Hamed Abdel-Samad in Stuttgart Popstar der Religionsskeptiker

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Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stellt Hamed Abdel-Samad seine islamkritischen Thesen am Freitagabend in der Stadtbibliothek vor. In seinem neuen Buch wirft der Autor Mohamed einen Minderwertigkeitskomplex vor.

Hamed Abdel-Samad dekonstruiert den Islam in der Stadtbibliothek. Foto: Horst Rudel
Hamed Abdel-Samad dekonstruiert den Islam in der Stadtbibliothek.Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Wie viele Personenschützer Deutschlands vielleicht bekanntesten Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad bei seinem Vortrag am Freitagabend in der Stadtbibliothek Stuttgart nicht aus den Augen lassen, bleibt ein Geheimnis. Genauso wie der Aufenthaltsort von Abdel-Samad immer geheim ist. Abdel Samad hat keinen festen Wohnsitz mehr, er lebt in Hotels, immer bewacht, immer beschützt, da seit 2013 Morddrohungen gegen ihn ausgesprochen werden. Militante wollen den Kritiker des Propheten töten.

Egal wie man Hamed Abdel-Samads Thesen inhaltlich bewerten mag – die „Süddeutsche Zeitung“ hatte ihm anlässlich seines 2014 erschienenen Buches „Der islamische Faschismus. Eine Analyse“ in ihrer Buchbesprechung „Geschichtsklitterung und Halbwahrheiten“ vorgeworfen –, kein Mensch hat ein solches Leben auf der Flucht verdient, nur weil seine Auseinandersetzung mit Religion einigen Radikalen nicht ins Konzept passt. Abdel-Samad lässt sich von den Morddrohungen aber ohnehin nicht von seinem Weg abbringen. In seinem soeben bei Droemer erschienen Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ attestiert er dem Propheten einen Minderwertigkeitskomplex gepaart mit einer narzisstischen Störung.

Restkarten waren umkämpft

Bei der Buchpräsentation am Freitagabend im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek liegt eine eigenwillige Erwartungshaltung in der Luft. Es ist pickepackevoll, die wenigen Restkarten an der Abendkasse sind umkämpft, aber nicht wie ein Thermomixer-Imitat bei Aldi – am Freitag war es zu Handgreiflichkeiten in einer Discounter-Filiale gekommen – sondern still-fordernd in der Hoffnung auf Aufklärung. Die Partei der Humanisten gibt sich im Publikum mittels Polo-Shirt zu erkennen. Hamed Abdel-Samad, der Chefkritiker des Islam, ist der Popstar der Religionsskeptiker.

Die von Tim Schleider, dem Kulturchef der Stuttgarter Zeitung, moderierte Veranstaltung beginnt 15 Minuten zu spät, so groß ist das Interesse an Hamed Abdel-Samad. Der 1972 in Kairo geborene Politikwissenschaftler, der seit 1995 in Deutschland lebt, enttäuscht das Publikum nicht.

Ohne Rücksicht auf rhetorische Verluste zerlegt er Mohamed. Obwohl dieser vor 1400 Jahren gestorben sei, sei er noch heute der vielleicht mächtigste Mann der Welt. „Hätte ich ein Buch mit dem Titel „Moses – eine Abrechnung“ oder „Buddha – eine Abrechnung“ geschrieben, bräuchte ich heute keinen Polizeischutz“, sagt der 43-Jährige auf der Bühne und erntet den ersten Applaus des Abends.

Die Wandlung vom Sohn eines Imam, der als Kind die Suren des Islam nur durch das Hören der Verse auswendig lernt, hin zum scharfzüngigen Kritiker seiner Religion, begründet Abdel-Samad in Stuttgart mit einem überraschenden Schlüsselerlebnis. Als er mit einem befreundeten Christen die Jesus-Persiflage „Das Leben des Brian“ angesehen habe, habe er seinen Freund anschließend gefragt, wie er über diese Verunglimpfung so herzhaft habe lachen können. „Das ist nicht mein Jesus“, habe der Freund geantwortet.

Diese kritische Distanz zum Islam wünsche er sich auch von Muslimen. „Solange Menschen im Europa des 21. Jahrhunderts wegen Karikaturen getötet werden, ist eine Abrechnung mit dem Islam nötig“, erklärte Hamed Abdel-Samad, und bezog sich dabei auf das Attentat auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“, dem er in seinem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet hat.

Abdel-Samad liebt das Spiel mit der Provokation

Hamed Abdel-Samad liebt das Spiel mit der Provokation, auch in der Stadtbibliothek in Stuttgart. Ob es zulässig ist, den Propheten Mohamed mit den Methoden der modernen Psychologie zu dekonstruieren, ist ihm egal. Der deutsch-ägyptische Autor attestiert Mohamed einen Mutterkomplex und versucht, die Radikalisierung des Religionsführers anhand dessen historisch nicht belegbarer Biografie zu erklären.

Weil Mohamed von seiner Mutter als Kind verstoßen worden sei, habe er einen Frauenkomplex entwickelt, der sich in der Midlife Crisis zu Wahnvorstellungen in einer Höhle gesteigert habe. Das mag populistisch sein, die Zuhörer in der Stadtbibliothek müssen aber ein ums andere Mal schlucken, etwa wenn Abdel-Samad erklärt, dass noch heute in Saudi-Arabien und anderen Ländern alte Männer Kinder heiraten würden, und sich dabei auf Mohamed beziehen könnten – schließlich habe der laut dem Koran auch ein neunjähriges Mädchen geehelicht. Die Verschleierung sei außerdem auf die notorische Eifersucht von Mohamed zurückzuführen und sei eine Herabstufung der Frau, die sie bis heute in einem Käfig gefangen halte.

Thesen wie diese führen dazu, dass am Ende des spannenden Vortrags inklusive kontroverser Diskussion mindestens vier Personenschützer nötig sind, als Hamed Abdel-Samad beim Signieren die zahlreichen Wünsche nach Autogrammen erfüllt.