Grüne Woche Ein Kältemarsch gegen die Agrarindustrie

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In Berlin geht anlässlich der Grünen Woche einbreites Bündnis für eine umwelt- und verbraucherfreundlicheAgrarpolitik aufdie Straße.

Die Demonstranten verlangen einen besseren Umgang mit Tieren. Foto: epd
Die Demonstranten verlangen einen besseren Umgang mit Tieren.Foto: epd

Berlin - „Power to the Bauer“, „Münsterland kein Mästerland“, „Bleibt auf dem Lande und wehret euch täglich“: die Transparente an den Schleppern des Traktorkorsos rufen zum Widerstand auf. „Wir haben Agrarindustrie satt“ – etwa 23 000 Demonstranten folgten den Traktoren, die am Wochenende durch Berlin tuckerten. Das breite Bündnis von Bioland über den BUND, Demeter oder den Bund Deutscher Milchviehalter verlangt eine Abkehr von der bisherigen Agrarpolitik, will mehr Ökolandwirtschaft durchsetzen und Gentechnik von deutschen Äckern fernhalten. Der Protestzug vom Hauptbahnhof zum Kanzleramt soll auch ein Signal sein an die Repräsentanten der traditionellen Landwirtschaftspolitik, die sich wenige Kilometer entfernt auf der Grünen Woche treffen.

Das Bündnis gegen die herkömmliche Agrarpolitik ist nicht nur breit, es ist jung und grenzüberschreitend. „Die Agrarpolitik nutzt nur den großen Firmen“, sagt Aline Herbez aus der französischen Schweiz. „Wir sollten den Import von Futtermitteln stoppen und kein Soja mehr aus Südamerika einführen.“ Doch den Demonstranten geht es nicht nur um das Futter für die Tiere: „Ich finde es eben nicht in Ordnung, wie man die Tiere behandelt“, sagt Mia Schobert aus Schwetzingen.

Reinraumanzüge als Symbol für die Gentechnik

Eine Gruppe von Landwirtschaftsstudenten aus Eberswalde bei Berlin sieht in ihren weißen Anzügen aus wie Menschen, die im Reinraum arbeiten. „Das soll unser Schutz gegen Gentechnik sein“, sagte ein Student. Die Kapuze umrahmt ein Blütenkranz: „Wir wollen hier für Vielfalt demonstrieren“, sagt eine Studentin zu der fantasievollen Kostümierung. Landwirtschaft, so meint sie, könne durchaus mal ihr Beruf werden, „aber nur Ökolandwirtschaft“. Aus Bad Liebenzell ist Christian Bayer angereist. Im Schwarzwald ist er auf einem Bauernhof angestellt, in Berlin geht er auf die Straße, „weil Verbraucher und Landwirte“ ein Signal gegen die „Agrarlobby“ setzen müssen. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und der Deutsche Bauernverband, so meinen die Kritiker, tanzten nach der Pfeife der Nahrungsmittelindustrie. Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Alexander Bonde hat sich zusammen mit der früheren Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (beide Grüne) und Kollegen aus anderen Bundesländern in den Demonstrationszug eingereiht. „Die Bundesregierung darf nicht nur in Sonntagsreden über nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und Tierwohl sprechen“, verlangt Bonde. Die Demonstration sei eine Aufforderung, „eine andere Politik zu machen“.

Appell an die EU-Kommission

Eine Politik, das zeigt so manches Transparent, die auch den „Spekulanten“ das Handwerk legt. Dass die Deutsche Bank „nach einer ausführlichen Prüfung“, wie das Geldhaus mitteilt, weiterhin Finanzanlagen für Agrarrohstoffe anbieten will, weil es „keinen Nachweis gab, dass die Spekulation für die Preisentwicklung verantwortlich ist“, war zum Zeitpunkt der Demonstration noch nicht bekannt. Sonst wären sicherlich laute Buhrufe erschallt. Auf der Bühne vor dem Kanzleramt, die mit einem Transparent der für das Hällische Landschwein bekannten Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall drapiert ist, steht Hubert Weiger, der Präsident des Umweltschutzbundes BUND, und ruft bei klirrender Kälte: „Wir haben es satt, dass der Bauernverband noch das Wort ,Bauer‘ in den Mund nimmt.“ Die Vertretung der ganz überwiegenden Zahl der deutschen Landwirte blockiere die „zaghaften Schritte der EU-Kommission“ zu einer Wende auf dem Land. Die Demonstration ist für Weiger dieses Mal besonders wichtig, werden doch 2013 die Weichen für die europäische Agrarpolitik bis 2020 gestellt. Das EU-Parlament, das dabei auch ein Wörtchen mitzureden hat, müsse die Kommission unterstützen, verlangt Weiger.

Auf der Grünen Woche indes hat so mancher Besucher der weltgrößten Landwirtschaftsschau von der Demonstration überhaupt nichts gehört. Eine Berlinerin freut sich über „das Kulinarische“ und die Blütenpracht in der Blumenhalle, die Protestveranstaltung findet sie „albern, das bringt nichts“. Am Rande des Traktorentrecks verteilt auch die „Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg“ Flugblätter. „Wir haben nicht satt“, ist auf diesen zu lesen. „Ihr schüttelt über unsere Konsumgewohnheiten den Kopf, und wir halten Eure Bioläden für Luxus.“ Der Kritik folgt ein Aufruf zu Gemeinsamkeit: Im Kampf für gesunde Ernährung müsse auch „die soziale Frage gestellt“ werden. Und wer um ein menschenwürdiges Existenzminimum kämpfe, solle trotzdem auch nach der Qualität der Nahrungsmittel fragen. Denn: „Eine bessere Gesellschaft kann es nur für alle geben.“