Gutachten zur Neubaustrecke Kosten und Nutzen in Frage gestellt
Jörg Nauke, 08.09.2010 06:46 Uhr
 Foto: Zweygarth
Foto: Zweygarth
Stuttgart - Die Grünen präsentieren am Mittwoch eine "Prognose der wahrscheinlichen Projektkosten der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm". Der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann hat in das Gutachten des Büros Vieregg & Rössler geschaut und von Gesamtkosten von fünf Milliarden Euro für die 58 Kilometer lange Strecke gelesen; die Bahn dementierte prompt. Die Zahl deckt sich mit Erkenntnissen des Büros von 2006. Damals kam es auf 4,6 Milliarden Euro, die Bahn sprach damals noch von zwei Milliarden Euro, heute von 2,9 Milliarden. Die Mehrkosten trägt der Bund. Verkehrsminister Peter Ramsauer will aber das Land und die Bahn mit ins Boot holen.

Bis Jahresende will er eine neue Kosten-Nutzen-Rechnung für die Neubaustrecke vorlegen. "Der Spiegel" berichtet, das Vorhaben sei herabgestuft worden, der Bedarf sei nicht mehr "vordringlich". Das verwundert bei der Bahn niemanden.

Engpässe sind woanders


In einem "Argumentationspapier" von 2007 sind die "wesentlichen Engpässe" im Schienennetz benannt worden, die beseitigt gehörten - von Kapazitätsproblemen zwischen Stuttgart und Ulm war nicht die Rede. In einem Gutachten des Umweltbundesamts sind fünf Korridore für den steigenden Güterverkehr genannt; auch hier fehlt die von den Befürwortern des Projekts Stuttgart-Ulm so vehement geforderte Trasse. Deren wichtigstes Argument, ohne beschleunigte Verbindung in Richtung Bratislava werde Stuttgart vom internationalen Hochgeschwindigkeitsverkehr abgehängt, hat unlängst ein hochrangiger Bahnmitarbeiter kassiert: "Stuttgart wird immer von ICE angefahren, weil wir hier viele Fahrgäste abholen", sagte er gegenüber der StZ.

Die Grünen versuchen, Stuttgart 21 zu verhindern, indem sie der Neubaustrecke, für die sie viele Jahre lang aus ökologischen Gründen plädiert hatten, Unwirtschaftlichkeit attestieren und ihre Notwendigkeit anzweifeln. Der Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter hat gehört, der Kosten-Nutzen-Faktor für die Trasse läge nur noch minimal über der Untergrenze von 1,0. Damit dürfte sie der Bund finanzieren. Diese Kalkulation lässt sich allerdings leicht beeinflussen, indem man hohe Zugzahlen prognostiziert oder die Baukosten niedrig schätzt. Genau dies werfen die Grünen Bund und Bahn vor.

Die Neubaustrecke soll die bestehende Trasse entlasten, die bei 240 Zügen täglich an ihre Grenzen stößt; es drohe mit 410 Zügen pro Tag der Kollaps, so die Prognose für 2015, die auf den Bundesverkehrswegeplan 2003 fußt. Geplant ist deshalb, den Fernverkehr (114 Züge täglich) zur Entlastung auf die Neubaustrecke zu verlegen. Tatsächlich herrscht wenige Jahre vor dem Prognosejahr 2015 auf der Altstrecke so wenig Verkehr, dass eine Verlagerung des Fernverkehrs aus Kapazitätsgründen nicht nötig wäre.

Kommentare (73)
Anzeigen
SEP
15
Y. Berger, 00:09 Uhr

@StuttgartII oder Ulmer oder im Maulwurf?

Klingt alles so ähnlich was die drei Niknames schreiben. Danke für ihre Aufklärung. Freut mich, daß ich ihr Wissen ausbauen konnte. Es war meine Absicht mal zu testen ob die S21 Befürworter auch recherchieren können oder nur leere Worthülsen einwerfen. Sie waren große Klasse, hatte die gleichen Ergebnisse auch rausbekommen. Bis zum nächsten Tests grüßt sie lieber Herr StuttgartII-Ulmer-imMaulwurf ihr/ihre Y. Berger

SEP
10
Jemand, 12:12 Uhr

@Sauerwasser

Was würde das an der Tatsache ändern, dass das Papier von Vieregg und Rössler Schrott ist? Das einzige, was die Gegner dann machen könnten, wäre zu schreiben, dass die Bahn doch auch keine Gutachten schreiben kann. Aber warum sollte die Bahn ein Gutachten schreiben? Die Zahlen die die Bahn angegeben hat, stammen garantiert aus ihren Planungssystemen. In einfachster Form liegen die Zahlen in Excel-Tabellen in Verbindung mit einem gigantisch großen Projektplan mit mehreren Detailstufen. Die Bahn wäre ziemlich dumm, diese Daten offenzulegen. Nicht wegen irgendwelchen Theorien, dass die Zahlen gelogen sind, sondern schlicht wegen der aufkommenden Konkurrenz. Außerdem würde die Aufbereitung viele Manntage, wenn nicht sogar Mannwochen benötigen. Man bedenke: die internen Zahlen der DB bilden die Grundlage zum Bau des gesamten Projektes. Von diesen Zahlen sind also konkrete Entscheidungen abhängig, weshalb die Bahn nicht einfach mal schätzen, unterstellen oder vermuten kann, was Vieregg und Rössler in ihrem Gutachten alle Nase lang machen. Weiterhin wäre die Bahn ziemlich dumm, wenn sie hier irgendwas schönrechnen würde. Und noch einmal: das Ganze hat ändert nicht im geringsten die Tatsache, dass das Gutachten von Vieregg und Rössler einfach nur eines ist: unglaublich schrottig.

SEP
10
Sauerwasser, 10:41 Uhr

@Jemand

Da Sie das V+R Gutachten so zerreissen, können Sie mir sicherlich sagen wo ich das Papier mit den 2,85 Mrd der Bahn für die NBS finden kann. Da stehen dann ja sicher Kalkulationen drin die mit dem V+R verglichen werden können.

Kommentar-Seite 1  von  25