Gleichberechtigung in der Sprache Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch

Von Eva Wolfangel 

Im Deutschen wird häufig allein die männliche Form verwendet mit dem Argument, Frauen seien mitgemeint. Außerdem gefährde es die Lesbarkeit von Texten, beide Geschlechter zu nennen. Beides ist wissenschaftlich widerlegt.

„Herr Professorin“ klingt seltsam, „Frau Professor“ hingegen kommt den meisten völlig normal vor. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung
„Herr Professorin“ klingt seltsam, „Frau Professor“ hingegen kommt den meisten völlig normal vor.Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

Stuttgart - Als die Universität Leipzig im ver­gangenen Sommer beschloss, ihre Grundordnung im generischen Femininum zu verfassen, also anstatt männlicher ausschließlich weibliche Bezeichnungen wie „Professorinnen“ und „Studentinnen“ zu verwenden, schlug das hohe Wogen. Der Beschluss wurde heftig kritisiert und verspottet. Dabei ist das Konzept in unserem Alltag üblich – wenn auch umgekehrt: häufig verwenden wir nur die männliche Form und weisen darauf hin, dass Frauen „mitgemeint“ seien.

Doch genau das sind sie nicht, sagt Evelyn Ferstl, Professorin für Kognitionswissenschaft an der Universität Freiburg, bei einem Vortrag an der Uni Stuttgart: „Beim generischen Maskulinum stellt man sich eine männliche Gruppe vor.“ Evelyn Ferstl arbeitet im Bereich Genderforschung, eine Forschungsrichtung, die sich mit dem Verhältnis zwischen Geschlecht auf der einen sowie Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft auf der anderen Seite beschäftigt. Auch Sprache beeinflusst die Gleichberechtigung der Geschlechter, so ihr Ansatz. Und wenn Frauen nicht explizit genannt werden, werden sie auch nicht mitgedacht.

Sie belegt ihre These mit zahlreichen Studien, angefangen mit der experimentellen Psychologie rund um die Jahrtausendwende. Egal ob Probandinnen und Probanden eine Geschichte über Vegetarier zu Ende erzählen oder ihre Lieblingssportler nennen sollten: sobald diese in der Aufgabenstellung als „VegetarierInnen“ oder „SportlerInnen“ bezeichnet wurden, stieg der Frauenanteil in den Erzählungen signifikant an. Wurde die Aufgabenstellung hingegen im Maskulinum formuliert, tauchten in den Antworten deutlich mehr Männer auf – übrigens ohne dass die Testpersonen wussten, dass es sich um eine Studie zum Thema Geschlechter in der Sprache handelt. Das sogenannte Binnen-I hat in den vergangenen Jahren an Beliebtheit verloren, trägt aber offenbar zu einer geschlechtergerechteren Sprache bei.

„Weibliche Chirurgen“ verwirren das Gehirn

Auch implizite Maße wie das Verfolgen der Augenbewegungen beim Lesen (Eyetracking) oder die Messung von Hirnaktivitäten bestätigen die These, dass Frauen bei der männlichen Form nicht mitgemeint sind: so blieben Testpersonen länger an Textpassagen hängen, in denen beispielsweise von einem „weiblichen Chirurgen“ die Rede war. „Männliche Chirurgen“ hingegen lösten keine Irritationen aus. Die männliche Berufsbezeichnung wird also auch als männlich verstanden. „Das Gehirn hat eine Verarbeitungsschwierigkeit, wenn Stereotypen verletzt werden“, sagt die Kognitionswissenschaftlerin. Dass sich diese konsequent auch in den verschiedenen Experimenten zeigte, weist darauf hin, dass Frauen nicht mitgemeint sind.

Das ergab auch eine noch nicht veröffentlichte Studie von Ferstl selbst, bei der sie 18 Testpersonen Sätze vorlegte wie „Jack saw the mechanic, because she looked out of the window“ und deren Hirnaktivitäten mittels Magnetresonanztomografie (MRT) beobachtete. Dieses Beispiel von einem Mechaniker oder einer Mechanikerin, der/die aus dem Fenster schaut und dabei von Jack gesehen wird, lässt sich schwierig ins Deutsche übersetzen, da „the mechanic“ im Englischen vom Geschlecht her unbestimmt ist. Obwohl der Satz also grammatikalisch korrekt ist, sah Ferstl im MRT ähnliche Aktivierungen des Gehirns wie bei objektiv falschen Sätzen wie: „Die Frau war beliebt, weil er attraktiv war.“ Ein Zeichen, dass Frauen nicht mitgemeint sind, sagt Ferstl: „Eine Verletzung der stereotypen Geschlechtszuordnung löst ähnliche Aktivierungen aus wie Sätze mit Pronomenfehler.“ Offenbar ist in unserem Unterbewusstsein „the mechanic“ ein Mann. Zu verstehen, dass es sich hier um eine Frau handelt, irritiert das Gehirn.

Ähnlich ergeht es uns im Deutschen, wenn von Vegetariern oder Sportlern die Rede ist: Das Gehirn geht von Männern aus. Auch das Argument vieler Frauen, sie fühlten sich nicht ausgeschlossen, hält den Untersuchungen nicht stand. Selbst wenn diese versicherten, sich mitgemeint zu fühlen, zeigten sie im MRT die oben beschriebenen Gehirnaktivierungen.

Sprache wandelt sich immer

Was also spricht gegen eine geschlechtergerechtere Sprache, fragt Ferstl. „Unsere Sprache beeinflusst schließlich unser Denken.“ Viele wehren sich dagegen mit dem Argument, Sprache lasse sich nicht so leicht verändern. „Das ist natürlich Unsinn“, sagt Ferstl, „Sprache wandelt sich immer.“ Schließlich sei „googeln“ ebenso wie „simsen“ inzwischen Teil der deutschen Sprache, und das „Fräulein“ glücklicherweise abgeschafft.

Und auch das letzte Argument gegen eine geschlechtergerechtere Sprache nimmt Ferstl ihren Kritikern: „Es ist nicht nachgewiesen, dass die Lesbarkeit von Texten gefährdet wird.“ Im Gegenteil: In einer Studie bekamen Testpersonen verschiedene Versionen eines Artikels vorgelegt – im generischen Maskulinum, mit Binnen-I und mit jeweils beiden Geschlechternennungen. Die Lesbarkeit wurde in allen drei Fällen gleich gut eingestuft.

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17 KommentareKommentar schreiben

Unsinn...: ...Sprache sollte sich VON SELBST, natürlich wandeln. Und das tut sie auch. Nur wenn man von oben sowas sehr umstrittenes aufzwingt, macht es keinen Sinn. Da würde es nur zu Boykotts kommen.

Schon mal darüber nachgedacht ...: ... dass sich nicht unsere Sprache ändern muss sondern was bei einer Erwähnung bestimmter Begriffe in unserem Kopf geschieht? Zur Zeit ist vielfach nachzulesen, was so alles bei dem Wort „Islam“ für Assoziationen entstehen. Müssen wir jetzt das Wort ändern oder abschaffen oder wie glücklicherweise viele fordern mit Aufklärung für andere Gedanken in unseren Köpfen sorgen? Versuchen wir die Sprache dem anzupassen, was sie in unseren Köpfen auslösen soll, wird das noch lustig. Schließlich denkt die Genderforschung auch schon über Toiletten für das dritte Geschlecht nach. Wenn das auch noch in die Sprache Einzug finden soll ...

.: Vielen Dank für den wichtigen Artikel und Kommentar. Aber bitte nicht vergessen, dass Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz schon seit Jahrzehnten in dieser Thematik aktiv sind.

ich bin sehr für die änderung unserer sprache: es kann einfach nicht angehen, dass unsere sprache nicht in dem maß zwischen männlich und weiblich unterscheidet wie das uns frauen gebührt. ich erwarte doch, dass es nicht nur "der mensch" gibt, sondern auch "die menschin". und aus die eltern kann man sehr gut die elterin und der elter machen. und das wort mitglied ist sowieso eine unverschämtheit. das muss in mitglied und mitscheide geändert werden. mein mann hätte gerne, dass auch böse worte wie steuerhinterzieher und raser verweiblicht werden. außerdem findet er, dass es nicht nur die straße geben darf, sondern auch der straßer.

Vorsicht Fr. Theissen: ... Viele hier drin verstehen die Ironie in Ihrem Beitrag gar nicht ;)

herr begander: ich weiß :-)

Lesbarkeit: Die/der Bürgerinnen- und Bürgermeisterin- oder meisterkandidatin oder Bürgerinnen- und Bürgermeisterin- oder meisterkandidat, die/der die meisten Wählerinnen- und Wählerstimmen erhält, wird Bürgerinnen- und Bürgermeisterin oder Bürgerinnen- und Bürgermeister. - Und sagt irgend eine(r) im realen Leben eine Wortfolge wie "wer ..., der ..." anders? - Zumal das gar keine "männliche" Form ist, sondern der Grundstock, an den die weibliche Endung "-in" ja meist nur angehängt wird, während es eine entsprechende männliche Endung eben nicht gibt. Diese Form entspricht etymologisch dem genannten englischen Begriff, der geschlechtsneutral ist. Und "Frau Professorin" ist m. E. schlicht ein Pleonasmus, also ein Doppler.

das erinnert mich an karl valentin: der stellte die frage: heißt das semmelknedel oder semmelnknedel oder semmelknedeln oder semmelnknedeln? oder für dieses thema ausgedrückt, heißt das bürgermeister oder bürger/innenmeister oder bürgermeister/in oder bürger/innenmeister/in? noch besser: heißt das bürgermeisterkanditat oder bürger/innenmeisterkandidat oder bürgermeister/inkandidat oder bürger/innenmeister/inkandidat/in oder... jetzt hab ich mich verfranst.

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