Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte Bärte, Bass und Bouncerei

Von Tanja Simoncev 

Was im Club passiert, bleibt im Club – von wegen! Bei unseren Gute-Nacht-Geschichten wird ausgeplaudert, was das Zeug hält. Stuttgarter DJs, Barkeeper und Türsteher bekommen absolute Sprecherlaubnis und hauen uns die derbsten Nightlife-Storys um die Ohren. Na, dann gut’s Nächtle! Dieses Mal: Territory Sound.

Territory Sound a.k.a. Thorsten W. (links) und TKZ legen basslastige Beats auf - mit karibischem Touch und absolutem Herzblut. Foto: Billy Steck 8 Bilder
Territory Sound a.k.a. Thorsten W. (links) und TKZ legen basslastige Beats auf - mit karibischem Touch und absolutem Herzblut.Foto: Billy Steck

Stuttgart - "Bass, Bass, wir brauchen Bass - was geht'n (ab), Alter?!" So oder so ähnlich darf man sich das basslastige Begrüßungsvokabular der bärtigen Bounce-Brothers a.k.a. Beat-Bass(isten) a.k.a. Bart-up-your-life-Lovers vorstellen. Denn die beiden Bartträger, Thorsten Weh und Thomas Hornung, lieben den Bass, brauchen ihn, spielen ihn - vor allem wenn sie gemeinsam als Territory Sound(system) durch die Bars und Clubs der Stadt tingeln. Und wir wissen doch alle: Nur wenn der Bass bummst und die Drinks über die Bar brettern, macht's Bock.

Ja, Thorsten W. und TKZ sind erfahrene Männer an Mic und Mischpult - zwei T, die zeitweise auch Teil des 5T-Kollektivs waren und mit "Schmousen" die passende Party in der rappelvollen Romantica schmissen. Während Thorsten, Kreativchef bei Pulsmacher, Kessel.TV-Brudi, F&K Radio-Host, semi-professioneller Backprofi (seine Kuchen gibt's übrigens immer montags im Holzapfel Café) und Anekdoten-Onkel, musikalisch schon alles mitgemacht hat, was man sich so vorstellen kann: Chill-Out, Techno, House, Disco, Soul und HipHop, war Thomas eigentlich immer seiner Reggae/Ragga-Welt treu. Der 36-jährige 0711Livecom-CEO, Host der monatlichen Rootikal Radioshow und der Rootikal Sessions im Freund und Kupferstecher, durchlebte aber auch eine wichtige Hip-Hop-Phase und das nicht nur, weil er mit Rapper Chefket die Schulbank in Heidenheim drückte. Nein, er selbst ist auch ein waschechter Freestyle-MC und - ach, was soll die Bescheidenheit - auch mehrfacher Freestyle-Battle-King, der einem gern auch mal beim Interview einen fetten Reim um die Ohren haut. 

Mit dem 39-jährigen Soulman Thorsten (The Soul am Freitag im Tatti) entstand ein Soundsytem, das vor allem für die Musik lebt und auch keine Bildungsreise, z.B. zum Notting-Hill-Carnival, scheut. "Ein Leben ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen", sagt Thomas und Thorsten ergänzt: "Es gibt DJs in unserem Alter, die nur Old School auflegen und das finde ich echt schade. Denn es gibt richtig coole, neue Musik und man muss da schon dranbleiben und das machen wir halt mit Territory - wir legen wirklich sehr aktuelle Musik auf - mit karibischem Touch und absolutem Herzblut." (Wer will, darf sich davon gern selbst am Samstag bei Ramitory in der Corso Bar überzeugen.)

Ähnlich leidenschaftlich kommen übrigens auch die partytauglichen Power-Storys der beiden daher. Raushauen, jetzt:

Thomas: Heat-Up-Party

Was mir im Gedächtnis geblieben ist, war eine Sache in der Corso Bar, als wir dort aufgelegt haben. Es war 23 Uhr und die Bar hatte gerade erst aufgemacht. Da kam eine Gruppe rein - drei Mädels, drei Jungs -, die sich Getränke holten und hinsetzten. Ich habe währenddessen die ersten fünf Warm-Up-Lieder gespielt, schön Roots-Reggae zum Eingrooven. Beim dritten Song - der Laden war noch komplett leer - kam einer der Boys zu mir her und meinte: "Hey, kannst du nicht mal ein bisschen Party-Musik spielen". Und ich dachte nur: "Das gibt's ja wohl nicht, ich spiele doch jetzt nicht die Party-Granate" und konterte: "Hey, warte mal ab, später fliegen hier die Fetzen, aber jetzt gibt's erstmal 'nen easy Warm-Up."

Thorsten: Homo(party)ens

Mir fällt dazu auch eine witzige Story ein. Und zwar habe ich damals in der Suite212 aufgelegt, bin so um 21 Uhr angekommen und es war schon richtig voll. Erst habe ich mir nicht viel dabei gedacht, bis Goran meinte: "Guck mal, fällt dir was auf?" Und ich so: "Ne, weiß nicht - Ü-40-Party?". Nach 'nem kurzen Kopffschüttler habe ich nochmal geschaut und gesehen, dass nur Frauen da waren. 150 Ladies haben den Laden auseinandergenommen - um 21 Uhr. Dann dachte ich: "Shit, was ist denn hier los?!" Heraus kam später, dass es sich um 150 Lesben gehandelt hat, die sich regelmäßig treffen - flashmob-mäßig - und unangemeldet beliebige Locations stürmen. War echt ganz lustig, aber eher unverhofft.

Thomas: Grandpar(ty)ents

Im Universum hatte ich mal ein ähnliches Erlebnis. Da habe ich für die Dub-Reggae-Legende Lee "Scratch" Perry das Warm-Up gespielt. Die ersten fünf Gäste, die damals reinkamen, waren schon älter, vielleicht so 55 aufwärts. Als die sich so umgeschaut haben, dachte ich: "Okay, interessant." Dann kamen noch mehr, noch älter und auf einmal gesellte sich ein Ehepaar dazu, in Khaki-Montur, Hand-in-Hand - in meinen Augen waren das Greise, Oma und Opa eben. Und dann wurde ich misstrauisch und dachte: "Hm, wissen die überhaupt was heute hier los ist?!" Ich habe dann trotzdem angefangen Roots und Dub zu spielen, die Oldies haben mitgewippt und mir wurde klar: "Krass, Lee 'Scratch' Perry ist einfach eine 70-er Jahre Legende und das sind halt seine mitgealterten Fans." Das war echt 'ne generationsübergreifende Party - vom 18- bis zum 80-Jährigen.

Thorsten und Thomas: Blow-Up-Party vs. After-Party

Thorsten: Gar nicht so lange her, bin ich nach dem Auflegen nach Hause gegangen, morgens um halb fünf. Ich lauf dann immer so über den Wilhelmsplatz, bieg links ab und seh wie ein Typ am Auto steht, ein anderer Typ hinter ihm und sie es gerade tun. Die beiden haben mich dann angeschaut und ich bin schnell weiter - was muss, das muss - manchmal auch mitten auf der Straße.
Dazu fällt mir gleich nochmal was ein. Früher habe ich auch regelmäßig im Comix aufgelegt, das war ein Schwulenclub, in dem heute das Universum drin ist. Da gab's an einem Abend dann auch ein lebendes Buffett, außerdem liefen Schwulenpornos und hinter dem DJ-Pult war der Monitor. Da habe ich Sachen gesehen, die ich in meinem Leben eigentlich nicht sehen wollte, ich sag nur: Heugabel. Auf jeden Fall saß ich an dem Abend dann mal so da, hab kurz eine Pause gemacht, kam ein Typ zu mir her und meinte: "Entschuldigung, dürfte ich Ihnen vielleicht einen blasen?" Und ich so: "Äh, nein."

Thomas: Mir ist was ganz ähnliches mal im Climax passiert. Manchmal kann ich auch gut auf Electro feiern, kann mich auch dort schön eingrooven. Bin da auf jeden Fall mal bis acht Uhr morgens versackt, konnte kaum noch gerade aus schauen und musste dann auf die Toilette. Und gerade als ich in die Kabine gehen wollte, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um, stand da ein riesen Typ und fragte ganz freundlich: "Hey, kann ich da vielleicht mit reinkommen?" Und ich nur so: "Du, da rein, mit mir? Ne." Der Typ ließ mich dann mit den Worten: "Okeehee, dann dir noch 'nen schönen Abend!" ganz verdutzt stehen.

Thorsten: Party-Dawgs

Dann hätte ich da noch geile red dog-Geschichten auf Lager. Den Climax-Vorgänger hatten damals die Tiefschwarz-Brüder betrieben. Es war 1996. Auf einer der "Rache 96"-Partys, auf die wir damals eigentlich keinen Bock hatten, weil wir Raver waren und dort House lief, begegneten uns Leute, mit denen wir nicht gerechnet haben. Denn neben den Fantas, feierten dort die Ärzte und MTV-Moderatorin Kimsy von Reischach (die mir heute übrigens auf Twitter folgt) auf der Tanze - da waren wir schon baff. Damals war es außerdem auch üblich, dass man mit einer Kassette zum DJ gehen konnte und gefragt hat: "Hey, kannst du mitschneiden" - von dem Abend müsste ich also noch ein Tape bei mir rumliegen haben. Im gleichen Jahr hat das red dog auch Partys in einem der Waldheime auf der Waldebene Ost gemacht, so Sommerpartys unter dem Motto: "red dog geht Gassi". Und da gab's draußen immer Barbeque und es lief HipHop. Drinnen legten Tiefschwarz später House auf. Tja, und an einem dieser Abende traten dann auf einmal Freundeskreis auf, bevor das Album "Quadratur des Kreises" erschienen war - keiner kannte es - und rappten "Anna, immer wenn es regnet" und dann hat's auch wirklich geregnet, richtig krass - ein epic Moment, wie es heute so schön heißt.

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