Google und die Philosophie
Der Blick des großen Anderen
Rolf Spinnler,
25.08.2010 08:17 Uhr
Ich werde gesehen, also bin ich? Unkenntlich sein im Internet heißt auch, seine Existenz nicht bestätigt zu bekommen. Foto: dpa
Unter symbolischer Ordnung versteht Lacan die - sprachlich verfassten und legitimierten - Institutionen jener Gesellschaft, in die sich der Heranwachsende integrieren muss. Dieser Prozess wird vom Kind als Entfremdung erfahren (der klassische psychoanalytische Begriff dafür lautet "Kastration"). Er ist gleichwohl unvermeidlich, weil ohne ihn das Subjekt zum Psychotiker werden würde. Bis in die Moderne hinein waren der transzendente Gott der Religion, der Staat, die patriarchale Autorität oder die Ehe solche symbolischen Ordnungen, denen das Subjekt ausgeliefert war, die aber auch seine Identität bestätigten.
Die Auflösung des "großen Anderen"
In einer säkularen, nachpatriarchalen Gesellschaft, so Lacans Diagnose, hat sich diese symbolische Ordnung, dieser "große Andere" aufgelöst. Das sieht zunächst wie eine Befreiung aus; aber bald zeigt sich, dass diese Befreiung ihren Preis hat. Wenn beispielsweise Liebesbeziehungen nicht mehr durch die symbolische Institution der Ehe bestätigt und auf Dauer gestellt werden, muss sich das Subjekt die Anerkennung durch den Anderen permanent neu suchen - was ganz schön anstrengend sein kann. Und wenn der Einzelne nicht mehr daran glauben kann, dass er unabhängig vom Urteil seiner Mitmenschen durch den transzendenten Gott gerechtfertigt ist, so treibt ihn das in eine neurotische Suche nach Anerkennung durch die Gesellschaft, der er gleichwohl nie sicher sein kann.
Das postmoderne Subjekt sieht sich durch den Wegfall des "großen Anderen" mit zwei gegensätzlichen Ängsten konfrontiert. Das eine ist die Angst, von Mächten - wie eben Google Street View - gesehen und ihnen hilflos ausgeliefert zu sein, die ihm, anders als die symbolische Ordnung, völlig unbekannt sind. Hier haben die aktuellen Verschwörungstheorien oder die grassierenden Ängste, von einem unbekannten Anderen "belästigt" oder "ausgespäht" zu werden, ihren Ursprung. Viel größer aber ist heute die gegenteilige Angst, nicht gesehen zu werden, von niemandem zur Kenntnis genommen zu werden. Daher rühren all die exhibitionistischen Gesten, mit denen man sich heute der Öffentlichkeit preisgibt: indem man permanent mit dem Handy erreichbar sein muss, seine intimsten sexuellen Vorlieben im Internet veröffentlicht oder in Realityshows im Fernsehen sein Privatleben zeigt. Ich werde angerufen, ich werde gesehen - also bin ich.
Seite
1
2
3
Weitere Artikel


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>

