Großdemonstration
Mit Lichtern gegen Stuttgart 21
Barbara Grüssinger, Wolfgang Schulz-Braunschmidt, Anja Treiber, Fotos: Torsten Rothe,
04.09.2010 18:21 Uhr
Einige Aktivisten wollen ein Baumhaus bauen, um gegen die Abholzung der Bäume zu protestieren. Foto: ddp
Stuttgart - Am Freitagabend haben mehrere Zehntausend Menschen mit einer Großdemonstration durch die Innenstadt zum zweiten Mal innerhalb einer Woche gegen die Abrissarbeiten am Nordflügel des Hauptbahnhofs und das Schienenprojekt Stuttgart 21 protestiert. Die Veranstalter sprachen von 65.000 Demonstranten, die Polizei bezifferte die Teilnehmerzahl auf mehr als 30.000. Bei der Kundgebung habe es keine Probleme gegeben, hieß es am späten Abend.
Vor der Demonstration besetzten Aktivisten von Robin Wood im Schlossgarten zwei Bäume und bauten ein "Widerstandsbaumhaus". Zahlreiche Demonstranten brachten zur Kundgebung Lampions, Laternen und Windlichter mit, die später den Schlossgarten erleuchteten.
Der Beginn der Protestaktion gegen 19 Uhr war nicht zu überhören: Beim einminütigen Schwabenstreich verursachten Zehntausende mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Rasseln, Rätschen und anderen Gerätschaften einen infernalischen Lärm gegen das umstrittene Schienenprojekt.
Anschließend formierte sich ein langer Protestzug durch die Innenstadt. Die letzten Teilnehmer verließen den Schlossgarten erst fast eine Stunde nach der Spitze des Zuges. Die Route führte am Hauptbahnhof vorbei in die Friedrichstraße. "Aufhören, aufhören", skandierten die Demonstranten, als der bereits zum Teil abgerissene Nordflügel des denkmalgeschützten Bonatz-Baus passiert wurde.
Die Stuttgarter Grünen-Stadträtin Clarissa Seitz hatte beim Auftakt im Schlossgarten die Abbrucharbeiten am Hauptbahnhof mit "der Zerstörung der einzigartigen Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan in Afghanistan durch rückwärts gewandte, militante Taliban" verglichen. Mit der Verstümmelung des Bonatzbaus, der ein potenzielles Weltkulturerbe sei, mache Stuttgart weltweit negative Schlagzeilen. "Aber Steine kann man wieder aufbauen. Und das werden wir tun, wenn das Wahnsinnsprojekt beendet ist."
Am Nordflügel hatte es vor der Demonstration gegen 17 Uhr ein "Open-Air-Parlament für direkte Demokratie" gegeben, bei dem Bürger sich äußern konnten. Mitverfolgt wurden diese Vorträge auch von Teilnehmern der ersten Kunstführung vor dem Bauzaun. Über die Friedrichstraße (B27) marschierte der Protestzug zum Schlossplatz. Von dort zogen die Teilnehmer, von denen viele von außerhalb gekommen sind, weiter über die Planie und die Konrad-Adenauer-Straße bis zum Schlossgarten. Viele Plakate verbreiteten Zuversicht: "Im ganzen Ländle schallt es laut, Stuttgart21 wird nicht gebaut!" Als die ersten Demonstranten wieder den Schlossgarten erreichten, passierte das Ende des Zuges erst den Friedrichsbau. "Diese Demonstration ist unsere Antwort auf den nicht gewährten Bürgerentscheid", sagte ein Teilnehmer.
"Wir werden uns nicht über den Runden Tisch ziehen lassen", erklärte Winfried Wolf, Sprecher der Initiative Bahn für alle, bei der Abschlusskundgebung im dunklen Schlossgarten, den Lampions und Laternen in ein buntes Lichtermeer verwandelten. Der breite Bürgerprotest, der sich in Stuttgart formiert habe, sei beispielhaft. Stuttgart21 sei ein unsinniges Schienenprojekt.
"Jetzt ist nicht mehr ein Abrisstopp unser Ziel, sondern ein Baustopp", sagte Gangolf Stocker, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart21. "Ab Montagmorgen darf sich nichts mehr auf dem Baugelände tun, sonst gibt es keine Gespräche." Es stelle sich die Frage, wer überhaupt noch gegen einen Baustopp sei, für den neben der Stuttgarter Bürgermeisterin Susanne Eisenmann längst auch andere Befürworter einträten. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse auf Bahnchef Rüdiger Grube aufmerksam werden, der sich aufführe "wie ein verrückt gewordenes Rumpelstilzchen".
Am Freitagvormittag hatte es am Nordflügel einen Polizeieinsatz gegen Demonstranten gegeben. Diese hatten eine Blockade gebildet, um den Abtransport von Bauschutt zu verhindern. Dabei seien 54 Blockierer von Einsatzkräften weggetragen worden, erklärte die Polizei. Anschließend habe man die Personalien dieser Personen, die mit einer Anzeige rechnen müssten, aufgenommen. "Mir wurde wie einem Kriminellen ein Schild mit Nummer vor die Brust gehalten", kritisierte ein Betroffener. Das sei keine erkennungsdienstliche Behandlung gewesen, sondern es habe sich um einen organisatorischen Vorgang gehandelt, so die Polizei.
Gegen 10 Uhr wurde ein Raureiter, der einen mit Bauschutt vom Nordflügel beladenen Lastwagen begleitete, von einem 63 Jahre alten Autofahrer auf der B10 zwischen Friedrichswahl und der Ausfahrt Stammheim von der Fahrbahn abgedrängt. Gegen den Mann, der vorsätzlich gehandelt haben soll, wird nun wegen des Verdachts auf einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr ermittelt.
Vor der Demonstration besetzten Aktivisten von Robin Wood im Schlossgarten zwei Bäume und bauten ein "Widerstandsbaumhaus". Zahlreiche Demonstranten brachten zur Kundgebung Lampions, Laternen und Windlichter mit, die später den Schlossgarten erleuchteten.
Der Beginn der Protestaktion gegen 19 Uhr war nicht zu überhören: Beim einminütigen Schwabenstreich verursachten Zehntausende mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Rasseln, Rätschen und anderen Gerätschaften einen infernalischen Lärm gegen das umstrittene Schienenprojekt.
Anschließend formierte sich ein langer Protestzug durch die Innenstadt. Die letzten Teilnehmer verließen den Schlossgarten erst fast eine Stunde nach der Spitze des Zuges. Die Route führte am Hauptbahnhof vorbei in die Friedrichstraße. "Aufhören, aufhören", skandierten die Demonstranten, als der bereits zum Teil abgerissene Nordflügel des denkmalgeschützten Bonatz-Baus passiert wurde.
"Steine kann man wieder aufbauen"
Die Stuttgarter Grünen-Stadträtin Clarissa Seitz hatte beim Auftakt im Schlossgarten die Abbrucharbeiten am Hauptbahnhof mit "der Zerstörung der einzigartigen Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan in Afghanistan durch rückwärts gewandte, militante Taliban" verglichen. Mit der Verstümmelung des Bonatzbaus, der ein potenzielles Weltkulturerbe sei, mache Stuttgart weltweit negative Schlagzeilen. "Aber Steine kann man wieder aufbauen. Und das werden wir tun, wenn das Wahnsinnsprojekt beendet ist."
Am Nordflügel hatte es vor der Demonstration gegen 17 Uhr ein "Open-Air-Parlament für direkte Demokratie" gegeben, bei dem Bürger sich äußern konnten. Mitverfolgt wurden diese Vorträge auch von Teilnehmern der ersten Kunstführung vor dem Bauzaun. Über die Friedrichstraße (B27) marschierte der Protestzug zum Schlossplatz. Von dort zogen die Teilnehmer, von denen viele von außerhalb gekommen sind, weiter über die Planie und die Konrad-Adenauer-Straße bis zum Schlossgarten. Viele Plakate verbreiteten Zuversicht: "Im ganzen Ländle schallt es laut, Stuttgart21 wird nicht gebaut!" Als die ersten Demonstranten wieder den Schlossgarten erreichten, passierte das Ende des Zuges erst den Friedrichsbau. "Diese Demonstration ist unsere Antwort auf den nicht gewährten Bürgerentscheid", sagte ein Teilnehmer.
"Wir werden uns nicht über den Runden Tisch ziehen lassen", erklärte Winfried Wolf, Sprecher der Initiative Bahn für alle, bei der Abschlusskundgebung im dunklen Schlossgarten, den Lampions und Laternen in ein buntes Lichtermeer verwandelten. Der breite Bürgerprotest, der sich in Stuttgart formiert habe, sei beispielhaft. Stuttgart21 sei ein unsinniges Schienenprojekt.
Polizeieinsatz gegen Blockade
"Jetzt ist nicht mehr ein Abrisstopp unser Ziel, sondern ein Baustopp", sagte Gangolf Stocker, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart21. "Ab Montagmorgen darf sich nichts mehr auf dem Baugelände tun, sonst gibt es keine Gespräche." Es stelle sich die Frage, wer überhaupt noch gegen einen Baustopp sei, für den neben der Stuttgarter Bürgermeisterin Susanne Eisenmann längst auch andere Befürworter einträten. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse auf Bahnchef Rüdiger Grube aufmerksam werden, der sich aufführe "wie ein verrückt gewordenes Rumpelstilzchen".
Am Freitagvormittag hatte es am Nordflügel einen Polizeieinsatz gegen Demonstranten gegeben. Diese hatten eine Blockade gebildet, um den Abtransport von Bauschutt zu verhindern. Dabei seien 54 Blockierer von Einsatzkräften weggetragen worden, erklärte die Polizei. Anschließend habe man die Personalien dieser Personen, die mit einer Anzeige rechnen müssten, aufgenommen. "Mir wurde wie einem Kriminellen ein Schild mit Nummer vor die Brust gehalten", kritisierte ein Betroffener. Das sei keine erkennungsdienstliche Behandlung gewesen, sondern es habe sich um einen organisatorischen Vorgang gehandelt, so die Polizei.
Gegen 10 Uhr wurde ein Raureiter, der einen mit Bauschutt vom Nordflügel beladenen Lastwagen begleitete, von einem 63 Jahre alten Autofahrer auf der B10 zwischen Friedrichswahl und der Ausfahrt Stammheim von der Fahrbahn abgedrängt. Gegen den Mann, der vorsätzlich gehandelt haben soll, wird nun wegen des Verdachts auf einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr ermittelt.
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Abreißen alternativlos
@ Dr.Jürgen Maier: Richtig! ...und nicht zu vergessen das neue Schloss das einmal zugunsten eines Hotels abgerissen werden sollte und nur durch Bürgerproteste gerettet werden konnte. Der Ort in dem ich aufgewachsen bin, besaß bis in die 60er Jahre mitten im Kern mehrere uralte Fachwerkhäuser unter anderem das alte Rathaus. Diese wurden alle zugunsten einer Kreuzung abgerissen deren Zustand heute durch mangelnde Phantasie und finanzielle Mittel nicht mal mit trostlos und grausam bezeichnet werden kann. Jetzt herrscht doch massiver Durchgangsverkehr anstatt eines attraktiven Zentrums. Sünden die nie wieder gut zu machen sind. Übrigens, auch die Demonstrationen und der Widerstand der Bürger ist demokratisch legitimiert. Und diese Legitimität ist gegenüber dem S21 Projekt von wesentlich höherer Priorität.
Reportage K 21 Demo
Nach Darstellung der StZ sind es die Ewiggestrigen und die Event-Seligen, die sich gegen S 21 und für K 21 engagieren. Es stellt sich mir die Frage, auf welcher Seite in Wirklichkeit die Ewiggestrigen stehen. 1960 gegen den Abriss des Schockenbaus der als "alternativlos" für ein besseres Verkehrskonzept galt? Heute ist dort eine verkehrsberuhigte Zone. Das in blindem Fortschrittsglauben gefallene Gebäude könnte noch stehen. Statt dessen: hässliche Zweckbauten. Wir erkennen: Stuttgart kann aus seinen Fehlern nicht lernen. Gegen den Abriss der Markthalle? Heute einer der schönsten Einkaufs- und Gourmettempel der Stadt. Wir erkennen: Stuttgart kann auch aus seinen Erfolgen nicht lernen. Und die StZ steht mitten drin. Wachen Sie endlich auf!!
Demokratie oder was?!?
Wo bitteschön ist hier noch irgendeine Art von Demokratie? Die Bürger werden übergangen, die Landesregierung kocht munter ihr eigenes Süppchen, und ob dieses dann für die Bürger verdaulich ist, interessiert die Damen und Herren nicht die Bohne. Hier wird mit Zahlen jongliert und das Projekt geschminkt und beschönigt, so daß es selbst einem Schönheitschirurgen Konkurrenz machen würde. Protestierende Bürger, die sich um ihr demokratisches Recht betrogen sehen, werden nachgerade als Verbrecher angesehen und betitelt. "Bis zum Jahr 2019" soll es fertig sein -- Ja klar ... Die Befürworter setzen uns "Stuttgart 21" als nettes Gute-Nacht-Geschichtchen vor, doch dies wird - sowohl was die Kosten betrifft als auch die Bauzeit - eindeutig zur "Never Ending Story"! Geben Sie es auf, den Leuten Sand in die Augen streuen zu wollen -- die Bürger sind längst aufgewacht, wie Sie deutlich sehen können.