Großdemonstration am Abend Tausende trotzen dem Regen
dpa, vom 27.08.2010 20:13 Uhr
Stuttgart - Tausende Menschen sind am Freitagabend bei strömendem Regen gegen das Bahn-Großprojekt Stuttgart 21 auf die Straße gegangen. Die Gegner des Milliarden-Vorhabens erwarteten zu der bisher größten Demonstration bis zu 50.000 Teilnehmer. Die Protestierer versammelten sich vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, der von einem Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut werden soll. Die Kundgebung begann mit dem lautstarken "Schwabenstreich", bei dem die Teilnehmer eine Minute lang so viel Lärm wie möglich machten. Danach sollte sich ein Protestzug in Richtung des nicht weit entfernten Landtags bewegen. "Die Leute sind erzürnt darüber, dass das Projekt nun mit allen Mitteln vorangetrieben werden soll", sagte der Mitorganisator Matthias von Herrmann. Geplant war auch eine Menschkette entlang der Bannmeile des Landesparlaments. Dieser Ort sei auch deshalb gewählt worden, um zu zeigen, dass der Unmut im gesamten Land groß sei, hieß es. So würden auch Kritiker aus Baden erwartet, die befürchten, dass Gelder für den Ausbau der Rheintalbahn in Stuttgart landeten.
Am Mittwoch hatte der Bagger mit dem Abriss des Nordflügels des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs begonnen, der zum Symbol des Widerstands geworden ist. Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Projekt soll der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt und an die künftige Schnellbahntrasse nach Ulm angeschlossen werden. Kritiker halten das Bauvorhaben unter anderem für zu teuer. Für den Verkehr bringe es keinen entscheidenden Nutzen. Bahnchef Rüdiger Grube ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass das Projekt durchgezogen werde. In einem Brief an seine Mitarbeiter, aus dem die "Wirtschaftswoche" zitierte, hieß es unter anderem, er sei "zutiefst davon überzeugt, dass Stuttgart 21 richtig ist." Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) warb in einem offenen Brief an seine Mitbürger für das Projekt. Es trage zur Zukunftsfähigkeit der Stadt, der Region und des Landes bei, betonte er. "Stuttgart 21 dient unseren Kindern und Enkelkindern." Den Demonstranten schrieb er ins Stammbuch, er habe kein Verständnis für Scharfmacher, die zur Radikalisierung beitrügen.
"Kommunikativer Dilletantismus"
Am Freitagmorgen hatte die Polizei eine Sitzblockade von Gegnern des Milliardenprojekts am Hauptbahnhof beendet. Die Beamten trugen etwa 30 Demonstranten weg. Sie hatten Lastwagen daran gehindert, Abbruchmaterial abzutransportieren. Bereits am Donnerstag waren die Arbeiten bis zum Nachmittag blockiert worden, weil Demonstranten das Dach des Nordflügels besetzt hatten. Ein Sondereinsatzkommando hatte sie nach 22 Stunden abgeführt. Der baden-württembergische Städtetag riet den Gegnern zur Mäßigung. Die Demonstranten müssten ihren Protest ausschließlich mit friedlichen Mitteln äußern, sagte Verbandssprecher Manfred Stehle. Das Bundesverkehrsministerium wollte sich zu den Protesten rund um Stuttgart 21 nicht äußern. Ein Sprecher verwies lediglich darauf, dass der Bund einen Teil der Kosten übernehme - 560 Millionen Euro für die Anbindung der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. "Alles andere ist Sache der Vorhaben- und Projektträger", also Deutsche Bahn, Land und Stadt.
Diesen warf der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider "kommunikativen Dilettantismus" vor. "Vor allem bei Großprojekten, die abstrakt sind und viele Ansatzpunkte für Ängste bieten, ist es unverzichtbar, Vertrauen zu schaffen", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Bahn, Bund, Land und Stadt hätten aber geglaubt, das Vorhaben laufe von allein und brauche keine kommunikative Begleitung. Zudem sei zu lange nicht mit einer Stimme gesprochen worden. Die Vorzüge des Vorhabens für die Stadt seien den Bürgern nicht deutlich und plastisch genug geschildert worden.