Handschrift als Erwerbsquelle Liebesbriefe aus Berlin

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Thorsten Petzold betreibt eine Manufaktur für Handgeschriebenes in Berlin. Das kommt gut an, seine Auftragsbücher sind voll. Große wie kleine Firmen buchen die Schönschreiber, auch Privatleute leisten sich ab und zu eine ausgesuchte Handschrift.

Die Schreibstatt in Berlin hat anlässlich des Muttertags volle Auftragsbücher. Foto: Schreibstatt
Die Schreibstatt in Berlin hat anlässlich des Muttertags volle Auftragsbücher. Foto: Schreibstatt

Berlin - Thorsten Petzold lässt schreiben. Per Hand. Ob Oster- und Weihnachtsgrüße, Tischkärtchen für Feste aller Art oder Briefe – in Petzolds Schreibstatt in Berlin-Kreuzberg bringen 61 Schönschreiber persönliche Grüße aufs Papier. Ganz ohne Tintenkleckserei. Die Zeilen stechen sofort durch ihre Ästhetik ins Auge. „Für mich arbeitet, wer eine Liebe zur Handschrift hat“, sagt der 45-jährige Unternehmer. Apropos Liebe: auch Liebesbriefe werden in der Manufaktur verfasst. Und zum Muttertag morgen gab es viele Anfragen.

Ob geschwungen-verschnörkelt oder klassisch-schlicht – die Auswahl an unterschiedlichen Handschriften in der Schreibstatt ist groß. Und mittlerweile auch das Angebot der europäischen Sprachen, in denen geschrieben wird. Studenten, Hausfrauen, Rentner oder Schüler sind es – zumeist Frauen –, die in Teilzeit für Petzold arbeiten, drei bis vier Stunden pro Tag. „Nach zwei Stunden sollte man eine Pause machen, sonst wird die Schrift krakelig.“ Ein einzelner Brief mit 100 Wörtern kostet 16,99 Euro. Eine Karte mit 50 Wörtern 8,99 Euro. Das passende Kuvert mit Absender und Empfänger, kuvertieren, frankieren sowie das Porto sind inklusive. Dass Petzold selbst nicht mitschreibt, hat seinen Grund: „Ich habe eine Sauklaue, Kategorie Arzt, würde ich sagen.“

Es war der richtige Zeitpunkt für eine Gegenbewegung

Vor gut einem Jahr war Petzold noch als Vertriebsleiter tätig. Es ging ihm, wie vielen anderen auch: er wurde mit Drucksachen überschüttet und wenn unter Karten oder Briefen mit „herzliche Grüße“ ein handschriftlicher Hinweis zu finden war, dann war es viel. Sieht so Wertschätzung aus? Nein, dachte sich Petzold, „das ist der richtige Zeitpunkt für eine Gegenbewegung. Ich wollte, dass die Menschen mit etwas Handgeschriebenem wieder persönlich erreicht werden, ihnen Aufmerksamkeit signalisiert wird. Das merkt sich der Empfänger.“

Petzold wagte den Sprung ins kalte Wasser und gründete eine Manufaktur für Handgeschriebenes – die bislang einzige in Deutschland. Sein Mut wurde belohnt. Die Auftragsbücher sind voll. Erst kürzlich hat er seinen Online-Shop gestartet. Petzolds Kundenwelt ist bunt. Große wie kleine Firmen buchen seine Schönschreiber, auch Privatleute leisten sich ab und zu eine ausgesuchte Handschrift. Die Auftraggeber möchten auffallen, herausragen aus einer Masse, die Geschäftskorrespondenz und Werbung nur routinemäßig in digitalen Schriften präsentiert.

Immer mehr Menschen schätzen Handgeschriebenes

„Die Handschrift“, sagt Petzold, „erlebt eine Renaissance.“ Immer mehr Menschen würden Handgeschriebenes wieder schätzen lernen. Weil er auch andere dafür begeistern möchte, mehr per Hand zu schreiben, hat er sich der Initiative Schreiben (siehe oben) angeschlossen. Er ist überzeugt: „Die Handschrift führt in unserem digitalisierten Alltag ein Nischendasein. Aber sie wird bleiben.“