Große Nero-Ausstellung in Trier Die Macht und ihre Selbstinszenierung – aktueller könnte es nicht sein

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Was davon ist Historie, was ist Propaganda? Ohne es explizit zum Programm zu machen, lehrt uns die Ausstellung in Trier, dass grundsätzlich jedes Erzählen über Geschichte stets nur Interpretation ist und letztlich im Dienst der Gegenwart, ob es will oder nicht. Neros Spiel mit den Geschlechterrollen – ein antikes Gender-Spiel mit Laster und Sünde, sozusagen der grün-rote Bildungsplan im ollen Rom? So sah es jedenfalls im Rückblick das auch um moralische Abgrenzung bedachte frühe Christentum. Heutige Altertumswissenschaftler sehen im Outfit-Tausch eine ganz andere Botschaft: Eigentlich wurden die römischen Kaiser erst nach ihrem Tod zum Gott erklärt. Indem Nero tat, was sonst eigentlich nur den Himmelsherrschern möglich war, nämlich die Geschlechterrolle zu wechseln, inszenierte er sich bereits zu Lebzeiten im Rang eines Gottes. Letztlich ist es die Kunst, die dem Menschen Göttlichkeit verleiht – eine spannende Verbindung zu Neros legendären, angeblich letzten Worten: „Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde!“

Die Macht und ihre Selbstinszenierung – die Hybris des Despoten – das süße Gift des Populismus – die Katastrophe als Ausgangspunkt der Modernisierung: in dieser Nero-Schau gibt es Dutzende von Anknüpfungspunkten zu heutigen, höchst aktuellen Debatten. Sie kitzelt keineswegs nur die Sinne des Betrachters, sondern vor allem seinen Intellekt, verzichtet aber völlig auf zeigefingerhafte Pädagogik.

Und was hat die ganze Geschichte nun mit Trier zu tun? Warum die erste umfassende Nero-Ausstellung tief im deutschen Westen? Nein, Nero selbst war nie in Trier. Die Schau kriegt zum Schluss zwar tatsächlich noch eine Kurve zu ihrem Ort, aber sie ist steil: Nach Neros Tod brechen Nachfolgekämpfe aus, deren einer Schwerpunkt zu einer fürchterlichen Schlacht just im Moselland führt. Aber was braucht der Betrachter einen weiteren Grund, in diesem Sommer nach Trier zu fahren, außer just diesen: eine fabelhafte Schau, die man beim Verlassen am liebsten gleich noch ein zweites Mal genießen möchte, in der sicheren Erwartung, dabei wieder neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Nero ist nun in Trier. Nichts wie hin. Er bleibt nicht ewig.