Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte mit Türsteher Alex Der Physiker an der Tür

Von Tanja Simoncev 

Türsteher Alexander Petrajtis ist bekannt wie der bunte Hund, regelt seit Jahren die Türpolitik an diversen Clubs und Bars der Stadt. Wie der studierte Physiker im Nightlife landete und vieles mehr verrät er in unseren Gute-Nacht-Geschichten.  

Bekannt wie der bunte Hund: Türsteher Alexander Petrajtis. Foto: Jakob Dewald
Bekannt wie der bunte Hund: Türsteher Alexander Petrajtis. Foto: Jakob Dewald

Stuttgart - Lässig mit Bart und Beanie sitzt er auf seinem Barhocker, Nacht für Nacht, an mehr als einer Tür: Alexander Petrajtis ist Türsteher, mittlerweile stadtbekannt und regelt, was geregelt werden muss - vor den Lokalen Kap Tormentoso, Freund & Kupferstecher und Dilayla. Was der 35-Jährige da so erlebt hat, lässt sich deshalb nicht mal eben so erzählen - da muss ein bisschen ausgeholt werden - verbal, versteht sich. 

Die Verwandlung

Zurück auf Anfang: Dass Alex mal im Nachtleben landet, hätte er vor fünf Jahren selbst am wenigsten gedacht. "Ich war ein ruhiger, introvertierter Physiker", sagt der Schrank von einem Mann, der zu diesem Zeitpunkt am Institut in Karlsruhe forschte. Doch sein ständiger Begleiter war schon damals der Kampfsport - von Judo bis Jiu Jitsu hat sich der Stuttgarter mit georgischen Wurzeln an allem versucht.

Und es kam wie es kommen musste. Kollege Murat Soysüren, mit dem Alex in der gleichen Kampfsportschule trainierte, fragte ihn eines Tages, ob er nicht Bock hätte, an der Tür einzuspringen. Das war im Jahr 2012. "Das Wurst & Fleisch war damals meine allererste Tür", erinnert sich der Türsteher gern zurück.

Das Lokal sei auch die Brutstätte für viele Stuttgarter Türsteher gewesen, seine Kollegen Leon Müller, Murat Soysüren und Lorenz Hiltl hätten dort alle das Handwerk erlernt und danach eigene Türen bekommen. Genauso wie Alex - vor rund drei Jahren sprang er an Silvester am Kap ein und halte dort seitdem die Stellung. Mit Henning Etou Assignon, der übrigens auch Physik studiert, bestreitet er die Tür vom Kupfi.

Macht und Unterschätzung

Bedenken verflogen schneller als Fäuste fliegen können. Alex ist mittlerweile bekannter als der altbekannte bunte Hund. Doch das ist nicht immer von Vorteil. Bei seinem Job lernte der Unternehmer in den vergangenen Jahren nicht nur viel über die Menschen, sondern auch über sich selbst. "Gibst du einem Menschen etwas mehr Macht, erkennst du schnell wie er charakterlich drauf ist."

Besonders nervt ihn, dass Türsteher so oft unterschätzt werden. "Die meisten sind Studierte oder studieren noch, viele sind selbstständig und haben ihr eigenes Business am Start", so Petrajtis, der selbst gerade Unternehmertum studiert und das Kampfsport-Event "Age of Cage" organisiert. Gerade nachts seien die Leute oft unverschämt und beleidigend. Alex zitiert dann immer gern ein russisches Sprichwort: "Was der Nüchterne im Kopf hat, trägt der Betrunkene auf der Zunge."

Was die Leute wirklich über einen denken, was sie über Menschen mit Migrationshintergrund zu wissen glauben, trete an der Tür zum Vorschein. "Deshalb bin ich von meiner Anfangsdoktrine, immer nett und freundlich zu sein, abgewichen." Das Leben an der Tür sei anfangs sicherlich toll und abenteuerlich, "aber diesen Lebensstil will ich nicht beibehalten", betont der studierte Physiker. "Die Tür raubt mir viel Energie. Sobald die Events noch besser laufen, ziehe mich da wieder zurück." 

Und auch wenn der bärtige Türsteher sagt: "Ich formatiere jede Woche die Festplatte neu", sind ihm trotzdem noch ein paar gute Nacht-Geschichten eingefallen.

Souvenirs, Souvenirs

Im Wurst & Fleisch bin ich mal die Treppe hinauf gegangen und dann fiel mir ein Typ auf, dessen Jacke unnatürlich ausgebeult war. Ich bin dann hin und habe mir das Ganze genauer angeschaut und es kommt raus, dass er in seinem Jackenärmel die Armlehne von einem Sessel versteckt hat. Ich nur so: "Warum machst du das?" und er: "Ich wollte mir ein Souvenir mitnehmen." Ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: "Geh' einfach zurück und mach' es wieder hin." 

Gleiches Recht für alle

Beim New-Fall-Festival wurden auch After-Show-Partys im Freund & Kupferstecher gefeiert. An einem Abend kamen ein paar Jungs zu mir an die Tür, ich kannte keinen, sie hatten ein paar Bändchen - das war ja okay. Und dann wollten sie ihre ganze Sippschaft in den Club mit reinnehmen. Ich bin da aber ganz strikt. Die haben mir dann erklärt, dass sie von der Band sind, aber ich kannte sie nicht und habe sie alle bezahlen lassen. Dann meinte einer, der neben mir stand: "Hey, das sind die Jungs von Wanda, die wurden gerade voll bei ihrem Konzert in der Liederhalle gefeiert." Mir war das egal - an der Tür gilt: gleiches Recht für alle.

Ein bisschen Spaß muss sein

Wenn mir langweilig ist, dann verarsche ich gern auch mal die Gäste. Manchmal kommen Kids mit gefälschten Ausweisen an. Dann sage ich: "Du weißt aber schon, dass es da Haftstrafen gibt, das ist Urkundenfälschung, ich hole jetzt die Polizei und dann war's das auch mit deiner Karriere." Wie die Kids dann schauen - unbezahlbar. 

Abo gekündigt

Ein echter Klassiker an der Tür sind die Gäste, die es einfach nicht gut sein lassen können. Wenn ich gewisse Leute also nicht reinlasse und sie fangen an zu diskutieren und sagen zum Beispiel: "Hey, ich war doch letzte Woche schon da." Dann kontere ich immer: "Und als du letzte Woche da warst, hast du ein Abo für ein Jahr abgeschlossen oder wie war das?"