Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte aus der Lotte Das Ende der Ewigkeit

Von Björn Springorum 

Wie lang ist die Ewigkeit? Der Kunstraum Lotte, das selbsternannte Land der vorübergehenden Ewigkeit, sagt: Genau fünf Jahre und etwa 150 Veranstaltungen lang. Zum Ende des Projekts gibt es eine besondere Gute-Nacht-Geschichte.

Im Spiegel der Baustelle: Die Lotte-mannschaft blickt strahlend in die Zukunft. Foto: Björn Springorum 3 Bilder
Im Spiegel der Baustelle: Die Lotte-mannschaft blickt strahlend in die Zukunft. Foto: Björn Springorum

Stuttgart - Sie haben es ja schon von Anfang an gesagt, mehr noch: im Untertitel ihrer Mission festgehalten. Der Kunstraum Lotte war von Anfang an das „Land of the temporary eternity“, das Land der vorübergehenden Ewigkeit also. Fünf Jahre später sind wir nun wirklich am Ende dieser Ewigkeit angekommen: Das abwechslungsreiche, mutige, offene und vor allem unkonventionelle Kunstprojekt in dem Eckhäuschen direkt an der Willy-Brandt-Straße hat seit seiner Eröffnung am 1. Juni 2012 satte 150 Veranstaltungen gestemmt, hat es die vielseitige, bunte Seite der jungen Urbankultur gezeigt und der Kunst einen wichtigen Freiraum geschaffen, der dankend angenommen wurde.

Gegründet von Studenten der Uni Stuttgart, der Merz Akademie, der Filmakademie und der Kunstakademie, bespielt von lokalen und internationalen Künstlern, veredelt vom flüchtigen Charakter und zusammengeklebt von viel Herzblut, Aufopferung, ehrenamtlichen Überstunden und Kaffee: Malerei, abstrakte Kunst, Installationen, Performances: Die Lotte war Zeit ihres kurzen Lebens eine wunderbare Antithese zu den etablierten Kunstriesen der Stadt.

Aus Kalkül wurde die Lotte in den letzten fünf Jahren zum direkten Augenzeugen der Stadtveränderung. Vor der Haustür des Kunstraums gähnt mittlerweile eine tiefe Baugrube, eine monströse Baustelle nimmt das Sichtfeld ein, die Bagger, Kräne und Bohrer sind bisweilen besorgniserregend nah an das zerbrechliche alte Häuschen herangerückt. Die Lotte nahm es mit Humor, beobachtete, wie sich das Gesicht der Stadt veränderte und machte einfach das, was sie am besten kann: Kunst. Das alles ist am 2. Juni vorbei – zumindest in dieser Räumlichkeit. Fünf Jahre Lotte, fünf Jahre vorübergehende Ewigkeit – ein angemessener Anlass für eine Gute-Nacht-Geschichte der künstlerischen Art.

Eine Dame namens Lotte

Der Name Lotte kommt von der alten Dame, die im Haus nebenan wohnt. Sie wohnt schon seit über 60 Jahren dort und war natürlich auch da, als wir den Raum bezogen. Sie ist über 90 und hat fast ihr ganzes Leben in Stuttgart verbracht. Sie kennt alles, weiß alles, hat unendlich viele Geschichten über die Nachtbarschaft und die Kulturszene parat. Sie war mit 17 schon Statistin beim Stuttgarter Ballett, ist bis heute am Opernhaus und singt dort im Chor. Eine außergewöhnliche, kecke Dame, die viele unserer Veranstaltungen besucht und gern mal einen Sprite-Wodka trinkt. Wenn wir Besprechungen haben, versorgt sie uns mit Brezeln und Piccolos, außerdem kennt sie die besten versauten Witze!

Der Fluch des Unfertigen

In der Lotte gibt es jede Ausstellung ja immer nur sehr kurz zu sehen. Regelmäßig ist der Raum damit eine Baustelle. Deswegen werden wir ständig von Passanten gefragt, was hier in den Laden reinkommt und wann wir endlich fertig sind mit renovieren. Das ist schön, denn es zeigt, dass ein leerer Raum immer für Irritationen sorgt. Und eine angebliche Renovierung, die fünf Jahre dauert, auch.

Etwas Bleibendes

Im Rahmen der irritierten Befragungen seitens der Passanten versuchte uns eine Dame zu erklären, dass sich an dieser Ecke absolut nichts lange halten kann. Viele hätten es versucht, alle wären gescheitert. Sie empfahl uns, ein Tattoostudio zu eröffnen. Das würde funktionieren. Notfalls auch ein Waschsalon.

Die Welt ist eine Bühne

Wir wussten, dass die Baustelle kommt. Das war der Grund, weshalb wir unbedingt an diesen Ort wollten. Oftmals wissen wir gar nicht, wo jetzt die Bühne ist: Bei uns drinnen oder da draußen vor der Tür. Teilweise kamen wir nur über wackelige Stege hinein, zeitweise hatten wir eine große Außenterrasse oder einen regelrechten Graben um das Haus wie bei einer Ritterburg. Die Umgebung veränderte sich ständig, ebenso wie unser Raum. Die Baustelle vor der Tür bedeutet Chaos, Brutalismus, und das ist ja auch eine ganz gute Umschreibung dessen, was bei uns passiert.

Blanke Nerven

Die Baustelle ist der Horror für die Menschen hier. Sie sind gereizt, frustriert, werden krank davon. Wir mit der Lotte sind da oft der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Gilt natürlich nicht für alle, einige Bewohner kommen auch oft und gern zu unseren Veranstaltungen. Wir mussten uns aber eben auch schon anhören, dass die dreijährige Enkelin einer Anwohnerin angeblich besser malt als das, was wir ausstellen, und dass man ja wohl in die Staatsgalerie geht, wenn man Kunst sehen will.

Alles voller Gras

Es gab jede Menge denkwürdige Abende. Unsere erfolgreichste Veranstaltung haben wir mit dem Tänzer und Choreografen Louis Stiens vom Stuttgarter Ballett gemacht. Es war so voll wie noch nie, gefühlt alle haben geraucht und wir hatten schon Sorge, dass wir die Leute danach nie rauskriegen würden, weil wir ja immer ab zehn Uhr Schluss machen müssen. Doch nach einer sehr intensiven Stunde war es tatsächlich vorüber. Für eine andere Ausstellung haben wir den ganzen Raum mit Rasen ausgelegt, den wir dann auch die ganze Woche über gießen und pflegen mussten. Eine andere Installation beinhaltete nur einen Kühlschrank mit Würstchen und einer Wegbeschreibung. Der Raum war auf, aber es war niemand da. Man musste sich ein Würstchen holen und damit wie beim Staffellauf zur Uhlandshöhe laufen, wo dann jemand am Grill stand.

Zu krass

In den fünf Jahren mussten wir Ideen oder Ausstellungskonzepte immer mal wieder ablehnen. Eine Künstlerin wollte beispielsweise 50 Tage in der Lotte wohnen und in dieser Zeit nichts essen. Das war uns dann doch eine Nummer zu heikel.

Die Lotte feiert Abschied: Am Freitag, 2. Juni, 18 Uhr