Grüner Kandidat bei der Bundestagswahl Tobias Bacherle will die Jugend für die Politik begeistern

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Der Sindelfinger Stadtrat Tobias Bacherle will für die Grünen in den Bundestag einziehen. Dem 22-Jährigen ist die Förderung von alternativer Kultur wichtig – auch, weil er selbst in einer Metalcore-Band singt.

Tobias Bacherle fühlt sich im Sindelfinger s’Café wie zuhause. Foto: factum/Granville
Tobias Bacherle fühlt sich im Sindelfinger s’Café wie zuhause. Foto: factum/Granville

Böblingen - Tobias Bacherle lehnt sich auf seinem schlichten Holzstuhl zurück und blickt wehmütig durch den Raum. „Ich war schon viel zu lange nicht mehr hier“, sagt der 22-Jährige und legt die Füße auf den benachbarten Stuhl. Das s’Café ist ruhig an diesem Dienstag, nur wenige Gäste trinken hier ihren Kaffee oder blättern durch die Zeitung. Das s’Café in der Sindelfinger Altstadt (Kreis Böblingen) sei seine „Stammkneipe“, hier sei die Idee für das „dit is schade!“-Festival entstanden, hier habe er viele neue Kontakte geknüpft, sagt Bacherle, der im September für die Grünen in den Bundestag einziehen will.

Dass er einmal bei dieser Partei heimisch werden würde, das war für den Sindelfinger nicht von vornherein klar. So spüre er auch eine Nähe zu anderen Parteien. „Ich fände es schön, mal eine sozial-liberale Regierung zu haben.“ Der Grund, sich bei den Grünen zu engagieren, war deren „konsequentes Bekenntnis zu Europa“. Denn Bacherle ist ein leidenschaftlicher Europäer. „Ich bin überzeugt, dass das Europäische Parlament mehr Kompetenzen braucht.“

Tobias Bacherle kritisiert Boris Palmer

Derzeit würden die meisten Entscheidungen aber in den nationalen Parlamenten gefällt, deshalb will er im Bundestag auch für die europäische Idee streiten. Bacherle steht auf Platz 18 der Grünen Landesliste. Ob dies für einen Wechsel nach Berlin reicht, wird sich wohl erst am Wahlabend herausstellen.

Nicht mit allen Grünen Parteigenossen liegt Bacherle auf einer Linie. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer etwa sei „ein super netter Typ. Es ist sehr schade, dass er meint, sich mit Populismus profilieren zu müssen.“ Denn Palmer mache eigentlich eine nachhaltige Stadtpolitik. Auch von der Entscheidung der Regierung Kretschmann vor dem Anschlag in Kabul, die Abschiebungen in ein Land wie Afghanistan fortzuführen, war Bacherle nicht begeistert. Heuchlerische Politik nennt er das, die mit hohen Abschiebezahlen punkten wolle. Aber Bacherle sagt auch, dass Kretschmann weiterhin „zu den großen roten Linien“ stehe, das schätze er an dem Ministerpräsidenten.

„Weniger Autos sind immer gut“

Thematisch liegt Bacherle die Förderung alternativer Kunst sehr am Herzen. Kein Wunder, er selbst singt in der Band Immersion – oder besser gesagt „schreit“, wie er mit einem Grinsen sagt, denn Immersion macht Metalcore-Musik, bei der die Sänger eher brüllen als singen. Dieser Markt sei in einem starken Wandel begriffen, der es neuen Talenten schwer mache, einzusteigen – auch wegen finanzieller Hürden.

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Auch das Thema Mobilität steht ganz oben auf seiner Agenda. „Weniger Autos sind immer gut“, sagt er. Gerade die Innenstädte würden in der Zukunft für den individuellen motorisierten Verkehr nicht mehr so zugänglich sein wie heute, glaubt Bacherle. Den Erdgasantrieb sieht er als entscheidende Brückentechnologie zu einer emissionsfreien Mobilität an. „Ich bin für Technologieoffenheit.“

Wahlkampf im Netz

Ein wichtiges Standbein in Bacherles Wahlkampf sind die sozialen Netzwerke. So ist er auf Facebook, Instagram, Twitter, Youtube und Snapchat aktiv. Das klingt nach viel Arbeit, die Bacherle aber gern in Kauf nimmt. „Es ist immens wichtig, im Netz präsent zu sein“, sagt der 22-Jährige. Dabei ist er eigentlich kein Fan der Selbstinszenierung, mit der sich viele Politiker dort darstellen. „Ich kann Selfies nicht leiden“, sagt er. Ihm sei klar, dass Fotos von einem Kandidaten bei einer Veranstaltung gut ankämen, „aber ich mag so was einfach nicht“. Deshalb gebe es von ihm nur sehr wenige solcher Aufnahmen.

Nicht nur im Netz, sondern auch auf Veranstaltungen muss Bacherle häufig auch Kritik einstecken. Oft werde ihm beispielsweise geraten, sich die Haare schneiden zu lassen. Davon lässt er sich nicht schrecken. Nicht jeder müsse ihn mögen, sagt der Grüne. „Ich kandidiere, damit die jungen Leute Bock auf Politik bekommen.“ Ihre Sichtweise wolle er als ebenfalls junger Mensch in Berlin einspeisen. Dabei hofft er, „dass ich nicht nur der junge, naive, weltfremde Student bin.“

Sollte es mit dem Einzug in den Bundestag nichts werden, werde er die Finger nicht von der Politik lassen, sagt der 22-Jährige, „aber es gibt ja auch noch ein Leben daneben.“ Sein Studium beispielsweise, dass wegen des Wahlkampfs derzeit zu kurz komme. Seinen Bachelorabschluss will er auf alle Fälle machen – und sei es von einem Büro im deutschen Bundestag aus.

4 Fragen, 4 Tweets

Die Bundestagskandidaten wurden aufgefordert, die Fragen im Stil der Internet-Kurznachrichten-Plattform Twitter zu beantworten. Dort sind für eine Nachricht maximal 140 Zeichen erlaubt.

1) Wann kaufen Sie Ihr erstes Elektroauto?
Sobald ich wieder ein neues Auto benötige.
2) Was tun gegen die explodierenden Miet- und Immobilienpreise?
Wohnungsbau fördern, vor allem im Stadtrat mit meiner Fraktion auf klügere Bebauung dringen: Bauland ist begrenzt.
3) Wie viel Geld geben Sie für Ihren Wahlkampf aus?
Schwer zu sagen. Neben Spende an Partei & nie gezählten Mobilitätskosten, noch unzählige Arbeitsstunden.
4) Was halten Sie von der Homo-Ehe?
Endlich, das wurde aber auch Zeit. #its2017