Gesundheit
Schweinegrippe schmerzt das Land
Nicole Höfle/apn,
07.02.2010 16:07 Uhr
Foto: dpa
Stuttgart - Im Sommer noch ist die Frucht vor der Schweinegrippe groß gewesen. Aufgeregte Jugendliche stürmten aus dem Mallorca-Flieger direkt in die Notfallpraxis im Marienhospital, weil sie fürchteten, sich angesteckt zu haben. Inzwischen verbreitet das Virus keinen Schrecken mehr, stattdessen ist es zur Lachnummer geworden - bestens geeignet für eine gute Pointe in jeder Büttenrede. Wirklich zum Lachen aber sind die Folgen der Pandemieplanung nicht, vor allem nicht für das Land. Denn Baden-Württemberg muss vom Hersteller Glaxo Smith Kline - trotz des mit allen Ländern ausgehandelten Kompromisses - immer noch 4,2 Millionen Dosen Impfstoff abnehmen. Schon zeichnet sich ab, dass das Land auf großen Mengen sitzenbleiben wird, weil sich keiner mehr gegen das H1N1-Virus impfen lassen will, das sich bisher als hochansteckend, aber harmlos erwiesen hat. Die Krux: die Krankenkassen zahlen den Impfstoff nur, wenn sich ein Versicherter impfen lässt, die nichtverimpften Dosen gehen aufs Land. Beim Sozialministerium mag man diese Rechnung nicht aufmachen, deshalb bekommt man von dort auch nicht gesagt, wie viele Dosen bisher geimpft worden sind. Zu erfahren ist nur, dass von den 4,2 Millionen gekauften Dosen Pandemrix bisher 1,4 Millionen an Apotheken und Krankenhäuser ausgeliefert sind. Auskunftsfreudiger ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, bei der bisher 382.000 Impfungen gegen die Schweinegrippe abgerechnet wurden.
Damit ist klar: bei anhaltender Impfmüdigkeit und einem Preis von acht bis neun Euro pro Impfdosis, könnte am Ende ein zweistelliger Millionenbetrag beim Land hängen bleiben. Die Rettung soll aus dem Ausland kommen. Stellvertretend für alle Bundesländer verhandelt derzeit das Land Niedersachsen mit ausländischen Staaten. Das niedersächsische Sozialministerium aber gibt sich zugeknöpft: Man wolle auf keinen Fall sagen, mit welchen Ländern Gespräche liefen. "Schließlich sind auch Frankreich und Belgien mit ihrem übrigen Impfstoff auf dem Markt, da ist Schweigen geboten", sagt die Ministeriumssprecherin Heinke Traeger. Aus anderen Ministerien ist hinter vorgehaltener Hand zu erfahren, dass Pakistan und Irak mögliche Abnehmer seien. Traeger winkt ab: "Man muss sehen, für das Land ist dies eine neue Situation. Wir sind schließlich kein Pharmagroßhandel."
Das baden-württembergische Sozialministerium jedenfalls rät weiterhin zur Impfung gegen die Neue Grippe und stützt sich dabei auf die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Auch die Stuttgarter Ärztin Gisela Dahl, die für die KV die Pandemieplanung macht, warnt vor zu großer Leichtfertigkeit: "Wir haben erst Februar, da kann noch eine Welle kommen. Vor allem stehen die Faschingsferien noch bevor." Die Nachfrage nach Pandemrix aber ist spärlich, von der Landesärztekammer ist zu erfahren, dass seit Anfang des Jahres praktisch kein Impfstoff mehr geordert wird. Markus Klett, der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft, hat seine für Januar angesetzten Impftermine absagen müssen - die angemeldeten Patienten wollten nicht mehr. Alois Jindra, Betriebsarzt im Marienhospital, hat für 2010 gar keine Termine mehr angesetzt, die Ärzte und Pflegekräfte hatten schon im vergangenen Jahr wenig Interesse an der Vorsorgemaßnahme. "Von den 1500 bestellten Dosen haben wir noch 1000", sagt Jindra, der nicht weiß, was mit dem Rest passieren soll.
Zehn Monate Grippenalarm - so wie die Büttenredner Bilanz ziehen, tun es auch die Pandemieplaner und Ärzte in Stuttgart. Karnevaleske Auswüchse gab es in diesen Monaten genügend: die Urlauber, die mit ihren Sonnenhüten die Notfallpraxis belagert haben zum Beispiel. Oder die zehn Ärzte im Land, die von ihren Gesundheitsämtern in Quarantäne geschickt worden sind, weil sie einen Rachenabstrich für einen Schweinegrippentest ohne Mundschutz und Schutzkittel gemacht hatten. Die Ärzte mussten ihre Praxen eine Woche schließen, obwohl sie nicht krank waren. Schon ein paar Wochen und viele Infizierte später interessierte es niemanden mehr, ob die Mediziner die Schutzvorschriften einhielten - auch wenn sie offiziell immer noch gelten. Martin Priwitzer vom Stuttgarter Gesundheitsamt beschreibt das Dilemma der Pandemieplaner: "Im Nachhinein ist die Bewertung immer einfach. Aber es war ein völlig neues Virus, von dem keiner sagen konnte, wie es sich entwickeln würde." Susanne Glasmacher vom RKI in Berlin resümiert nüchtern: "Egal, wie wir uns verhalten, einen Vorwurf bekommen wir immer: den, Gefahr entweder zu hoch oder zu niedrig gehängt zu haben."
Unterdessen gibt es als Folge der Massenproduktion des Schweinegrippe-Impfstoffs in Deutschland derzeit einen ernsten Engpass bei der Herstellung von Kinderimpfstoffen. Insgesamt sieben davon seien seit Mitte Januar nicht mehr lieferbar, sagte Ursel Lindlbauer von der ständigen Impfkomission des Bundes der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Am meisten Sorgen macht uns der Engpass bei dem einzigen verfügbaren Sechsfach-Impfstoff", erklärte die Münchner Kinderärztin. Dadurch könne eine ganze Geburtskohorte von Säuglingen im ersten Lebensjahr nicht mehr gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten immunisiert werden. Auch bei einem Vierfach-Impfstoff gegen die Viruserkrankungen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken stocke der Nachschub, beklagte die Medizinerin. Zurzeit sei es nur möglich, die vorgesehenen Impftermine zu verschieben oder Einzelimpfungen vorzunehmen, bei denen die Säuglinge häufigere Spritzen ertragen müssten. Eine Sprecherin des britischen Herstellers GlaxoSmith Kline bedauerte der Zeitung zufolge die Situation: Man versuche, die "Unannehmlichkeiten für Ärzte, Eltern und Kinder möglichst rasch zu entschärfen". Es könne jedoch noch zu Verzögerungen bis in das zweite Quartal hinein kommen.
Damit ist klar: bei anhaltender Impfmüdigkeit und einem Preis von acht bis neun Euro pro Impfdosis, könnte am Ende ein zweistelliger Millionenbetrag beim Land hängen bleiben. Die Rettung soll aus dem Ausland kommen. Stellvertretend für alle Bundesländer verhandelt derzeit das Land Niedersachsen mit ausländischen Staaten. Das niedersächsische Sozialministerium aber gibt sich zugeknöpft: Man wolle auf keinen Fall sagen, mit welchen Ländern Gespräche liefen. "Schließlich sind auch Frankreich und Belgien mit ihrem übrigen Impfstoff auf dem Markt, da ist Schweigen geboten", sagt die Ministeriumssprecherin Heinke Traeger. Aus anderen Ministerien ist hinter vorgehaltener Hand zu erfahren, dass Pakistan und Irak mögliche Abnehmer seien. Traeger winkt ab: "Man muss sehen, für das Land ist dies eine neue Situation. Wir sind schließlich kein Pharmagroßhandel."
Das Ministerium rät weiter zur Impfung
Das baden-württembergische Sozialministerium jedenfalls rät weiterhin zur Impfung gegen die Neue Grippe und stützt sich dabei auf die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Auch die Stuttgarter Ärztin Gisela Dahl, die für die KV die Pandemieplanung macht, warnt vor zu großer Leichtfertigkeit: "Wir haben erst Februar, da kann noch eine Welle kommen. Vor allem stehen die Faschingsferien noch bevor." Die Nachfrage nach Pandemrix aber ist spärlich, von der Landesärztekammer ist zu erfahren, dass seit Anfang des Jahres praktisch kein Impfstoff mehr geordert wird. Markus Klett, der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft, hat seine für Januar angesetzten Impftermine absagen müssen - die angemeldeten Patienten wollten nicht mehr. Alois Jindra, Betriebsarzt im Marienhospital, hat für 2010 gar keine Termine mehr angesetzt, die Ärzte und Pflegekräfte hatten schon im vergangenen Jahr wenig Interesse an der Vorsorgemaßnahme. "Von den 1500 bestellten Dosen haben wir noch 1000", sagt Jindra, der nicht weiß, was mit dem Rest passieren soll.
Zehn Monate Grippenalarm - so wie die Büttenredner Bilanz ziehen, tun es auch die Pandemieplaner und Ärzte in Stuttgart. Karnevaleske Auswüchse gab es in diesen Monaten genügend: die Urlauber, die mit ihren Sonnenhüten die Notfallpraxis belagert haben zum Beispiel. Oder die zehn Ärzte im Land, die von ihren Gesundheitsämtern in Quarantäne geschickt worden sind, weil sie einen Rachenabstrich für einen Schweinegrippentest ohne Mundschutz und Schutzkittel gemacht hatten. Die Ärzte mussten ihre Praxen eine Woche schließen, obwohl sie nicht krank waren. Schon ein paar Wochen und viele Infizierte später interessierte es niemanden mehr, ob die Mediziner die Schutzvorschriften einhielten - auch wenn sie offiziell immer noch gelten. Martin Priwitzer vom Stuttgarter Gesundheitsamt beschreibt das Dilemma der Pandemieplaner: "Im Nachhinein ist die Bewertung immer einfach. Aber es war ein völlig neues Virus, von dem keiner sagen konnte, wie es sich entwickeln würde." Susanne Glasmacher vom RKI in Berlin resümiert nüchtern: "Egal, wie wir uns verhalten, einen Vorwurf bekommen wir immer: den, Gefahr entweder zu hoch oder zu niedrig gehängt zu haben."
Engpass bei Kinderimpfstoffen
Unterdessen gibt es als Folge der Massenproduktion des Schweinegrippe-Impfstoffs in Deutschland derzeit einen ernsten Engpass bei der Herstellung von Kinderimpfstoffen. Insgesamt sieben davon seien seit Mitte Januar nicht mehr lieferbar, sagte Ursel Lindlbauer von der ständigen Impfkomission des Bundes der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Am meisten Sorgen macht uns der Engpass bei dem einzigen verfügbaren Sechsfach-Impfstoff", erklärte die Münchner Kinderärztin. Dadurch könne eine ganze Geburtskohorte von Säuglingen im ersten Lebensjahr nicht mehr gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten immunisiert werden. Auch bei einem Vierfach-Impfstoff gegen die Viruserkrankungen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken stocke der Nachschub, beklagte die Medizinerin. Zurzeit sei es nur möglich, die vorgesehenen Impftermine zu verschieben oder Einzelimpfungen vorzunehmen, bei denen die Säuglinge häufigere Spritzen ertragen müssten. Eine Sprecherin des britischen Herstellers GlaxoSmith Kline bedauerte der Zeitung zufolge die Situation: Man versuche, die "Unannehmlichkeiten für Ärzte, Eltern und Kinder möglichst rasch zu entschärfen". Es könne jedoch noch zu Verzögerungen bis in das zweite Quartal hinein kommen.
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Organisationsproblem
Vielleicht hat das Land auch einfach versagt, die Impfung vernünftig zu organisieren. So habe ich (wegen Risikofall in der Familie) über Wochen versucht, im Kreis Göppingen die Impfung zu bekommen, sowohl für mich als auch für unsere Kinder. Kaum ein Arzt hat geimpft, und bei denen, die offiziell impften, war entweder kein Impfstoff vorhanden oder kein Termin zu bekommen. Hoffentlich schmerzt der finanzielle Verlust nun so sehr, dass man im Land auch mal über eigene Fehler, z. B. seine Organisation, nachdenkt. Für einen wirklichen Ernstfall verheisst das diesmalige Vorgehen jedenfalls nichts Gutes.
WIR BRAUCHEN EINE IMPFPRÄMIE
Das Land sollte eine Prämie von 5 Euro für alle bezahlen, die sich impfen lassen. Das würde den Verlust mildern, und so manches arme Schwein könnte sich durch Mehrfachimpfung noch ein paar Brötchen dazu verdienen - und wäre dann bestimmt auch für lange Zeit immun. Und die Pharmabranche müßte kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn das Zeug endlich aufgebraucht wäre. Damit wäre doch allen geholfen. Es grüßt Euer Pandemiker.
Hysterie-Schleifen
Die Kampagne war vom Feinsten. Der Weltgesundheitsrat, die Politik und die Pharmaindustrie hat seit der Vogelgrippe dazu gelernt. Beinahe muss einem das Virus Leid tun. Vor es zur Pandemie reifte, hat es seinen Schrecken verloren. Dies lag an der weisen Vorausschau der Absatzplanung politischer Pharamareferenten. Ein Marketing-Konzept erster Güte. Welche Spannung-erhaltende Elemente hält die Politik den fragenden Menschen vor, lässt sich die Kampagne toppen? Man darf weiter hoffen..