Glück als Schulfach
Die Sinnsuche auf der Schulbank
Antje Hildebrandt,
15.08.2010 13:21 Uhr
Ernst Fritz-Schubert möchte mit seinem Fach Schülern dabei helfen, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Foto: dpa
Er hat angefangen, sich Ziele zu setzen und sich auch immer mehr getraut. Er treibt Sport, hat abgenommen und sieht jetzt richtig gut aus. Er hat seine mittlere Reife bestanden und will jetzt zur Polizei.
Das heißt, die Motivation hängt vom Selbstwertgefühl ab?
Das Selbstwertgefühl ist unabdingbare Voraussetzung für jede Aktivität. Wenn ich nicht weiß, wozu etwas gut ist und ob es Spaß macht, will ich es auch nicht tun.
Woran krankt unser Schulsystem, wenn es offenbar immer weniger in der Lage ist, den Schülern eine Perspektive aufzuzeigen?
Unser Schulsystem geht davon aus, dass Schüler ähnlich denken wie Lehrer und durch Belehrung klüger werden. Dabei wird man nur durch Erfahrung klüger. Das zweite Problem ist die Bewertung. Es wird nicht getrennt zwischen Person und Leistung. Viele fühlen sich dadurch unverstanden und ungerecht behandelt.
Lebensfreude und Lebenskompetenz stehen als Ziele in allen Bildungsplänen. Wozu braucht man ein eigenes Schulfach Glück?
Wenn das Prinzip Glück im Unterricht gelten würde, dann wäre das Schulfach Glück überflüssig. Dass dem nicht so ist, zeigt die Statistik: 30 Prozent der Schulkinder zwischen der dritten und achten Klasse leiden unter Schulangst. Immer mehr Kinder gelten als depressiv.
Was kann das Fach Glück leisten, was Religion oder Ethik nicht leisten können?
Das Schulfach Glück begnügt sich nicht mit Worthülsen, es lässt aus Schlüsselerlebnissen Erfahrungen wachsen. So lernen die Schüler beim Klettern am Seil, dass Vertrauen und Verantwortung zwei Seiten einer Medaille sind.
Würde das Fach auch an einem sozialen Brennpunkt wie Neukölln funktionieren - mit Schülern, die nicht mal wissen, ob sie ihren Hauptschulabschluss schaffen?
Gerade dort. Die Frage ist doch: wie entdecken sie ihre Potenziale? Das gelingt nicht, indem wir den Schülern die Tugenden einbläuen, sondern durch positive Erfahrungen. Wir müssen ihnen etwas zutrauen.
Wie wird denn Glück benotet?
Die Schüler schreiben Berichte, um ihre Arbeit zu dokumentieren. Benotet wird die Ausführung, nicht der Inhalt und vor allem nicht die eigene Befindlichkeit.
Inzwischen wurde das Projekt vom OECD-Beauftragten für Österreich und von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg evaluiert - mit welchen Ergebnissen?
Die Statistik zeigt eindeutig den Zuwachs an seelischem, körperlichem und sozialem Wohlbefinden und die Stärkung der Persönlichkeit. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe wussten die Schüler genauer, was sie wollten und was sie nicht wollten.
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