Glaubensfest in Regensburg Der Katholikentag bietet jedem etwas

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Zehntausende begehen in Regensburg ein Glaubensfest. Sie wollen Brücken in die Gesellschaft bauen, Gemeinschaft erleben und Mut schöpfen. Viele hoffen auf den Papst. Sie schwanken jedoch zwischen Aufbruch- und Krisenstimmung.

Der Katholikentag in Regensburg hat viele Facetten. Foto: dpa
Der Katholikentag in Regensburg hat viele Facetten.Foto: dpa

Regensburg - Es ist der erste Katholikentag unter Papst Franziskus. Der Pontifex kommt zwar nicht persönlich nach Regensburg. Er sendet nur ein Grußwort, in dem er die Kraft des Gebets preist und die Kirche mahnt, Brücken in die Gesellschaft zu bauen. Franziskus ist aber allgegenwärtig. Reformer wie Konservative, Kleriker wie Laien nehmen ihn für sich in Anspruch. Das zeigen Eindrücke von der Mammutveranstaltung.

Die Geschichte, die Andreas Baier erzählt, klingt erstaunlich. Doch sie ist typisch für viele auf dem Katholikentag. 1993 war der 45-Jährige erstmals auf einem Christentreffen. Seitdem kann er sich der Faszination nicht entziehen. „Hier denken Leute fünf Tage lang nicht über ihr persönliches Fortkommen nach, sondern darüber, wie die Welt besser wird“, sagt der Bosch-Mitarbeiter. „Damals war ich so beeindruckt, dass ich fast aus schlechtem Gewissen mein Auto verkauft hätte.“ Idealismus steckt, so scheint es, an – zumindest bei Katholikentagen, wo um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gerungen und das Bewusstsein geschult wird.

Die Motive sind so unterschieldich wie das Programm

Doch natürlich geht es nicht allen der rund 31 000 Dauerteilnehmer in Regensburg immer um die gute Sache. Die Motive sind so unterschiedlich wie das rund 600 Seiten dicke Programm. Man will Gemeinschaft erleben, etwas lernen, sich im Glauben stärken, die Stadt erkunden oder schlicht seinen Spaß haben. „Nur Kirche bringt es nicht. Man muss auch feiern und klönen“, sagt zum Beispiel Uschi Klein. Die 65-Jährige ist mit ihrem Mann aus Wilhelmshaven gekommen – einer katholischen Diaspora. „Mit so vielen Christen zusammen sein ist toll“, schwärmt die frühere Kinderkrankenschwesterin. Auf ihrem Programm stehen auch Konzerte und Kabarett.

Zur Lage ihrer Kirche sagt sie aber: „Die ist mies.“ Gerade habe der Bischof fünf Kirchen am Ort geschlossen. „Das war schlimm. Die haben kein Geld und keine Priester“, meint Klein und bringt so eine bundesweite Misere auf den Punkt. Sie hofft trotzdem, dass mit Franziskus die Wende kommt: „Der Papst bewegt uns sehr.“

Der alternative Katholikentag klagt die Mächtigen an

Auf der Katholikentagsmeile, wo sich viele Initiativen mit Ständen präsentieren, steht Johannes Grabmeier und bringt Salzstreuer unters Volk. „Für uns sind Laien das Salz in der Suppe“, sagt der 57-Jährige erklärend dazu. Der Professor für Wirtschaftsinformatik ist für die Konservativen im Bistum ein Querulant, für die Progressiven aber eine Galionsfigur. Er war der Erste, den der damalige Bischof Gerhard Ludwig Müller aus dem Dekanatsrat warf, bevor der Bischof die traditionellen Räte ganz abschaffte und durch gefügigere Gremien ersetzte. Drei Jahre hat Grabmeier gegen die Entmachtung der Laien in Rom prozessiert – vergeblich. Dann hat er auf den neuen Bischof Rudolf Voderholzer gehofft, – ebenfalls vergeblich. „Der ist genauso rückständig“, klagt Grabmeier.

Mit einem privaten Verein kämpft er nun um mehr Einfluss für die Laien. Gästen drückt Grabmeier Flyer mit Franziskus-Zitaten in die Hand. Ihn kümmert nicht, dass Voderholzer auch eifrig Franziskus zitiert: „Jeder pickt sich eben raus, was ihm passt“, meint er. Um auf dem Christentreffen in Regensburg wirklich alles anzubieten, veranstaltet seine Initiative den „Katholikentag plus“ mit. Dort treten die Kritiker auf, die sonst nicht eingeladen sind: Eugen Drewermann und der Anführer der österreichischen Pfarrerrebellen Helmut Schüller.

Die Vertrauenskrise ist noch nicht vorbei

Es sind drastische Worte des Papstes. Missbrauch sei wie eine „satanische Messe“, die Täter würden Gott „verraten“. Das hat Franziskus nach seiner Nahostreise gesagt und angekündigt, sich nächste Woche mit Opfern zur Messe zu treffen – auch ein Hoffnungszeichen? Wer könnte das besser beurteilen als Matthias Katsch, der selbst Opfer wurde im Berliner Canisius-Kolleg und der den großen Skandal des Jahres 2010 mit ins Rollen brachte? Katsch sitzt am Freitag auf einem Podium zum Thema Missbrauch und sagt Überraschendes: Franziskus äußere sich da wie jemand, der noch nicht ausreichend die Perspektive der Opfer einnehme. Gleichwohl machten seine Worte Mut. Er gehe auf Menschen zu, lerne von ihnen. Und vielleicht führe die Initiative des Pontifex ja dazu, dass endlich ein strukturierter Gesprächsprozess mit den deutschen Bischöfen beginne.

Neben dem Sprecher einer Opferinitiative beurteilen fünf weitere Experten im Kolpinghaus die Lage. So wird klar: es ist viel geschehen an Vorbeugungs- und Aufklärungsarbeit seit 2010. Doch die Vertrauenskrise ist nicht vorbei, es bleibt einiges zu tun. Oft erhält Katsch lauten Beifall, wenn er Handeln einfordert: Täter müssten härter bestraft und aus dem Klerikerstand entlassen werden. Die Sexualmoral müsse liberalisiert, die Männermacht in der Kirche gebrochen werden. So weit will freilich Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Katsch nicht entgegenkommen. Womöglich zeige das neue Forschungsprojekt der Bischofskonferenz ja, dass Missbrauch in der Kirche kein gesellschaftlicher Sonderfall sei. Dennoch gibt sich Ackermann versöhnlich. Am Ende nimmt er von Katsch einen Forderungskatalog entgegen und meint, in der Kirche wehe ein frischer Wind. Die Veränderungen gingen weiter.