Gewerkschaft fordert 6,5 Prozent Die Fronten verhärten sich bereits
Matthias Schiermeyer, 07.02.2012 18:48 Uhr
IG-Metall-Chef Berthold Huber geht selbstbewusst in die Tarifrunde 2012. Foto: dpa
IG-Metall-Chef Berthold Huber geht selbstbewusst in die Tarifrunde 2012. Foto: dpa

Stuttgart - Es ist ein weiterer Schritt in der festen Abfolge von Beschlüssen, doch schon jetzt ist klar, dass die Empfehlung des IG-Metall-Vorstandes der konkreten Forderung entsprechen wird. 6,5 Prozent strebt die Gewerkschaft in der Anfang März beginnenden Tarifrunde an. Der endgültige Vorstandsbeschluss am 24. Februar ist damit nur noch Formsache. Schon vor zwei Wochen hatte die Große Tarifkommission in Baden-Württemberg die Messlatte auf diese Höhe gelegt. Die Gewerkschaft zeigt sich somit geschlossen.

Zu den gewohnten – und nur 2010 außer Kraft gesetzten – Ritualen gehört auch die Reaktion der Arbeitgeber. „In dieser Höhe ist die Forderung für uns nicht nachvollziehbar“, sagt Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. Maximal drei Prozent könne die Gewerkschaft mit wirtschaftlichen Kennziffern begründen. Für die restlichen 3,5 Prozent gebe es keine belastbare Grundlage. Der Verbandschef erinnert daran, dass die Tariflöhne 2008 um 1,7 Prozent, 2009 um 4,2 Prozent und 2011 um 2,7 Prozent erhöht worden seien. Hinzu kämen tarifliche Einmalzahlungen, betriebliche Prämien und Boni. Während die Produktion der Metall- und Elektroindustrie erst im Herbst 2011 das Vorkrisenniveau von 2008 erreicht habe, seien die Tariflöhne seither um rund neun Prozent gestiegen – die Verbraucherpreise hingegen um 6,5 Prozent. Die Mitarbeiter hätten also ein spürbares reales Plus in der Tasche.

Die Wissenschaft streitet mit

Ähnlich wie die Tarifparteien heben die ihnen nahestehenden Wissenschaftsinstitute zum Streit an. So hält der Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hagen Lesch, einen Nachschlag für fehl am Platze. Während der Krise 2008/09 habe es Lohnerhöhungen gegeben, obwohl dafür eigentlich kein Spielraum gewesen sei. Problematisch werde es für die Unternehmen, wenn sich die Lohnerhöhungen nicht nur am gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsanstieg orientierten, sondern noch ein Inflationsausgleich draufgeschlagen werde. Wegen der Konjunkturabkühlung werde es den Unternehmen schwerfallen, die höheren Kosten auf die Exportkunden abzuschieben. Auf der anderen Seite hält das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) kräftigere Lohnerhöhungen für wünschenswert. „Die Gewinnlage der Unternehmen ist ausgezeichnet“, sagt IMK-Direktor Gustav Horn. „Da sind dicke Polster vorhanden.“

Einen besonders ernsthaften Streit erwartet die IG Metall um die Leiharbeit, deren Trend steil aufwärts zeigt. „Das Thema steht uns bis hier oben“, giftet der Vorsitzende Berthold Huber. „Wir sind beschissen worden.“ Konkret verlangt die Gewerkschaft eine erweiterte Mitbestimmung der Betriebsräte, um die unkontrollierte Ausweitung zu verhindern. „Dieses System behandelt Menschen wie Kartoffeln oder andere Waren“, rügt Huber. 2011 war die Zahl der Leiharbeiter bundesweit binnen eines Jahres um 100 000 auf über 900 000 gestiegen; jeder dritte Zeitarbeiter ist in der Metall- und Elektroindustrie tätig.

Leiharbeiter planen erstmalig eigene Aktionen

Die IG Metall versucht an zwei Fronten der Leiharbeit Herr zu werden: Am 22. Februar beginnen ihre Verhandlungen mit den Zeitarbeitsverbänden BAP und IGZ, wo die Gewerkschaft einen Branchenzuschlag für die Leiharbeiter in ihren Reihen anstrebt. „Mit dem Zuschlag werden wir kein Equal Pay erreichen“, sagte der Vize Detlef Wetzel. Gemeint ist gleicher Lohn für Stammbeschäftigte und Zeitarbeiter. Dies könne nur in Betrieben mit durchsetzungsstarken Betriebsräten gelingen, die zusätzlich hohe Einsatzpauschalen heraushandeln. Es werde zu Aktionen von Leiharbeitern in ihrer eigenen Tarifbewegung kommen. „Das hat es noch nie gegeben“, sagt Wetzel. Gesamtmetall will nicht weniger, sondern mehr Flexibilität. „Mit einer Begrenzung der Zeitarbeit und einer unbefristeten Übernahmepflicht für alle Auszubildenden würden wir der Industrie einen Bärendienst erweisen“, bekräftigt Kannegiesser seine Ablehnung der Forderungen. „Dann würden die Betriebe weniger beweglich, Arbeitsplätze weniger sicher und Ausbildungschancen für Schwächere geringer. Das ist das Gegenteil dessen, was wir brauchen.“

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