei. Im Grunde hat er nicht mehr gefordert, als dass die Menschen in Saudi-Arabien ein normales Leben führen dürfen.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihr Mann zunächst wenig politisch war. Wie kam der Wandel zum liberalen Denker?
Raif war nie konservativ. Er hatte schon lange seine Ideen, auch wenn er sie noch nicht richtig artikulieren konnte. Nach unserer Hochzeit sind wir viel gereist. Wir haben beide gesehen, dass wir uns in anderen Ländern frei verhalten dürfen. Einige Zeit später fing er an, Bücher über die Französische Revolution, über die Aufklärung und die Säkularisierung in Europa zu lesen. Das hat ihn sehr beeindruckt.
In dem Forum tauschten sich viele kritische saudische Intellektuelle aus. Auch in mächtigen Kreisen des Landes hatte ihr Mann Unterstützer. Was ist aus ihnen geworden?
Die meisten kenne ich nicht, sie haben unter Pseudonym geschrieben. Zu seinen Unterstützern möchte ich nichts sagen, ich will sie nicht gefährden. Wie viel Zustimmung Raif im Land hat, ist schwer zu sagen, ich schätze sie aber eher gering ein. Die saudische Gesellschaft ist sehr konservativ.