Gesundheit Doping für Körper und Geist

Fatma Tetik, 24.12.2012 10:00 Uhr

Stuttgart - Alle Jahre wieder spielen die Radiosender pünktlich zum Verkauf von Lebkuchen und Zimtsternen „Last Christmas“ von Wham hoch und runter – bis zur Schmerzgrenze. Dabei geht es in der Schnulze nicht einmal um Weihnachten, sondern um eine gescheiterte Liebesbeziehung. Der Song scheint dennoch nicht aus der Mode zu kommen, ganz im Gegensatz zu den traditionellen deutschen Weihnachtsliedern. Während sich früher die Familie generationenübergreifend im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer zum gemeinsamen Singen verabredete, ist dies heute oft nicht mehr der Fall. 60 Prozent der Deutschen singen keine Weihnachtslieder mehr. Das ergab eine Umfrage des YouGov-Meinungsforschungsinstituts für die Deutsche Presse-Agentur.

Das Singen unter dem Tannenbaum verschwindet also zunehmend aus den deutschen Wohnzimmern. Stattdessen sorgen Lieder aus der Konserve für ein besinnliches Hintergrundrauschen. Kinder freuen sich allenfalls an Rolf Zuckowski, Nena und Popvarianten von „Oh Tannenbaum“ und „Stille Nacht“ beim Plätzchenessen und Geschenkeauspacken.

67 Prozent meinen, sie können nicht singen

Die meisten Singmuffel schämen sich schlichtweg, so lautet das Ergebnis einer Umfrage der Marktforscher von Ears and Eyes aus 2008. 67 Prozent der Deutschen meinen, sie könnten nicht singen. Dass es darauf nicht ankommt, belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre. Ihr Tenor: nach anfänglichen Startschwierigkeiten stimmten sich die ­Sänger schnell aufeinander ein. Vor allem Kirchenchorsänger berichteten vom beglückenden Gemeinschaftsgefühl beim Singen.

Der Wiener Kommunikations- und Musikpsychologe Thomas Biegl bestätigte in seiner Untersuchung, dass das gemeinsame Singen vielfältige positive Effekte auf die Gesundheit hat. Er beobachtete, dass sich bereits nach kurzer Zeit der Hormonspiegel im Körper der Sänger veränderte (siehe Zusatzinfos). Beim Anstimmen der Weihnachtslieder werden demnach Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, Oxytocin und Endorphine ausgeschüttet. Dieser Hormoncocktail verursacht ein Harmonie- und Zufriedenheitsgefühl.

„Wenn man mit Freude singt und immer dann, wenn uns etwas unter die Haut geht, werden die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert. Dort liegen Nervenzellen, die lange Fortsätze haben, die wiederum in alle anderen Bereiche des Gehirns ziehen. An den Enden dieser Fortsätze wird ein Cocktail von neuroplastischen Botenstoffen ausgeschüttet“, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universitätsmedizin Göttingen. Zugleich wird beim Singen aber auch der Testosteron- sowie Cortisolspiegel gesenkt – Stress und Aggressionen werden abgebaut. „Wenn Kinder Angst haben, etwa wenn sie in den Keller gehen oder durch den finsteren Wald laufen, dann singen sie, weil es sie beruhigt“, sagt Gerald Hüther. Mit Liedern versuchten sich beispielsweise auch 2010 die verschütteten Bergleute in Chile von ihrer verzweifelten Lage in 700 Meter Tiefe abzulenken.

Regelmäßiges Trällern stärkt Immunabwehr

Wer nicht nur Weihnachten aktiv singt, der tut seinem Körper dauerhaft etwas Gutes, denn Singen hat laut Gesundheitsexperten einen ähnlichen Effekt wie Fitnesstraining. Beim Singen atmen Menschen langsamer und tiefer, ihr Zwerchfell wird aktiviert, die Bauchorgane werden massiert. So werden Herz und Kreislauf gestärkt, und der Körper wird insgesamt besser mit Sauerstoff versorgt. Zehn bis 15 Minuten täglich reichen Experten zufolge bereits aus, um einen positiven Effekt auf das Herz-Kreislauf-System zu erlangen.

Wer regelmäßig das hohe C trällert, der hat auch ein stärkeres Immunsystem – das fanden Forscher vom Institut für Musik­pädagogik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt 2004 heraus. Die Wissenschaftler untersuchten die Speichelproben von Kirchenchormitgliedern, die das „Requiem“ von Mozart sangen. Dabei stellten sie fest, dass nach der Chorprobe die Anzahl der Immunglobuline A, die in den Schleimhäuten sitzen und Krankheitserreger bekämpfen, stark gestiegen war. Hörten die Mitglieder dagegen das Requiem nur vom Band, blieb die Anzahl der Antikörper unverändert.