Google und die Philosophie
Der Blick des großen Anderen
Rolf Spinnler,
25.08.2010 08:17 Uhr
Ich werde gesehen, also bin ich? Unkenntlich sein im Internet heißt auch, seine Existenz nicht bestätigt zu bekommen. Foto: dpa
Stuttgart - In seinem 1943 publizierten Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" analysiert Jean-Paul Sartre in einem berühmten Kapitel die Entstehung des Schamgefühls. Wir schämen uns, so Sartre, wenn uns der Blick eines Anderen trifft. Dieser fremde Blick bewirkt einerseits, dass wir uns unserer Subjektivität, also dessen, was unser Allereigenstes ist, überhaupt erst bewusst werden; aber er erinnert uns andererseits schmerzlich daran, dass diese Entstehung unseres Selbstbewusstseins abhängt von jemandem, über den wir keine Macht haben. Sartre bezieht sich hier auf Georg Wilhelm Friedrich Hegels "Dialektik der Anerkennung": Ich bin nur ich, wenn der Andere mich als der, der ich bin, anerkennt. Ohne den bestätigenden Blick des Anderen könnte ich meiner Identität nicht sicher sein.
Die aktuelle Debatte über Google Street View rückt dieses Problem wieder einmal ins öffentliche Bewusstsein und damit in eben jene Zweideutigkeit, die ihm anhaftet. Denn einerseits fürchten wir es, vom Anderen gesehen zu werden, andererseits sind wir bei Strafe des Identitätsverlusts darauf angewiesen, dass uns jemand anblickt und uns bestätigt: Ja, du bist es, es gibt dich.
Das Problem hat, wie unschwer zu erkennen ist, eine theologische Dimension. In den alten Kulturen begriff man das menschliche Leben als ein Schauspiel, das dem Blick der Götter dargeboten wurde. Im Monotheismus Israels wird dieser Gedanke radikalisiert zur Idee der Erwählung durch den einzigen Gott: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du bist mein!" heißt es beim Propheten Jesaja (Kapitel 43, Vers 1). Was sich hier auf die kollektive Identität Israels als des auserwählten Volks bezieht, wird dann im Christentum individualisiert: Jeder Einzelne wird von Gott bei seinem ureigensten Namen gerufen. Was den Mitmenschen, was der Gesellschaft verborgen sein mag - Gott sieht es.
Dieser Gedanke ist beschämend und befreiend zugleich. Beschämend, weil es jemanden gibt, der auch meine heimliche Taten, meine innersten Fantasien, die ich gern vor den anderen verbergen möchte, sieht und beurteilt. Befreiend, weil dieses göttliche Urteil nicht identisch ist mit dem Urteil der Gesellschaft, in der ich lebe, und mich deshalb vom jeweils herrschenden Zeitgeist unabhängig macht.
In der Geschichte der politischen Philosophie hat es eine Debatte darüber gegeben, ob dieser christliche Gedanke der Erwählung des Einzelnen einen Fortschritt oder einen Rückschritt darstellt. Hannah Arendt hat in ihrer Idealisierung der klassischen griechischen Polis dem Christentum vorgeworfen, es habe zu einer Entpolitisierung beigetragen. Weil die Christen nur noch um ihr individuelles Seelenheil besorgt seien und der augustinische Gottesstaat nicht von dieser Welt sei, werde das Engagement des Einzelnen von der politischen Sphäre abgezogen und in den Bereich der individuellen Lebensführung verlagert. Arendts Schüler Richard Sennett hat diesen Vorwurf zugespitzt zur These von der "Tyrannei der Intimität", die in der Moderne herrsche.
Die aktuelle Debatte über Google Street View rückt dieses Problem wieder einmal ins öffentliche Bewusstsein und damit in eben jene Zweideutigkeit, die ihm anhaftet. Denn einerseits fürchten wir es, vom Anderen gesehen zu werden, andererseits sind wir bei Strafe des Identitätsverlusts darauf angewiesen, dass uns jemand anblickt und uns bestätigt: Ja, du bist es, es gibt dich.
Das Problem hat, wie unschwer zu erkennen ist, eine theologische Dimension. In den alten Kulturen begriff man das menschliche Leben als ein Schauspiel, das dem Blick der Götter dargeboten wurde. Im Monotheismus Israels wird dieser Gedanke radikalisiert zur Idee der Erwählung durch den einzigen Gott: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du bist mein!" heißt es beim Propheten Jesaja (Kapitel 43, Vers 1). Was sich hier auf die kollektive Identität Israels als des auserwählten Volks bezieht, wird dann im Christentum individualisiert: Jeder Einzelne wird von Gott bei seinem ureigensten Namen gerufen. Was den Mitmenschen, was der Gesellschaft verborgen sein mag - Gott sieht es.
Dieser Gedanke ist beschämend und befreiend zugleich. Beschämend, weil es jemanden gibt, der auch meine heimliche Taten, meine innersten Fantasien, die ich gern vor den anderen verbergen möchte, sieht und beurteilt. Befreiend, weil dieses göttliche Urteil nicht identisch ist mit dem Urteil der Gesellschaft, in der ich lebe, und mich deshalb vom jeweils herrschenden Zeitgeist unabhängig macht.
Vom Raub an der Öffentlichkeit zur "Tyrannei der Intimität"
In der Geschichte der politischen Philosophie hat es eine Debatte darüber gegeben, ob dieser christliche Gedanke der Erwählung des Einzelnen einen Fortschritt oder einen Rückschritt darstellt. Hannah Arendt hat in ihrer Idealisierung der klassischen griechischen Polis dem Christentum vorgeworfen, es habe zu einer Entpolitisierung beigetragen. Weil die Christen nur noch um ihr individuelles Seelenheil besorgt seien und der augustinische Gottesstaat nicht von dieser Welt sei, werde das Engagement des Einzelnen von der politischen Sphäre abgezogen und in den Bereich der individuellen Lebensführung verlagert. Arendts Schüler Richard Sennett hat diesen Vorwurf zugespitzt zur These von der "Tyrannei der Intimität", die in der Moderne herrsche.
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