Gutachter im Fall Alessio Auch Jugendamt hat Fehler gemacht

Von red/dpa 

Im Fall des zu Tode geprügelten dreijährigen Alessio aus Freiburg muss sich auch das Jugendamt Kritik gefallen lassen. Ein Gutachter sieht Fehler und Versäumnisse bei der Behörde.

Der 33-jährige Stiefvater des Jungen ist Mitte Oktober zu sechs Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. (Archivfoto) Foto: dpa
Der 33-jährige Stiefvater des Jungen ist Mitte Oktober zu sechs Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. (Archivfoto)Foto: dpa

Freiburg - Ein gutes Jahr nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Alessio im Schwarzwald hat ein unabhängiger Gutachter dem zuständigen Jugendamt Fehler und Versäumnisse attestiert. Der Fall zeige Handlungsbedarf, sagte der Sachverständige Heinz Kindler in seinem Abschlussbericht am Dienstag in Freiburg. Die Jugendhilfe brauche Verbesserungen. Das Jugendamt müsse künftig Kooperationen suchen mit Kinder- und Jugendmedizinern sowie mit Juristen der Familiengerichte. Zudem sollte die Behörde personell besser ausgestattet werden. Auch externe Anbieter der Jugendhilfe sollten stärker einbezogen werden. So ließen sich Fälle von schwerer Misshandlung von Kindern besser einschätzen.

Alessio war Mitte Januar vergangenen Jahres in Lenzkirch im Schwarzwald zu Tode geprügelt worden. Sein Stiefvater wurde im Oktober 2015 vom Landgericht Freiburg zu sechs Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Er hatte die Tat gestanden.

Falsche Einschätzung der Behörde

Das Jugendamt steht seit dem Tod des Jungen in der Kritik. Es soll Warnungen ignoriert und Alessio unzureichend geschützt haben. Bereits Mitte 2013 hatten Mediziner Hinweise auf Kindesmisshandlung. Doch das Jugendamt ließ den Jungen in der Familie. Dort starb er.

Die Behörde habe die Gefährdung des Jungen mit der Zeit falsch eingeschätzt, sagte der Experte vom Deutschen Jugendinstitut in München. Zudem sei die Führung des Amtes zu wenig in den Fall eingebunden gewesen, das Qualitätsmanagement habe versagt. Solche Fehler seien im deutschen Kinderschutzsystem aber keine Einzelfälle, von einem kompletten Behördenversagen könne nicht gesprochen werden. Konkrete Lehren müsse der für das Amt zuständige Landkreis ziehen.

„Der Tod des kleinen Alessio hat uns bis ins Mark erschüttert“, sagte Landrätin Dorothea Störr-Ritter (CDU). Kindlers Gutachten werde helfen, die Jugendhilfe zu verbessern. Dafür sei zusätzliches Geld nötig. Der Kreis plane, dieses zur Verfügung zu stellen. Nach Alessios Tod hatte der Landkreis Kindlers Gutachten in Auftrag gegeben und zudem eine Expertenkommission zu dem Fall eingerichtet. Diese ist dabei, dem Fall aufzuarbeiten.

Parallel laufen noch strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Sachbearbeiter im Jugendamt. Nach Alessios Tod hatten mehrere Bürger Anzeige erstattet. Abschließende Ergebnisse gebe es noch nicht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ermittlungen gegen Alessios Mutter hatte die Behörde vor zwei Monaten eingestellt.

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Wiederwahl, trotz Problemfelder?: Ach ja, immer diese Probleme oder Problemfelder bei der Suche nach dem "Sündenbock", dem oder den Verantwortlichen (Führungs- und Handlungsverantwortlichen) bei der (Ergebnis-)Kontrolle: Fehlverhalten von Mitarbeitern des Jugendamtes und deren Vorgesetzte werden durch den Tod eines Kindes lebenslang zur Fortbildung aufgefordert sein! Da sorgt schon § 13 StGB (Begehen durch Unterlassen) dafür, der Garanten in die Pflicht nimmt. Es sei denn, die an den (Kommunikations-, Entscheidungs-, Führungs-) Prozessen Beteiligten stellen sich weiter "dumm". Nach Axel Hacke (aus Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr.4, Seite 38) "erkennt man den Dummen nicht daran, daß er nichts weiß, jedenfalls ist das nicht die ganze Wahrheit. Das Hauptkennzeichen des Dummen ist: Er will auch nichts wissen! Das heißt, er könnte etwas wissen, aber er weist dieses Wissen zurück. Er meidet es. Denn er hält sich für so klug, dass er glaubt, Wissen nicht zu benötigen."

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