Gorki-Theater in Berlin Jenseits des Leistungsprinzips

Michael Bienert, 07.01.2013 08:02 Uhr

Berlin - Ein weißes, hilfloses Bündel liegt auf der leeren Bühne, die mit einem fadgrünen, halbhohen Samtvorhang ausgeschlagen ist. Der Mann in der langen weißen Unterwäsche ist ein aussichtsloser Pflegefall. Mit Mühe kann er noch aufstehen, aber dann muss man sich gleich Sorgen machen, dass er irgendwas umrennt oder sich verletzt. Dinge klar erkennen, zielstrebig handeln, sich verständlich äußern – das war einmal.

Früher heiß so etwas Altersschwachsinn, heute pseudowissenschaftlich Demenz. Schreckbild einer Gesellschaft, die statistisch immer älter wird. Kehrseite des medizinischen Fortschritts, der dafür sorgt, dass immer weniger Leute sterben, ehe der Tod auf Raten beginnt. Die Gesellschaft ist darauf schlecht vorbereitet. Wer sich um einen Angehörigen mit Gedächtnisverlust kümmert, kann seine Lebens- und Karrierepläne vergessen. Der Staat zieht sich aus der Affäre, indem er seit Januar jedem 60 Euro zuzahlt, der eine private Pflegeversicherung abschließt. Wieder wird ein drängendes Problem der Gesamtgesellschaft privatisiert.

Wenn das Theater sich als Ort der Selbstaufklärung einer Gesellschaft versteht, dann gehört das Thema Demenz auf die Bühne, keine Frage. Aber wie? Armin Petras, der künftige Chef des Stuttgarter Staatsschauspiels, ist nicht der Intendant, der reflexartig Shakespeares „König Lear“ auf den Spielplan setzt und die Theatermaschinerie einfach weiterlaufen lässt. Er hat mit seinen Schauspielern ein Geriatriezentrum in Berlin besucht und sie in Alterssimulationsanzüge schlüpfen lassen, um herauszufinden, wie es ist, wenn die Gelenke, Muskeln und Augen versagen. Bei seinem Alter Ego, dem Dramatiker Fritz Kater, gab der ­Regisseur Armin Petras ein Stück zum Thema in Auftrag. Kater lieferte eine Collage aus kleinen Versatzstücken, gespeist aus Erfahrungsberichten und Demenzdiskurssplittern.

Miniszenen aus einem Altersheim

Fünf Schauspieler und der Musiker Miles Perkin tasten sich auf leerer Bühne an das heikle Thema heran. Zu dem hilflosen Mann in weißer Anstaltskleidung (Thomas Lawinky) gesellen sich ein geistig verwirrter Radfahrer (Michael Klammer), Stressgeschädigte (Peter Kurth), Angehörige und Ärzte. Mit vorgeschnallten Theaterbäuchen wechseln die Akteure drollig Perücken, Brillen und Haltungen, reden in abgerissenen Sätzen, spielen Miniszenen aus einem Altersheim. Keine zusammenhängende Geschichte, auch keine Fallstudien wie in Peter Brooks’ Inszenierung „L’Homme qui“, die auf Schilderungen über Hirngeschädigte basierte.

Und doch hat Katers theatralische Collage eine erkennbare Richtung. Sie läuft paradoxerweise auf eine Entdramatisierung des Themas Demenz hinaus. „Sie nennen es Krankheit, ich nenne es Altern“, lautet ein Schlüsselsatz. Das Altern ist für jeden so unausweichlich wie der Tod. Beides ist eine Zumutung, aber eben auch etwas, das Menschen verbindet.

Mit der Diagnose Demenz werden die Alterungssymptome aus dem Alltag ausgegliedert und an die Ärzte, Gesundheitspolitiker und die Medizinindustrie delegiert. Diese Mythenbildung der Leistungsgesellschaft unterläuft das Petras-Theater, indem es den geistigen Verfall der Alternden liebevoll und lustbetont nachstellt. So billigt es dem weißen Menschenbündel eine poetische Innenwelt zu, die sich am Ende mitteilt, als es viele, viele Schmetterlingsnamen ins Publikum spricht: „Schwarzer Falter, nimm mich mit / Ein Schnitt“.