Grammy-Preisverleihung Gerecht geteilte Grammofone

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In Los Angeles sind die Grammys verliehen worden. Den einen, großen Überflieger wie in den Vorjahren gab es nicht. Und obwohl die Deutschen bei der Verleihung (fast) leer ausgegangen sind: Etwas Glanz fällt auch für Stuttgart ab.

Mumford and Sons Foto: dpa
Mumford and SonsFoto: dpa

Los Angeles - Wenn der Vater mit dem Sohne eine Vorliebe für die gleiche Musik teilt, könnte sich schon die Frage aufdrängen, wer da etwas falsch gemacht hat: Die Musiker oder der Filius? Gilt es doch als schwerer Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze des Rock ’n’ Roll, sich für das Gleiche zu interessieren wie die Generation davor – wie auch umgekehrt üblicherweise von den Alten der Kopf zu schütteln ist über das, was die Jungen so mögen. Doch bei der britischen Band Mumford & Sons war das anders. Auf ihr 2009 erschienenes Debütalbum „Sigh no more“ wurde zunächst ein enger Zirkel junger Musikliebhaber und der Preis der deutschen Schallplattenkritik aufmerksam, ehe es erst das zweite Album „Babel“ in die Charts (Platz eins in Großbritannien und den USA) schaffte und dann die Väter und Schwiegerväter der jungen Liebhaber durch breite Berichterstattung auf das Quartett aufmerksam wurden.

Die Band Mumford & Sons ist in der Nacht zum Montag bei der diesjährigen Grammyverleihung nun mit einem der drei Hauptpreise, nämlich dem wichtigsten für das Album des Jahres, ausgezeichnet worden. Das ist schon wegen ihres Generationen verbindenden Anspruchs eine gute Wahl. „Babel“ ist zudem erfreulich unkonventionell instrumentiert – die Band besteht aus einem Gitarristen, einem Banjo- und einem Akkordeonspieler sowie einem Kontrabassisten. Es überzeugt inhaltlich, das Album tauchte nicht grundlos in vielen Listen der besten Alben des Jahres auf. Und es trifft, die ungewöhnlichen Instrumente legen es nahe, mit seinem countryesken Folk den US-Geschmack, was immer noch eine Grundvoraussetzung für den Erfolg bei der nach wie vor sehr amerikanisch geprägten Grammyverleihung ist.

Die größten Abräumer: alte Hasen

Und die anderen beiden Hauptpreise? Zur Aufnahme des Jahres wurde „Somebody that I used to know“ von Gotye und Kimbra gewählt, jener Ohrwurm aus belgisch-australisch-neuseeländischer Koproduktion, den jeder kennt, der nur gelegentlich das Radio anschaltet. Und den Song des Jahres steuern abermals Newcomer bei – die New Yorker Indiepopband Fun mit Janelle Monáe und dem Titel „We are young“.

Die größten Abräumer, wenngleich längst nicht in jenem Umfang wie in den Vorjahren, sind dann allerdings doch alte Hasen. Drei der kleinen goldenen Grammofone gab es in diesem Jahr für die Black Keys, das Duo des Gitarristen und Sängers Dan Auerbach und des Schlagzeugers Patrick Carney. In den zwei Hauptkategorien, in denen die Amerikaner ebenfalls nominiert waren, gingen sie zwar leer aus, doch sie wurden für die beste Rockperformance, den besten Rocksong („Lonely Boy“) und das beste Rockalbum des Jahres geehrt, ihr hervorragendes Werk „El Camino“; Auerbach, seit vielen Jahren ein sehr profilierter Musiker und Musikmacher, konnte überdies noch einen Grammy als Produzent des Jahres mit zurück nach Ohio nehmen.

Das große Ding

„Dass ihre Songs sehr direkt ins Gemüt knallen, munter Klischees bemühen und trotzdem nicht klischeehaft klingen, gehört zu den hervorstechenden Merkmalen dieses Albums. Zwischen recyceltem Blues, neu ausgewalzten Rockriffs und forcierten Indie­standards scheinen sie einen Stil gefunden zu haben, der ein großes Publikum ansprechen müsste und sich trotzdem nicht allzu forsch selbst verrät. Im Jahr 2012 werden The Black Keys das große Ding“, schrieb die StZ in ihrer Besprechung dieses Albums – und so kam es nun ja auch.

Im Gegensatz zur Band Fun, die mit sechs Nominierungen die Nominierungsliste anführte und die nur in zwei Kategorien triumphierte (den zweiten Grammy gab es, recht seltsam für Musiker, die seit über einer Dekade im Geschäft sind, für sie in der Rubrik Newcomer des Jahres), wurden Mumford & Sons und die Black Keys ihrer Mitfavoritenrolle also gerecht.

Einen großen Überflieger gibt es nicht

Zufrieden kann auch Gotye sein, der – auch dies ist recht bizarr – zu seinem Hauptpreis sowohl den Grammy für die beste Popperformance wie das beste Alternativealbum einstrich –, genauso wie die Dritten im Dreierbunde: Jay Z und Kanye West gewannen in drei der vier Rapkategorien. Beide Grammys im Dancebereich gingen an den seltsamen DJ Skrillex. Der große Verlierer indes ist Frank Ocean, der trotz fünf Nominierungen nur in einer Nebenkategorie prämiert wurde.

Einen echten Überflieger wie etwa die Sängerin Adele im Vorjahr mit ihren sechs Grammys oder Norah Jones mit ihren acht Grammys vor zehn Jahren gab es in diesem Jahr nicht. Dies immerhin ist konsequent: es ist Ausdruck eines blassen Plattenjahrgangs 2012, in dem die Alben von Mumford & Sons und den Black Keys rare Ausnahmen waren, die zu Recht mit dem wichtigsten Musikpreis der Welt geehrt wurden. Man darf 2013 auf bessere Zeiten hoffen.

Die Deutschen gehen leer aus – fast

Das gilt auch für die Deutschen, die nahezu leer ausgingen. Immerhin wirkt der Kammersänger Hans-Peter König in der grammyprämierten Einspielung von Wagners Ring unter James Levine und Fabio Luisi mit dem Metropolitan Opera Orchestra mit. Nichts zu ernten gab es für den Organisten Hansjörg Albrecht, die Sängerin Ute Lemper, den Filmmusikkomponisten Hans Zimmer und nicht zuletzt das SWR Vokalensemble, das für seine Mitwirkung an der Einspielung des Requiems und der Apparitions von Ligeti in der Rubrik beste Chorperformance nominiert war.

Aber es gibt ja noch deutsche Stammgäste in den Grammy-Siegerlisten: die Toningenieure von der Musikproduktionsfirma Tritonus aus Stuttgart. In der Kategorie bestes klassisches Instrumentalsolo gewann die Bratschistin Kim Kashkashian, die Viola-Solowerke von Kurtág und Ligeti für das Münchner Label ECM eingespielt hat. Aufgenommen hat sie der Tritonus-Tonmeister Peter Laenger im Kloster St. Gerold in Vorarlberg . „Es sind sehr schwierige Stücke, aber sie hat das wirklich sehr, sehr gut gemacht“, zeigte sich Laenger gestern erfreut. An der Musikerin gefällt ihm vor allen Dingen, dass sie „ganz bodenständig“ sei. Sektkorken knallten in Cannstatt gestern früh dennoch nicht, denn auch bei den Stuttgarter Aufnahmemeistern schätzt man es sehr bodenständig. Außerdem sind sie in Sachen Grammyverleihung echt erfahren. Tritonus hat für seine fulminanten Einspielungen zuvor bereits 13 weitere Grammys gewonnen. Im Gegensatz zu vielen der anderen heuer prämierten Aufnahmen ist das wirklich beeindruckend.

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