Halbzeit für Joachim Gauck Der provokante Präsident

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Bundespräsidenten werden für fünf Jahre gewählt. Joachim Gauck hat sich in der ersten Hälfte seiner Amtszeit zum beliebtesten Politiker der Republik entwickelt – trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Neigung zu klaren Worten.

Angespannte Miene nach der Wahl: Joachim Gauck nimmt am 18. März 2012 im Berliner Reichstag den Beifall der Bundesversammlung entgegen. Foto: dpa
Angespannte Miene nach der Wahl: Joachim Gauck nimmt am 18. März 2012 im Berliner Reichstag den Beifall der Bundesversammlung entgegen.Foto: dpa

Berlin - Touristen in Berlin können sich den langen Spaziergang aus dem Herzen der Hauptstadt am Ufer der Spree entlang hinaus zum Schloss Bellevue sparen. Den Bundespräsidenten bekommen sie da ohnehin selten zu Gesicht. Selbst wenn auf dem Dach seines Domizils die präsidiale Flagge gehisst ist, welche die Anwesenheit des Hausherrn signalisiert. Unter den Linden wird Joachim Gauck künftig aber ständig präsent sein – im Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud. Besucher hätten sich das gewünscht, heißt es. Gauck ist der mit Abstand beliebteste Mann im Ensemble der Politik.

Dabei verdankt er den Beginn seiner späten Karriere einer Art Betriebsunfall im politischen Geschäft. Angela Merkel wollte ihn schon 2010 als Staatsoberhaupt verhindern. Da hatte die Opposition ihn aufs Schild gehoben – als Kontrastmodell zu Merkels Parteikandidaten Christian Wulff: Bildungsbürger gegen Berufspolitiker. Wenn es damals eine Volksabstimmung gegeben hätte, wäre Gauck jetzt schon vier Jahre die Nummer eins im Staate.

Tatsächlich wurde er es erst im Frühjahr 2012, nachdem Wulff aus dem Amt gestolpert war. Wenn es nach der Kanzlerin gegangen wäre, dann hätte sie Gauck auch im zweiten Anlauf verhindert. Doch inzwischen harmonieren die beiden leidlich. Er führt sich nicht auf wie Merkels Grüßonkel, fährt ihr aber selten in die Parade. Freilich setzt Gauck ab und an schon eigene Akzente – als wolle er die von ihm repräsentierte Republik aus ihrer Merkel-Trance wach rütteln.

Glücksfall für das höchste Amt im Staate

Nach der Hälfte seiner ersten Amtszeit hat er Deutschlands mächtigste Frau auf der Beliebtheitsskala schon eingeholt. Eine Mehrheit würde sich wünschen, dass er 2017 noch einmal antritt. Dafür sprechen sich auch namhafte Politiker aus dem Regierungslager aus. „Gauck ist ein überzeugender Präsident“, meint der CSU-Minister Christian Schmidt. „Er repräsentiert Deutschland würdig und sympathisch“, sagt CDU-Vize Thomas Strobl.

Der inzwischen 74-jährige Pastor aus Rostock ist ein Glücksfall für das höchste Amt im Staate. Nachdem gleich zwei seiner Vorgänger vorzeitig gescheitert waren, wurde lauthals diskutiert, wozu unsere Kanzlerdemokratie überhaupt einen Präsidenten brauche. Diese Frage wird nicht mehr gestellt, seit Gauck in Schloss Bellevue residiert. Er hat dem Amt die Würde zurückgegeben, ihm neue Autorität verliehen – was keineswegs heißt, dass Gauck ohne Fehl und Tadel wäre und es keinerlei Kritik an seiner Art zu präsidieren gäbe. Er provoziert solche Kritik geradezu, nimmt sie zumindest billigend in Kauf.