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Haitianerin in Stuttgart Warten auf ein Lebenszeichen

Markus Heffner, vom 19.01.2010 16:38 Uhr
Claudette Coulanges bangt um Menschen in ihrer Heimat. Foto: Honzera
Claudette Coulanges bangt um Menschen in ihrer Heimat. Foto: Honzera
""Viele Menschen, die mir wichtig waren, leben nicht mehr.""
Claudette Coulanges, Dokumentarfilmerin

Stuttgart - Ein leises Piepsen reicht, um Claudette Coulanges in größte Aufregung zu stürzen. Wann immer in diesen Tagen der Piepston aus ihrem aufgeklappten Laptop auf dem Wohnzimmertisch den Eingang einer neuen E-Mail meldet, schreckt sie nervös zusammen. Sind es nun gute Nachrichten, die sie gleich lesen wird. Oder sind es schlechte?

Hiobsbotschaften hat die Haitianerin in den vergangenen Tagen mehr als genug verkraften müssen. "Viele Menschen, die mir wichtig waren, leben nicht mehr", sagt sie. Seit einer Woche verbringt Claudette Coulanges ihre Tage mit kaum etwas anderem, als aus dem fernen Stuttgart per Telefon oder Internet nach Familienangehörigen, Verwandten, Freunden und Bekannten auf der Karibikinsel zu suchen. Ein mühseliges Unterfangen. Die wenigen Internetcafés, die es noch gibt, sind Tag und Nacht überfüllt. Viele haben sich inzwischen dennoch bei ihr gemeldet, etwa auch ihre drei Geschwister, die in der vom Erdbeben weitgehend verschont gebliebenen Stadt Aquin leben. Um einige gute Freunde macht sie sich aber nach wie vor große Sorgen. "Es gibt kein Lebenszeichen von ihnen", sagt sie.

Noch vor wenigen Wochen, im Dezember, war Claudette Coulanges selbst in ihrer Heimat, um die Hilfsprojekte voranzutreiben, in denen sie sich engagiert. Die 50 Jahre alte Filmmacherin hat in Stuttgart unter anderem den Verein Haiti Project Education gegründet, der sich um Jugendliche und Frauen kümmert und vor Ort etwa Aidsprävention anbietet. Bei jedem ihrer Besuche in der Hauptstadt hat sie zudem auch im Elendsviertel Carrefour-Feuille Foto- und Videokurse gegeben; seit dem Erdbeben steht dort kein Stein mehr auf dem anderen. Einer ihrer Mitarbeiter habe seine gesamte siebenköpfige Familie verloren, sagt sie. Viele ihrer Schüler würden noch vermisst.

"Ich wollte unbedingt selbst dort sein"


Sie hält es kaum aus in ihrer Wohnung in der Hauptmannsreute, wo sie mit ihrem Mann, der an der Hochschule der Medien eine Professur hat, und ihrer Tochter seit 15 Jahren lebt. Der grandiose Blick über die Häuser der Stadt hinüber zum Fernsehturm kommt ihr in diesen Tagen fast surreal vor. Er passt so gar nicht zu den gespenstischen Bildern, die sich in ihrem Kopf eingegraben haben.

Die ersten Tage sei sie vom Gedanken paralysiert gewesen, sofort nach Haiti zu fliegen. "Ich wollte unbedingt selbst dort sein", sagt sie. Doch der Flughafen von Port-au-Prince bleibt auf absehbare Zeit geschlossen, und in der Dokumentarfilmerin ist nach vielen Gesprächen zwischenzeitlich auch die Erkenntnis gereift, dass sie momentan ohnehin nicht viel ausrichten könnte. Stattdessen bereitet sie nun von Stuttgart aus einige Hilfsprojekte vor, um etwa mit dem Anbau von Mais oder Maniok Lebensgrundlagen zu schaffen. Sie überweist Spenden ihres Vereins und wartet ab, wie sie sagt, bis die Lage etwas übersichtlicher wird. Spätestens Ende März will sie dann in ihre Heimat fliegen.

Dass in den Berichten und Reportagen über die dramatische Lage auf der Karibikinsel zwischenzeitlich fast nur noch Bilder von Plünderungen und Polizeieinsätzen gezeigt werden, belastet die Haitianerin zusätzlich. "Das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt eine riesige Welle der Solidarität im ganzen Land", sagt sie. Ihre beste Freundin, deren Haus den Erdstößen widerstanden hat, habe 15 wildfremde Menschen bei sich einquartiert. Und auch die anderen übrig gebliebenen Häuser seien bis unters Dach bewohnt. "Die Menschen teilen ihren letzten Bissen Brot."

Auch deshalb glaubt sie daran, dass die Menschen nach dem Herbst 2008, als in wenigen Wochen drei Hurricanes Not und Elend hinterließen, auch diese Naturkatastrophe überstehen werden. Ein altes Volkslied erzähle davon, sagt sie, "dass wir immer wieder aufstehen". Bei ihrem Besuch im Dezember habe man den Menschen im Gesicht angesehen, dass sich das Land erholt hatte und sie wieder voller Hoffnung auf ein besseres Leben waren. "Es ist furchtbar", sagt sie, "dass ihnen auch das wieder genommen wurde."
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