Gülen-Schule in Ludwigsburg Türkeikonflikt: Schule muss schließen

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Die der Gülen-Bewegung nahestehende Gauß-Schule in Ludwigsburg stellt den Unterrichtsbetrieb ein. Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei hat sie rund ein Fünftel ihrer Schüler verloren. Durch die türkische Gemeinschaft in der Stadt geht ein Riss.

Das Schild wird bald verschwinden – und auch die Pläne für eine Kita an der Gauß-Schule haben sich zerschlagen. Foto: factum/Weise
Das Schild wird bald verschwinden – und auch die Pläne für eine Kita an der Gauß-Schule haben sich zerschlagen. Foto: factum/Weise

Ludwigsburg - Die Boykottaufrufe aus der Türkei und von Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Erdogan in Deutschland haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Die der Gülen-Bewegung nahestehende Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Ludwigsburg muss schließen. „Die sinkenden Schülerzahlen und das ausbleibende Interesse lassen für die kommenden Schuljahre keine wirtschaftliche Tragfähigkeit zu“, erklärte der hinter der Privatschule stehende Verein Soziale Zusammenarbeit für Dialog und Integration (SDI) am Donnerstag. Der Unterrichtsbetrieb an der Realschule und dem Gymnasium werde zum 31. Juli eingestellt. Die vordringlichste Aufgabe werde jetzt sein, die Schüler und Eltern „bei der Wahl eines neuen Schulplatzes zu begleiten und entsprechende Kontakte zu den aufnehmenden Schulen herzustellen“. Die Lehrer wurden bereits vor zwei Wochen informiert, dass sie sich an anderen Schulen bewerben sollen.

Auf die Gründe wird in der Mitteilung nicht eingegangen, weder der Trägerverein noch die Schulleitung wollen sich dazu äußern. Allerdings hat sich die Entwicklung abgezeichnet – spätestens seit dem Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016, für den Erdogan seinen Gegenspieler Fethullah Gülen verantwortlich macht. Weshalb Erdogans Anhänger dazu aufriefen, Gülen-Einrichtungen zu boykottieren, auch in Deutschland.

„Landesverräter“, „Fuck Gülen“ – Unbekannte haben die Fassade der Schule beschmiert

Bereits wenige Tage nach dem gescheiterten Umsturz tauchten Schmierereien an den Wänden der Gauß-Schule an der Martin-Luther-Straße auf. „Landesverräter“ hatten Unbekannte an die Fassaden gesprüht, „Fuck Gülen“ oder einfach: „Erdogan“. In den folgenden Wochen wurde rund ein Fünftel der Schüler abgemeldet. „Ich gehe davon aus, dass sie unter Druck gesetzt wurden“, sagte damals der Schulleiter Hakan Cakar. „Aber wir machen weiter – jetzt erst recht.“

Kurzfristig versuchte die Schule den Rückgang aufzufangen, indem sie Vorbereitungsklassen für Flüchtlinge einrichtete. Jetzt, nach „insgesamt zehn erfolgreichen Jahren“, wie es in der Mittelung heißt, ist Schluss. Zuletzt waren nur noch knapp hundert Schüler übrig: Zu wenig, um kostendeckend zu arbeiten. Auch Pläne, an der Gauß-Schule eine Kita zu integrieren, haben sich damit zerschlagen.

Cakar hat stets versichert, dass die meisten Lehrer an seiner Schule Deutsche seien und Politik im Unterricht keine Rolle spiele. Gleichwohl verheimlichte er nie, dass er und die Mitglieder des Trägervereins mit Gülen sympathisieren. Die Anhänger des Predigers, der im Exil in den USA lebt, betreiben weltweit Bildungseinrichtungen, in der Türkei gelten sie als Terroristen. Zuletzt wurde bekannt, dass der türkische Geheimdienst Gülen-Sympathisanten auch in Deutschland ausspionieren ließ.

Die Stadt bittet die politischen Gegner an einen Runden Tisch

Der Bundesnachrichtendienst bezweifelt, dass Gülen hinter dem Putschversuch steckt, als terroristische Vereinigung wird die Bewegung in Deutschland nicht eingestuft. „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass von Gülen-Einrichtungen verfassungsfeindliche Aktivitäten ausgehen“, sagt Georg Spielberg, der Sprecher des baden-württembergischen Verfassungsschutzes.

Die Stadt hat die Gauß-Schule unterstützt, etwa Sportanlagen zur Verfügung gestellt. „Dort wurde gute Arbeit geleistet“, sagt der Bildungsbürgermeister Konrad Seigfried, der die türkischen Organisationen in Ludwigsburg seit Monaten regelmäßig an einen Runden Tisch bittet, um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Erdogan-Anhänger, Kurden, Gülen-Sympathisanten – die Teilnehmer würden sich dabei „durchaus in die Wolle kriegen“, sagt Seigfried, aber noch sei ein Dialog möglich. Noch – das Wort betont er. „Es ist spürbar, dass der Druck in der türkischen Community zunimmt.“

Auch die BIL-Schule in Stuttgart hat viele Schüler verloren

Viele Gauß-Schüler werden wohl an die ebenfalls der Gülen-Bewegung nahestehende BIL-Schule in Stuttgart wechseln. Sehr bedauerlich sei die Entwicklung in Ludwigsburg, sagt der BIL-Geschäftsführer Seyit Tokmak. „Wir werden versuchen, den Eltern und Schülern zu helfen.“ Auch die BIL-Schule, die aus Grundschule, Realschule, Gymnasium und Wirtschaftsgymnasium besteht, verzeichnete im vergangenen Jahr einen massiven Einbruch der Schülerzahlen, ebenso wie beispielsweise Gülen-Schulen in Mannheim, Köln oder im bayerischen Jettingen-Scheppach.

In Stuttgart waren es rund 70 Abmeldungen, das habe man kompensieren können, so Tokmak. 394 Schüler seien noch da, und die Anmeldezahlen fürs nächste Schuljahr seien „ganz gut“. Zum Konflikt in der Türkei sagt der BIL-Geschäftsführer nur: „Natürlich beunruhigt uns das. Aber wir vertrauen den deutschen Sicherheitsbehörden, mehr können wir nicht machen.“

Für die Gauß-Schule in Ludwigsburg gibt es nun nur noch eines zu tun: „Wir wollen das Ganze zu einem würdigen Abschluss bringen“, sagt Hakan Cakar.