Gespräch über Landwirtschaft in Stuttgart-West In Kolumbien ist alles bio

Von Petra Mostbacher-Dix 

Beim Stadtteilgespräch im Eltern-Kind-Zentrum ging es um „urbane Landwirtschaft – global und in Stuttgart“.

Claudia Patricia Ghitis referierte über Landwirtschaft in Kolumbien. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Claudia Patricia Ghitis referierte über Landwirtschaft in Kolumbien.Foto: Petra Mostbacher-Dix

S-West - „Mit all den Nahrungsmitteln, die es auf der Welt gibt, sollte kein Mensch hungern!“ Claudia Pa­tricia Ghitis, Referentin im Programm Bildung trifft Entwicklung, wirkt wie eine Frau, die in sich ruht. Doch diesen Satz sagte sie mit Nachdruck. Im Eltern-Kind-Zentrum Stuttgart-West beleuchtete die Kolumbianerin, die Ökologie studiert und einen Master in Energie und Umwelttechnik hat, das Thema Ernährung aus der globalen Perspektive.

Geladen worden war sie von den Machern der Initiative Stuttgart Open Fair zum Stadtteilgespräch über „Ernährung – urbane Landwirtschaft global und in Stuttgart“: Nach Impulsvorträgen gab es Tischgespräche über Aktuelles, etwa das Urban Gardening Projekt „el palito“ in Degerloch. In dem Gemeinschaftsgarten werden auch Lebensmittel geteilt.

Viele Besucher interessierten sich für das Thema

Für diese Themen interessierten sich viele Besucher. Kein freier Platz war mehr zu finden, als Ghitis über die Projekte ihres Heimatlands berichtete, in denen etwa die Campesinos, die Landarbeiter, oder Dorffrauen beim Anbau von Bohnen, Quinoa oder Maniok unterstützt werden. „In einem Fall konnten wir dank einer Firma eine solarbetriebene Trockenmaschine für Ananas aufstellen“, so Ghitis. Nun könnten die Früchte haltbar gemacht werden. Das Problem sei, die oft fehlende Infrastruktur in Kolumbien. „Der Weg zu den Großmärkten im Land ist beschwerlich, Lager fehlen, der globale Markt unterliegt Preisschwankungen.“

Um aus der Armutsfalle herauszukommen, müssten, so sind sich viele Wissenschaftler einig, Bauernfamilien etwa über Kooperativen in die Lage versetzt werden, über den Eigenbedarf hinaus Nahrungsmittel anzubauen und einen Überschuss zu produzieren. Dieser könne dann beispielsweise auf dem lokalen Markt verkauft werden. „In Kolumbien ist alles Bio“, betonte Ghitis. „Die Bauern haben kein Geld für Pestizide und Firmen wie Monsanto.“

Den Faden der lokalen Landwirtschaft griff die Ernährungswissenschaftlerin und -therapeutin Petra Forster auf. Sie sprach darüber, wie viel die lokale Landwirtschaft zu einer nachhaltigen Ernährung beitragen könne. Unter anderem hatte die Dozentin dazu eine Bachelor-Arbeit anfertigen lassen, in der erforscht wurde, wie viel der benötigten Nahrungsmittel und wichtigen Nährstoffe ein Bauernhof vor den Toren der Stadt zum Speiseplan der Mischkostler, des Ovo-Lacto-Vegetariers oder des Veganers beitragen kann. „Bei Mischkost und Ovo-Lacto kann ein Öko-Bauernhof 60 Prozent des Bedarfs decken, bei veganer Ernährung sind es 50 Prozent“, so Forster.

Urbanes Gärtnern ist en vogue

Gerade die Natur zeige uns, dass und wie Kreislaufwirtschaft funktioniere. Linsen, überhaupt Hülsenfrüchte, seien „wunderbare Proteinlieferanten“ und zögen das Kohlendioxid aus der Luft. „Die Natur ist das Perpetuum Mobile, das Leonardo da Vinci immer suchte, dahin müssen wir zurückkommen“, erklärte Forster. Derzeit verbrauchten wir ein Fünftel des Materials, also Rohstoffe und Verpackung, für die Ernährungsherstellung. Diese ziehe zudem 20 Prozent der Primärenergie. „Das ist nicht nachhaltig“, betonte Forster. „So können wir nicht weitermachen.“

An dieser Feststellung knüpfte Alexander Schmid, Beauftragter für urbanes Gärtnern der Stadt Stuttgart, in seinem Vortrag an. Zunehmend schlössen sich in Quartieren Nachbarn zusammen, um auf einer kleinen Grünfläche oder auf dem Dach Gemüse oder Obst anzubauen. Von 2014 bis 2015 habe sich die Anzahl der Anbauflächen in Stuttgart auf 25 nahezu verdoppelt, Tendenz steigend. Dafür gebe es viele Gründe, erklärte Schmid. „Die Menschen tun es, weil sie dann wissen, was sie angebaut haben, Bio aus dem eigenen Garten. Aber auch aus sozialen Gründen, man bekommt Kontakt, tauscht sich aus.“ Nicht zuletzt sei Urban Gardening auch für das Klima und die Ästhetik enorm wichtig. „Die Stadt unterstützt solche Projekte. Melden Sie sich, die Töpfe sind voll.“

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