Greifvogelschau in Lorch Der faule König der Lüfte

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Ihrer Faszination kann sich keiner entziehen. Doch beim Adler-Schnupperkurs in der Lorcher Stauferfalknerei wird mit Mythen aufgeräumt, die sich um den Greif ranken.

Dakota im Anflug. Seinen  hellen Kopf bekommt das Weißkopfseeadler-Mädchen erst mit zunehmendem Alter. Foto: Horst Rudel
Dakota im Anflug. Seinen hellen Kopf bekommt das Weißkopfseeadler-Mädchen erst mit zunehmendem Alter.Foto: Horst Rudel

Lorch - Nicht wirklich still sitzende sechs Kilogramm Tier auf dem angewinkelten Unterarm werden für den Laien schnell zu einem echten Kraftakt. Dakota blickt sich neugierig um, zupft mit ihren Klauen an dem überdimensionalen Lederhandschuh herum und tippelt auf diesem – fast unmerklich, aber stetig – von links nach rechts und wieder zurück. Die einjährige Weißkopfseeadlerdame hat es sich auf dem Arm von Sabrina Baumann bequem gemacht, während Gunter Pelz von der Stauferfalknerei im Kloster Lorch erklärt, erklärt und erklärt.

Die Umstehenden hören interessiert zu und stellen neugierig eine Frage nach der anderen, während die junge Kursteilnehmerin aus dem fränkischen Bamberg vor allem mit sich selbst und der nachlassenden Stabilität ihres Ellbogens beschäftigt ist. Just in diesem Moment ist Erik Pelz, der als Falkner bereits in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, wie eine Erlösung. Ganz locker übernimmt er Dakota, steckt ihr ein feines Leckerli zu und entlässt das Tier schließlich zurück auf seinen schmucklosen Ansitz.

Ein Dutzend Männer und Frauen – alte und junge, von weither angereist oder aus der näheren Umgebung – sind zum Schnupperkurs „Könige der Lüfte – Begegnungen mit Adlern“ gekommen. Gemeinsam ist ihnen die Faszination für Greifvögel. Und nachdem die meisten schon bei etlichen Flugschauen und Vorführungen mit von der Partie waren, wollen sie an diesem Tag einfach mal selber machen und spüren, wie es sich anfühlt, einem Steinadler aus nächster Nähe in die Augen zu schauen oder ein Tête-à-Tête mit einem Steppenadler zu haben. Doch bevor es auf dem malerischen Fleckchen Erde, mit Blick über das Remstal hinweg in Richtung der Drei-Kaiser-Berge, praktisch zur Sache geht, gibt es erst einmal eine satte Portion an theoretischem Wissen und an wichtigen Details aus berufenem Munde. Das gehört eben dazu.

„Raubvögel“ gibt es nicht

Gunter Pelz bittet in eine der heiligen Hallen des mittelalterlichen Klosters Lorch. Der 64-Jährige, der die Stauferfalknerei vor mittlerweile zehn Jahren gegründet und damit sein Hobby zum Beruf gemacht hat, will seinen Kursteilnehmern nicht nur ein unvergessliches Erlebnis bereiten. Es geht ihm auch darum, dass sie das Verhalten der Tiere und die Tradition der Beizjagd besser verstehen lernen. Zuallererst wird das Wort „Raubvogel“ generell aus dem allgemeinen Sprachschatz verbannt: „Nur Menschen rauben und stehlen. Vögel tun das nicht“, stellt Gunter Pelz klar. Er spricht von Beutegreifern oder eben von Greifvögeln. Zugleich räumt der Fachmann aber auch mit den Mythen auf, die den Adler umgeben.

Mutig und stolz, majestätisch und erhaben: diese Eigenschaften eilen vor allem dem Aquila, dem echten Adler, voraus. Doch der Falkner will davon nichts wissen. „Das sind ganz einfache Beutegreifer, die zwischen Maus und Gämse so ziemlich alles jagen. Allerdings würde sich kein Adler eine Gams schnappen, die sich womöglich wehren könnte, wenn er auch einen Hasen haben kann.“ Und das scheinbar endlose und genussvolle Kreisen in luftigen Höhen? „Das macht kein Greifvogel einfach so aus Jux und Dollerei, sondern nur, wenn er hungrig ist und nach Beute sucht oder um sein Revier abzustecken“, sagt Pelz. Und auch mit der Größe und der Mächtigkeit sei das so eine Sache: „Ein Zwergadler ist nicht einmal so groß wie ein Bussard.“

Als sein Sohn Erik dann allerdings den Raum betritt mit einem stattlichen Steinadler auf dem Arm, ist die Ehrfurcht vor dem offenbar faulen König der Lüfte bei den Zuhörern sofort wieder da. „Das ist einfach gewaltig“, flüstert Sabrina Baumann ihrem Nebensitzer zu, der ebenfalls gebannt auf das Tier starrt. Zudem scheint Usuri, der vier Jahre alte Golden Eagle, ein wenig nervös zu sein. Mit scheinbar hektischen Kopfbewegungen mustert er die ihm unbekannten Gäste, hebt und senkt in einem geheimnisvollen Rhythmus seinen grauen Schnabel.

Doch Erik Pelz wirkt noch recht entspannt. Er würde es als Erster bemerken, wenn sich Usuri in dieser Gesellschaft unwohl fühlen würde. „Die entscheidenden Signale sendet ein Adler mittels seiner Krallen“, sagt er mit einem breiten Lächeln. Und sein Vater hat natürlich die entsprechenden Zahlen dazu parat: „Ein Steinadler kann mit seinen Klauen eine Griffkraft von bis zu zwei Tonnen aufbauen. Wenn der seine Fänge mal geschlossen hat, dann macht sie ihm keiner mehr auf.“

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