Stuttgart - Die Anmeldung auf die weiterführenden Schulen wird in Stuttgart mit Spannung erwartet. Erstmals entscheiden die Eltern, für welche Schulart sie ihr Kind anmelden. Wird es deshalb zu einem Massenansturm auf Gymnasien und Realschulen kommen? Werden die Hauptschulen vollends ausbluten? Dies befürchten nicht nur die Kritiker. Auch im städtischen Schulverwaltungsamt bereitet man sich auf dieses Szenario vor. Jedes Kind soll in der gewünschten Schulart einen Platz bekommen – mitunter aber nicht an der Wunschschule.
„Wir rechnen mit Verschiebungen“, sagt Karin Korn, die Chefin des Schulverwaltungsamts. Der erwartete Zuwachs an den Gymnasien werde jedoch zu bewältigen sein. „Der Wegfall der 13. Klasse bringt eine räumliche Entlastung“, so Korn. „Die größere Problematik sehen wir bei den Realschulen – denn die sind bis auf die Innenstadtschulen voll.“ Im Schulverwaltungsamt wurden Szenarien mit einem Zuwachs von fünf bis 20 Prozent an Realschülern durchgespielt. An dieser Schulart könnte es erstmals zu Schülerumlenkungen kommen, sagt Korn. Diese sind an den Gymnasien längst üblich. Künftige Realschüler müssen damit rechnen, dass sie auf eine Schule mit längerem Schulweg ausweichen müssen. Alternativ werde geplant, Realschulklassen auszulagern, so Korn.
Verlierer könnten die Hauptschulen sein
Im Gesamtelternbeirat (GEB) bewertet man den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung „überwiegend positiv“, so GEB-Sprecherin Sabine Wassmer. „Wenn das Grundschulabitur wegfällt, kehrt Entspannung ein.“ Es werde eine große Entlastung sein, „wenn man in der dritten und vierten Klasse nicht mehr so sehr auf die Noten schielt“. Zugleich sei man im GEB „sehr optimistisch, dass es nicht zu einer massenhaften Anmeldung an den Gymnasien führt und Schüler dann wieder runtermüssen“. Verlierer könnten jedoch Hauptschulen sein, räumt Wassmer ein. „Sie werden unter Umständen in Klasse sechs und sieben wieder Schüler bekommen – und die werden auch leiden.“ Tragisch fände es Wassmer, „wenn die Selektion künftig in Klasse fünf, sechs oder sieben stattfindet“. Eine Verunsicherung der Eltern sei nicht spürbar. „Es gibt ja Beratung.“
Darauf setzt auch Renate Schlüter, die Geschäftsführende Schulleiterin der Grund- und Hauptschulen. „Wir beraten die Eltern wie seither auch. Dabei schauen wir auf die Noten, aber auch auf das Arbeitsverhalten der Kinder.“ Beides habe aber keinen Einfluss auf die Entscheidungsfreiheit der Eltern. Für die Anmeldung auf die weiterführende Schule reiche die schriftliche Bestätigung, dass das Kind die vierte Klasse besucht. „Die Eltern haben jetzt eine große Freiheit, aber auch eine große Verantwortung“, sagt Schlüter. Eltern, die sich unsicher seien, könnten ein Beratungsverfahren in Anspruch nehmen. Dabei würden unter anderem Intelligenz, Sprachvermögen, logisches Denken, Konzentrationsfähigkeit der Kinder ermittelt. Damit wolle man herausfinden, ob in einem Kind mehr steckt, als es zeige.
Keine Platzprobleme in Gymnasien?
Auch Schlüter sieht Vorteile in dem neuen Verfahren. „Es nimmt Druck von den Grundschullehrern.“ Nun müssten sie nicht mehr mit Vorwürfen rechnen, zum Beispiel: „Sie verhindern das glückliche Leben meines Kindes“. Beim Infoabend habe sie den Eltern gesagt: „Vertrauen Sie unseren Lehrern. Die kennen Ihr Kind und sein Arbeitsverhalten.“ An den Hauptschulen rechnet Schlüter mit weniger Anmeldungen – aber auch mit späteren Rückläufern.
Barbara Graf, die Geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien, stellt sich auf einen „gewissen Zuwachs“ ein. Platzprobleme werde es dennoch kaum geben. „Wir entlassen ja einen doppelten Abijahrgang.“ Grundsätzlich gelte: „Für alle Kinder, deren Eltern das wollen, finden wir einen Platz an einem Stuttgarter Gymnasium – wir nehmen den Elternwillen sehr ernst.“ An den Anmeldetagen 28. und 29. März werde es aber kein Windhundrennen geben, so Graf. Die Einteilung der Schüler werde erst danach vorgenommen.
Grundschullehrer suchen das Gespräch mit den Eltern
„Bei der Aufnahme wird es kein Aussieben nach Noten geben“, so Graf. Wünschenswert wäre aus Sicht der Gymnasialleiter jedoch eine enge Kooperation mit den abgebenden Schulen. „Wir werden die Eltern um Einwilligung bitten – aber erst nach Abschluss der Anmeldung“, sagt Graf. „Wir sind von der hohen diagnostischen Kompetenz der Grundschullehrer überzeugt.“
Wenn Klassenlehrer dann doch Bedenken hätten, ob das Kind den Anforderungen eines Gymnasiums gewachsen sei, werde man frühzeitig das Gespräch mit den Eltern suchen. „Wir werden uns sehr produktiv bemühen, mit den Kindern zu arbeiten“, kündigt Graf an. Ein gutes Instrument für Kinder mit Lernschwierigkeiten sei etwa am Hegel-Gymnasium in Vaihingen der Indi-Club mit seiner individuellen Förderung. Im Vordergrund stehe, den Kindern Lernstrukturen beizubringen.
Das Ministerium wartet Anmeldezahlen ab
An den Realschulen rechnet der Geschäftsführende Schulleiter Fred Binder ebenfalls mit erhöhtem Andrang – und zwar zunächst von Schülern, die sonst auf die Hauptschule gegangen wären. Bisher seien an der Realschule die Übergangszahlen immer stabil gewesen. „Rund 20 Prozent unserer Schüler kamen mit Gymnasialempfehlung“, berichtet Binder. Den Eltern empfiehlt er: „Wählen Sie für Ihr Kind eine Schulart, die es problemlos durchlaufen kann.“ Denn bei aller Wahlfreiheit blieben die Anforderungsprofile der Schularten bestehen, betont Binder. Man könne nur hoffen, dass die Eltern die Beratung der Grundschullehrer annehmen. „Die Anmeldung an einer bestimmten Schulart ist nicht der Sieg – es ist nur der Anfang.“
Verschiebungen bei der Nachfrage der Schularten wirken sich auch auf den Lehrerbedarf aus. Im Ministerium will man aber die Anmeldezahlen abwarten.


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Viel Verantwortung
Da wird künftig sehr viel Verantwortung bei den Eltern liegen - ich möchte diese Entscheidung heute nicht mehr für mein Kind treffen müssen, das ich damals lieber auf die Realschule geschickt hätte. Nach einem Beratungsgespräch mit der Klassenlehrerin habe ich ihrer Gymnasialempfehlung vertraut, und das war richtig.
ich - jetzt - alles
Ein Gymnasiallehrer erklärte mir neulich, schon jetzt besuche ein Drittel aller Schüler Schulen jenseits ihrer Fähigkeiten. Mag sein, dass Lehrer gelegentlich das Problem sind. Das größere sind jedenfalls die Eltern mit Perspektivverlust (im mehrfachen Sinne). Hauptschule = Lada; Gümmi = Mercedes. Also: Wer möchte alles einen Lada? Ich wüsste nicht, wieso an den Schulen Platzmangel entstehen sollte. Die Rektoren ersetzen während der Sommerferien das Schild "Realschule" durch "Gymnasium" und hernach "Hauptschule" durch "Realschule". Ganz einfach. Zusätzlich wird weiter anwachsen die lebenserleichternde politisch korrekte Gefälligkeitsnotengebung, die sich bis zum Abi zieht. Nein, nein: Das Aussieben wird nicht in die Klassen 5 bis 7 verlagert werden, sondern zu den Unis, die peinlich feststellen, dass manche Abiturienten noch lange nicht bzw. schon seit längerem nicht mehr wissen, wie man richtig schreibt und rechnet oder im allgemeinen Probleme löst. Aber wen juckt's?!
Dumm
Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung war eine ideologisch motivierte Dummheit. Ebenso wie die Einführung der Gemeinschaftsschulen. Die Abschaffung der verbindlichen Empfehlung führt in ALLEN Untersuchungen zu einer stärkeren sozialen Selektion. Das ist auch leicht nachvollziehbar. Der Facharbeiter mit Migrationshintergrund kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass sein Kind begabt ist und aufs Gymnasium sollte, vielleicht hat er auch Angst, dass er bei den Hausaufgaben nicht mehr helfen kann. Der Studienrat, mit dem...weniger begabten Kind wird hingegen alles daransetzen, dass es das Gymnasium wird - schließlich war man ja selber da und überhaupt, was würden die Leute sagen? Außerdem ist das System in BaWü ja durchlässig. Eine Entscheidung ist nicht in Stein gemeisselt. Ach halt, bald sind ja eh alle gleich.