Glaubensstreit Kampagne gegen Krippensammler
Rüdiger Bäßler, 20.01.2010 13:39 Uhr
Mehr als eine Geschmacksfrage? Diese Krippe löste Entrüstung aus. Foto: Kloster Schussenried
Mehr als eine Geschmacksfrage? Diese Krippe löste Entrüstung aus. Foto: Kloster Schussenried
""Ich hab gedacht, ich bin im falschen Film.""
Sammlerin Hansi Schmehle-Knöpfler

Bad Schussenried - Hansi Schmehle-Knöpfler und ihr Ehemann waren entzückt über das Geschenk, das ihnen eine befreundete Münchner Künstlerin vor Beginn der Krippenausstellung im Neuen Kloster Bad Schussenried (Kreis Biberach) machte. Auf einer Gipshand gruppierte sich die Heilige Familie – in Schweinsgestalt. Der Werktitel: "Schweine(g)krippe". Zu den mehr als 250 in aller Welt zusammengetragenen Exponaten kam so in letzter Minute noch ein gesellschaftskritisches Stück, dem folgender erklärender Text beigefügt war: "Eine sarkastisch ironische Persiflage auf die beinahe biblisch hochstilisierte Rolle der Schweinegrippe als Seuche der Menschheit und der Impfung als Errettung aus dem Verderben."

Auch der Hausherr im Kloster, die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, freute sich zum Start der Ausstellung mit dem Titel "Menschenbilder – Glaubensbilder" im November. Großzügige Leihgeber mit so umfangreichen, jahreszeitlich passenden Sammlungen stehen nicht jeden Tag parat. Es dauerte nicht lange, da wähnte sich die 63-jährige Psychotherapeutin, die im Alter von zehn Jahren ihr erstes geschnitztes Christkind gegen einen Teddybären eingetauscht hatte, "wie im falschen Film". Eine Weile war die Miniatur von den Besuchern mit Interesse, Gleichmut und vielleicht auch stillem Ärger registriert worden. Dann besuchte die Ausstellung ein Anhänger der erzkonservativen Piusbruderschaft, die im katholischen Oberschwaben unter anderem durch eigene Schulen in Riedlingen (Kreis Biberach) und Haslach (Kreis Ravensburg) verankert ist. 2Da brach der Tumult los", erinnert sich die Katholikin Hansi Schmehle-Knöpfler.

Anrufen und Emails terrorisiert


Was die Piusbrüder von der Schweinekrippe hielten, ließen sie mit Hilfe ihrer Medienabteilung in Stuttgart jedermann wissen. Die Darstellung sei "in höchstem Maße blasphemisch und eine Beleidigung für jeden Katholiken" hieß es in einem Netzaufruf. Leser wurden aufgefordert, sich bei der Klosterverwaltung Bad Schussenried zu beschweren. Zur Ermunterung ("Es muss uns auch hier gelingen!") wurde das Beispiel einer ähnlichen Öffentlichkeitskampagne in München genannt. Ein Optiker mit Namen Krass hatte in seinem Schaufenster den Papst als Puppe dargestellt. Über dem Finger hing der Figur ein Kondom, an der Scheibe war eine stilisierte Babyklappe angebracht.Auch in diesem Fall waren Telefonnummer und Mailadresse des Optikers von den Piusbrüdern veröffentlicht worden. Der Optiker entfernte die Puppe daraufhin.

Sammlerin Schmehle-Knöpfler war verschreckt, ebenso die Zentrale der Staatlichen Schlösser und Gärten in Stuttgart. Dutzende der "merkwürdigsten Mails" seien aufgelaufen, sagt ein Sprecher. Die befehdete Krippe wurde in einen Flur gestellt und mit einem Tuch verhüllt, in das ein Guckloch geschnitten war. Doch die Piusbrüder verstärkten ihre Kampagne gegen das "Spott-Exponat". "Wenden Sie sich direkt per Telefon an Frau Schmehle-Knöpfler" wurde jetzt per Internet gefordert. Dazu wurde die Privatnummer der Sammlerin veröffentlicht. Per Mail, erzählt die Betroffene, gingen anonyme Drohschreiben ein mit Sätzen wie "Es wird Ihnen etwas Schreckliches passieren". Auch die "Nachkommen" hätten den Schaden, warnte ein Anonymus.

Die Sammlerfamilie schaltete zu ihrem Schutz die Polizei ein. Niemand aus dem öffentlichen Leben der Kleinstadt Bad Schussenried stellte sich hinter die Ausstellungsmacher, im Gegenteil. Joachim Mäckler, Pfarrer der katholischen Gemeinde Sankt Magnus, übt seinerseits heftige Kritik. Eine "Schweinerei" sei die Krippendarstellung, sagt er auf Anfrage. "Ich hätte gedacht, dass man heute sensibel geworden wäre für religiöse Symbole und die Gefühle anderer ernst nimmt." Die Piusbrüder hätten schon recht mit dem, was sie täten – auch wenn er ansonsten nicht mit ihnen sympathisiere.

Hansi Schmehle-Knöpfler hat inzwischen kapituliert. Am vergangenen Wochenende wurde die Miniatur aus der Ausstellung, die noch bis 21. März dauert, entfernt. "Das ist eine antidemokratische Geschichte", urteilt sie über die Vorgänge der vergangenen Wochen. Sie habe aber Angst vor einer extremistischen Aktion gegen die Ausstellung oder Besucher. Die Piusbrüder reagierten mit Triumph. In der neuesten Pressemitteilung danken sie "Frau Schmehle-Knöpfler" namentlich und ausdrücklich. Sie möge sich nun noch bei allen Gläubigen entschuldigen. Mit den Drohmails habe man im Übrigen nichts zu tun, wird betont. Wer das behaupte, begehe "eine rufschädigende Verleumdung".
Kommentare (7)
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JAN
24
Blogbock, 17:23 Uhr

Gefahr auch für Blogs?

Zum Glück sind diese Brüder noch nicht über meinen Blog gestolpert. Ich hätte wohl dicht machen können. Grund: http://blogbock.wordpress.com/2010/01/20/begrifferraterei-die-zweite/

JAN
21
Albert Groß, 12:24 Uhr

"Menschenbilder-Glaubensbilder"

Also entzückt über das Exponat mit dem Werkstitel:"Schweine(g)krippe" war ich nicht gerade, denn die Menschwerdung Gottes ist viel mehr wert, um nur als Vorlage für eine sarkastisch ironische Persiflage zu dienen. Der weltweite Atheismus wollte auch den Menschen "einimpfen", daß Religion Opium sei. Da aber die Mehrzahl der Menschen impfmüde sind, wurde die Nichtexistenz Gottes mittlerweile abgeschwächt in die Aussage: Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Vielleicht hat deshalb die Münchner Künstlerin gedacht, da habe ich aber nochmal "Schwein" gehabt. Die private Telefonnummer der Sammlerfamilie in der Internetkampagne zu mißbrauchen ist nicht in Ordnung.

JAN
20
Bäßler, R., 23:22 Uhr

Artikel zu Schweineg/krippe

Es läuft einem kalt den Rücken runter, wenn man von solch gespenstischen Gruppierungen erfährt, die sich und ihre psychischen Probleme unter dem Deckmantel einer Relgion austoben und womöglich nicht mal unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, obwohl sie demokratische Prinzipien forsch unterlaufen. Extremreligöse gibt es in jeder Religion: im Islam, im Judentum wie im Christentum. Sie fühlen sich jeweils als besonders berufen. - Was aber verwunderlich ist: zumindest Psychologen (wie auch die Besitzerin der K/G), so dachte ich, kennen doch normaler weise solche extremen Psychoprofile und können deren Reaktion einschätzen. Der Katholizismus ist geprägt von vielen Fetischen und Kulten, deren Methaphorik wie im Mittelalter schlichtweg meist nicht gesehen werden will. Man denke auch an die Wahrnehmer der Bibel, die an eine Schöpfungsgeschichte, die auf sieben Tage begrenzt ist, glauben. P.S. Ein Künstler sollte nicht seine eigenen Werke interpretieren (u.a. sagte das so ähnlich auch Heinrich Böll). Mein Vorschlag: Weil hier Tiere dargestellt sind, soll die Botschaft der Erneuerung des Lebens auch auf die Tier und Pflanzenwelt ausgeweitet werden, auf die Natur, und sich nicht nur auf den Menschen beziehen.

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