""Ich hab gedacht, ich bin
im falschen Film.""
Sammlerin Hansi Schmehle-Knöpfler
Bad Schussenried - Hansi Schmehle-Knöpfler und ihr Ehemann waren entzückt über das Geschenk, das ihnen eine befreundete Münchner Künstlerin vor Beginn der Krippenausstellung im Neuen Kloster Bad Schussenried (Kreis Biberach) machte. Auf einer Gipshand gruppierte sich die Heilige Familie – in Schweinsgestalt. Der Werktitel: "Schweine(g)krippe". Zu den mehr als 250 in aller Welt zusammengetragenen Exponaten kam so in letzter Minute noch ein gesellschaftskritisches Stück, dem folgender erklärender Text beigefügt war: "Eine sarkastisch ironische Persiflage auf die beinahe biblisch hochstilisierte Rolle der Schweinegrippe als Seuche der Menschheit und der Impfung als Errettung aus dem Verderben."
Auch der Hausherr im Kloster, die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, freute sich zum Start der Ausstellung mit dem Titel "Menschenbilder – Glaubensbilder" im November. Großzügige Leihgeber mit so umfangreichen, jahreszeitlich passenden Sammlungen stehen nicht jeden Tag parat.
Es dauerte nicht lange, da wähnte sich die 63-jährige Psychotherapeutin, die im Alter von zehn Jahren ihr erstes geschnitztes Christkind gegen einen Teddybären eingetauscht hatte, "wie im falschen Film". Eine Weile war die Miniatur von den Besuchern mit Interesse, Gleichmut und vielleicht auch stillem Ärger registriert worden. Dann besuchte die Ausstellung ein Anhänger der erzkonservativen Piusbruderschaft, die im katholischen Oberschwaben unter anderem durch eigene Schulen in Riedlingen (Kreis Biberach) und Haslach (Kreis Ravensburg) verankert ist. 2Da brach der Tumult los", erinnert sich die Katholikin Hansi Schmehle-Knöpfler.
Anrufen und Emails terrorisiert
Was die Piusbrüder von der Schweinekrippe hielten, ließen sie mit Hilfe ihrer Medienabteilung in Stuttgart jedermann wissen. Die Darstellung sei "in höchstem Maße blasphemisch und eine Beleidigung für jeden Katholiken" hieß es in einem Netzaufruf. Leser wurden aufgefordert, sich bei der Klosterverwaltung Bad Schussenried zu beschweren. Zur Ermunterung ("Es muss uns auch hier gelingen!") wurde das Beispiel einer ähnlichen Öffentlichkeitskampagne in München genannt. Ein Optiker mit Namen Krass hatte in seinem Schaufenster den Papst als Puppe dargestellt. Über dem Finger hing der Figur ein Kondom, an der Scheibe war eine stilisierte Babyklappe angebracht.Auch in diesem Fall waren Telefonnummer und Mailadresse des Optikers von den Piusbrüdern veröffentlicht worden. Der Optiker entfernte die Puppe daraufhin.
Sammlerin Schmehle-Knöpfler war verschreckt, ebenso die Zentrale der Staatlichen Schlösser und Gärten in Stuttgart. Dutzende der "merkwürdigsten Mails" seien aufgelaufen, sagt ein Sprecher. Die befehdete Krippe wurde in einen Flur gestellt und mit einem Tuch verhüllt, in das ein Guckloch geschnitten war. Doch die Piusbrüder verstärkten ihre Kampagne gegen das "Spott-Exponat". "Wenden Sie sich direkt per Telefon an Frau Schmehle-Knöpfler" wurde jetzt per Internet gefordert. Dazu wurde die Privatnummer der Sammlerin veröffentlicht. Per Mail, erzählt die Betroffene, gingen anonyme Drohschreiben ein mit Sätzen wie "Es wird Ihnen etwas Schreckliches passieren". Auch die "Nachkommen" hätten den Schaden, warnte ein Anonymus.
Die Sammlerfamilie schaltete zu ihrem Schutz die Polizei ein. Niemand aus dem öffentlichen Leben der Kleinstadt Bad Schussenried stellte sich hinter die Ausstellungsmacher, im Gegenteil. Joachim Mäckler, Pfarrer der katholischen Gemeinde Sankt Magnus, übt seinerseits heftige Kritik. Eine "Schweinerei" sei die Krippendarstellung, sagt er auf Anfrage. "Ich hätte gedacht, dass man heute sensibel geworden wäre für religiöse Symbole und die Gefühle anderer ernst nimmt." Die Piusbrüder hätten schon recht mit dem, was sie täten – auch wenn er ansonsten nicht mit ihnen sympathisiere.
Hansi Schmehle-Knöpfler hat inzwischen kapituliert. Am vergangenen Wochenende wurde die Miniatur aus der Ausstellung, die noch bis 21. März dauert, entfernt. "Das ist eine antidemokratische Geschichte", urteilt sie über die Vorgänge der vergangenen Wochen. Sie habe aber Angst vor einer extremistischen Aktion gegen die Ausstellung oder Besucher. Die Piusbrüder reagierten mit Triumph. In der neuesten Pressemitteilung danken sie "Frau Schmehle-Knöpfler" namentlich und ausdrücklich. Sie möge sich nun noch bei allen Gläubigen entschuldigen. Mit den Drohmails habe man im Übrigen nichts zu tun, wird betont. Wer das behaupte, begehe "eine rufschädigende Verleumdung".