Gutachten zu Stuttgart 21 "Wenn das die Leute wüssten"

Von Jörg Nauke 

In der Schlichtungrunde von Stuttgart 21 geht es auch um die Neutralität von Gutachtern. Diese zweifeln die Gegner des Projekts an.

 Foto: Steinert
Foto: Steinert
Stuttgart - Die baden-württembergische Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) hat gegen Ende der vierten Schlichtungsrunde eine Debatte eröffnet, die selbst den erfahrenen Politiker und Juristen Heiner Geißler verwundert hat. In ihrer Replik auf das Fazit der Projektgegner, der Kopfbahnhof könne modernisiert werden, verwies sie auf das Urteil des Verwaltungsgerichtshofes (VGH) Mannheim von 2006.

Die Richter hatten K21 damals als "zweifelhaft" bezeichnet und als Alternative ausgeschlossen. Bei Stuttgart21 handele es sich dagegen um "keinen planerischen Missgriff", wie von den Gegnern behauptet. Vielmehr erfülle die Trasse die Bedingungen, in der City städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen und den Flughafen anzuschließen.

Sachverständige von Bahn bestellt


Am Freitag wunderte sich nun der Schlichter Heiner Geißler darüber, dass ein Gericht über die Frage befinden könne, ob ein Konzept wie K21 planfeststellungsfähig sei. Mit der Aussage "Wenn das die Leute wüssten, würden sie sich schon sehr wundern", reagierte der 80-Jährige darauf, dass die Richter damals offenbar keine neutralen Gutachter verpflichtet hatten, sondern sich bei ihrer Entscheidungsfindung auf den Sachverstand jener drei Experten stützten, die von der Bahn bestellt worden waren: Wulf Schwanhäußer, Mitglied im Konzernbeirat der Bahn, Gerhard Heimerl vom verkehrswissenschaftlichen Institut der Uni Stuttgart, der vor Gericht seine eigenen Pläne begutachtet hatte sowie sein Nachfolger Ullrich Martin, der mittels Simulation dem Tiefbahnhof eine größere Leistungsfähigkeit gegenüber K 21 attestierte.

Die Schlichtung ergab nun allerdings, dass dessen Analyse "unter Laborbedingungen" die kritische Gleissituation außerhalb des Bahnhofs nicht berücksichtigt hatte. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) verstieg sich deshalb am Freitag zu der Aussage, das VGH-Urteil sei angreifbar. Heimerl und Martin sitzen für die Befürworter am Schlichtungstisch.
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@ Selberdenken 05. Nov. 19:05 Uhr: Zum Artikel: 'Streit über Vorteile von Stuttgart 21' _____________________________________________________________ Beitrag von „Selberdenken“: @phil55 4.Nov 19:10 und 5.Nov 14:02 In Ihrem erstgennanten Beitrag haben sie ja schön gezeigt, dass bei Verwendung der richtigen Faktoren S21 und K21 gleich gut abschneiden (jeweils 107,5%) Wie lange haben Sie eigentlich getüftelt, bis Sie sinnvolle Faktoren hatten, bei denen das Ergebnis für K21 nicht schlechter als für S21 ausfiel? Wobei ich immer noch der Meinung bin, dass Ihr Faktor bei den schnelleren Verbindungen zu gering angesetzt wurde. ________________________________ Ihre anschließende 'Zweitgewichtung' ist allerdings ein Witz, und wird durch Verwendung von (-2) statt (-3) nicht sinnvoller! Warum werten Sie die Fahrgäste, die bei S21 weniger oder gleich lang brauchen als bei K21 mit positivem Faktor, und die, die bei S21 länger brauchen als bei K21 mit negativem Faktor? _____________________________ Richtig wäre es, die schneller ans Ziel kommenden Fahrgäste mit positivem Faktor zu werten, die, die gleich lang unterwegs sind mit 0, da sich deren Zufriedenheit nicht ändert, weder positiv noch negativ, und die, die länger brauchen mit negativem Faktor. Dann ergibt sich mit Ihren Zahlen bei S21 z.B. ein 'Zufriedenheitswert' von 2*21,7+0*72,7+(-2)*13,1=17,2% und bei K21 von 2*14,8+0*86,6+(-2)*6,1=17,4%. Hiermit haben Sie das Ergebnis, dass bei K21 der Zufriedenheitswert um 0,2% höher ist, als bei S21. Wenn sie jetzt anstelle der Faktoren 2/-2 die Faktoren 1000/-1000 nehmen, kommen Sie sogar auf 100% Vorteil für K21! _____________________________________________________________ Zur richtigen Einordnung: =>=>=> Die 107,5% beziehen sich auf das prognostizierte Fahrgastaufkommen. Diese statistische Betrachtung ist von K21 oder S21 weitestgehend unabhängig. Somit gilt diese Prognose für beide Varianten in grundsätzlich gleicher Höhe! Die unterschiedliche prozentalen Anteile von schnelleren, gleich bleibenden und langsameren Verbindungen würden sonst logischerweise zu unterschiedlichen Entwicklungs-Faktoren führen, um die prognostizierten 107,5% korrekt zu erreichen. Ich danke für die Blumen, dass es mir auch mit gleichen Entwicklungs-Faktoren gelungen ist. Das erhöhte Fahrgast-Aufkommen kann und muss prinzipiell von beiden Bahnhofs-Varianten bewältigt werden. =>=>=> bei der von Ihnen fehlinterpretierten „Zweitgewichtung“ wird mittels mathematischer Differenz-Beträge (zunächst absolute Beträge) und vordefinierten positiven oder negativen Faktoren ein objektivierender Vergleich von 2 Varianten (besser wären mind. 3 Varianten) ermöglicht. Als Beispiel: die Tordifferenz beim Fußball. Die positive Tordifferenz der besseren Mannschaft erhält man nur, wenn von der torreicheren Mannschaft die Mannschaft mit weniger Toren „abgezogen“ wird; oder der absolute Differenzbetrag (z.B.: Diff. aus: K21-S21 oder S21-K21) als positiv vordefiniert ist. Mehr Tore sind also unstrittig positiv zu werten! Aus Fahrgast-Sicht ist es unstrittig positiv, zukünftig NICHT verlangsamt ans Reiseziel zu kommen. Darum wurde von mir auch gerechterweise eine gleiche positive Faktorierung bei K21 und S21 verwendet. Dies wurde übrigens auch von „Beobachtung“ so gewünscht. Mit dem Differenzbetrag bei den verlangsamten Verbindungen (Diff. aus: K21-S21 oder S21-K21) wird eine negative Entwicklung ermittelt. Für diese unstrittig nachteilige Eigenschaft MUSS der Differenzbetrag einen negativen Faktor bekommen, ansonsten wäre die Rechnung in der Tat ein „Witz“. Bei Errechnung der Differenz-Beträge ist es völlig gleichgültig, ob K21/S21 oder S21/K21 betrachtet wird. Mathematisch führt es zum gleichen Ergebnis. =>=>=> ... „Richtig wäre es, die schneller ans Ziel kommenden Fahrgäste mit positivem Faktor zu werten“ ... so IST es richtig! Bei den künftig schnelleren Verbindungen liegt S21 in der Tat vor K21 (ungewichtet +6% für S21, also 1:0 für S21). Für die, welche auch beim neuen Bahnhof gleich schnell ans Ziel kommen, hat sich nichts merklich verschlechtert oder sogar etwas bis 2 Minuten verbessert. Im Sinne einer objektivierenden statistischen Wichtung darf diese Fahrgast-Verbindungszeit-Kategorie nicht unterschlagen werden! Nur ein positiver Faktor (mind. 0,5 bis 1,0) führt hier zu brauchbaren Optimierungs-Betrachtungen. Die zeitlich längeren Verbindungen sind von mir, wie gewünscht gleichfaktoriert, negativ bewertet worden. Hier liegt aber S21 hinter K21 (ungewichtet -7% gegen S21, also 1:1) Es wird so von Ihnen prinzipiell mein fehlerfreier Ansatz wiederholt und bestätigt. Ihre Formulierung „Richtig wäre es, ...“ ist deshalb eine aberwitzige Luftnummer! Aus der ungewichteten Summe von zeittechnischen Vor- und Nachteilen ergibt sich -1%-Punkt gegen S21, also +1%-Punkt für K21. Bei der kundenfreundlichen Status-Sicherheit zeitstabiler Verbindungen punktet ebenfalls K21. („unverfälscht“ also 2:1 für K21) =>=>=> Auf Basis vorliegender Analyse- und Prognose-Zahlen und unstrittiger positiv-/negativ Einstufungen lässt sich von jedermann rechnen: _____________________________________________________________ Zufriedenheitswert für S21 =1*21,7 +0,5*72,7 +(-1)*13,1=44,9% _____________________________________________________________ Zufriedenheitswert für K21 =1*14,8 +0,5*86,6 +(-1)*6,1 =52,1% _____________________________________________________________ K21/S21, -2min/+-/+2min-Diff.= -6,84 + 6,95 + 7,07 =+7,2 Pkt. _____________________________________________________________ S21/K21, -2min/+-/+2min-Diff.= +6,84 - 6,95 - 7,07 =-7,2 Pkt. _____________________________________________________________ Es wurden also möglichst simple Faktoren, wie +1 für „positiv“, +0,5 für vermindert positiv und -1 für eindeutig negativ verwendet, um funktionale Verzerrungen zu vermeiden. Der begründete Vorteil bei den Verbindungszeiten liegt beim Vergleich von K21/S21 bei 52% zu 45% - Punkten. K21 hat einen realen Vorsprung 7 Wertungspunkten. Utopisch-witzige Faktoren sind also überflüssig. Bei einer extrem S21-freundlichnen Wertung kann der zu erwartende Anstieg des Fahrgast-Aufkommens von insgesamt 7,5% komplett den beschleunigten Strecken zugeschlagen werden. Das ergibt ein Plus von maximal 40% für Verbindungen der Kategorie „schneller“ bei beiden Varianten. Ein rückläufiges Fahrgastaufkommen sollte bei den restlichen Verbindungs-Kategorien nicht unterstellt werden! Extrem S21-freundlich gerechnet: K21/S21 = 53,9 / 47,6%-Punkte. Vorsprung von K21/S21 = 6,3 Wertungspunkte. Da es auch bei K21 beschleunigte Strecken gibt, wird auch K21 bei Annahme eines 40%-igen Fahrgast-Zulaufs bei diesen Strecken etwas aufgewertet. Fazit: K21 ist beim Wertungs-Duell erster und somit 1. Wahl. S21 wäre für einen statistischen Durchschnittskunden immerhin noch zweitplazierter und somit 2. Wahl!

Leute & '21: Der Artikel hat wieder ein Kernstück des Filzes freigelegt: 2006 schon waren offenbar die Richter S' 21-befangen, indem S'21-AUFTRAGSGUTACHTER natürlich nur ihren Auftrag schönmachen konnten. Die Folge kam 2010, als die Dübberschen Klagen brüsk abgewiesen worden sind. Merksch dees Komplott? Hoffentlich rückt Karlsruhe für den Bonatz-Erben alles ins rechte Licht und gibt es (u.a. auch) Aufklärung für den schwarzen Donnerstag. Salem!

Bäume!: @Gegner, Sie fragten 'Die Grafik sieht ja ganz nett aus aber wie zum zum Teufel will die Deutsche Bahn auf einer Betonplatte Bäume pflanzen :)' hier ab Min. 5:05 erklärt: http://www.youtube.com/watch?v=FjL90ENy6Ac&feature=related

Bäume: Die Grafik sieht ja ganz nett aus aber wie zum zum Teufel will die Deutsche Bahn auf einer Betonplatte Bäume pflanzen :)

@Hagen: Das ist ein guter Hinweis, der so aber niemals umgesetzt wird, weil die Stadt wie auch das Land BW dort Subvention betreiben will für die ECE. Was mich wundert ist, dass die Kaufleute der Stuttgarter Innenstadt nicht aufbegehren. Schließlich wird Ihnen dieser Kauftempel die kunden wegziehen. Wie wird sich das auf die schöne Fußgängerzone der Innenstadt auswirken?

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