Hans-Ulrich Rülke (FDP) im Porträt Der kühle Analytiker und seine Mission

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Hans-Ulrich Rülke ist der Spitzenkandidat der FDP für die Landtagswahl. Aktuelle Umfragen lassen den Liberalen auf ein gutes Ergebnis hoffen. Allerdings sind auch die an ihn gerichteten Erwartungen hoch. Ein Porträt.

Hans-Ulrich Rülke, unentwegt  auf Werbetour für die FDP; ein respektables Ergebnis im Land soll zum Ankerpunkt für die Liberalen bei der Bundestagswahl 2017 werden. Foto: dpa
Hans-Ulrich Rülke, unentwegt auf Werbetour für die FDP; ein respektables Ergebnis im Land soll zum Ankerpunkt für die Liberalen bei der Bundestagswahl 2017 werden.Foto: dpa

Stuttgart - So wirbelt, wer eine Mission hat: Wie viele Termine er bis zum 13. März gemacht haben wird, vermag Hans-Ulrich Rülke nicht zu sagen. Hunderte. Und noch nicht einmal danach ist ein Urlaub in Aussicht. Mit wachsender Wahrscheinlichkeit ist die FDP gefordert, sich nach der Landtagswahl in Gesprächen mit den anderen Parteien über mögliche Koalitionen zu positionieren. „Zwei Tage im Schwarzwald“, könnten aber in den Osterferien doch drin sein. Das Thermalbad in Bad Wildbad könnte ein Ziel sein. Denn „es ist notwendig, für die Familie da zu sein“.

Mal wieder. Im Augenblick hat der Spitzenkandidat der FDP kaum Zeit für anderes als Politik. Fürs morgendliche Laufen noch . „Fünfmal pro Woche“, erzählt Rülke, mache er seine Elfeinhalb-Kilometer-Runde. Morgens früh, je nach fortschreitender Helligkeit. Dann beginne der Tag. „Ich habe den Eindruck, das hilft.“ So bleibe er physisch und geistig auf dem Laufenden, fit für 16- bis 18-Stunden-Tage.

Gute Grundlage für den Bund

Das ist halt so, wenn man eine Mission hat. Die des Hans-Ulrich Rülke lautet, die FDP bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg auf deutlich über fünf Prozent zu bringen. So deutlich, dass es plausibel klingt, wenn die Liberalen für die Bundestagswahl 2017 ihr Comeback ankündigen. Es ist nicht unbedingt ein selbst gestecktes Ziel. In Berlin setzt man auf die Baden-Württemberger. Als er nach einer Parteisitzung in Berlin auf ein Bier die Bar betreten habe, erzählt Rülke, hätten ihm andere Liberal-Funktionäre zugeraunt: „Jetzt kommt der Mann, von dem unsere Zukunft abhängt.“ Das hat den Pforzheimer nicht unberührt gelassen.

Und jetzt, angesichts von Umfragewerten für die FDP von um die acht Prozent sieht er das Ziel „zum Greifen nah“. Das setzt noch zusätzlich Adrenalin frei.

Die Anspannung ist ihm anzumerken, an seiner Mimik etwa oder einer gewissen Ungeduld mit seinem Umfeld. Dabei hat sich der Ober-Liberale noch gut unter Kontrolle. Er gilt als kopfgesteuert. Bei ihm heißt das dann: „Ich versuche, die Leute mit Inhalten zu überzeugen.“ Er weiß auch, wo er wann welche Rolle zu spielen hat. Etwa als er den „Brüllke“ leiser gestellt und sich auf den Rülke rückbesonnen hat.

Brülltöne nicht mehr nötig

Zum „Brüllke“ machten ihn seine Gegner im Landtag, als er den Bogen überspannte und mit grenzwertigen Pöbeleien die Koalition niedermachte. Nur das gängigste Beispiel: In einer Haushaltsdebatte verhöhnte Rülke den Ministerpräsidenten als „Winfridos Kretschmannakis“, der – ähnlich den Griechen – keine Ahnung vom Haushalten habe. „Ich bin nicht der Meinung, dass es falsch war,“ sagt Rülke heute dazu. „Das eine war ohne das andere nicht zu haben.“ Das eine war die Rollenzuschreibung als „der eigentliche Oppositionsführer“ – der sich deutlich von der nicht in die Gänge kommenden CDU abhob und die FDP „aus dem medialen Windschatten“ herausholte. Das andere war eben der unsympathische „Brüllke“.

Die Lautstärke brauche es jetzt nicht mehr, sagt Rülke. Die Liberalen seien wieder gestärkt. Und in dieser neuen Situation muss man als Liberaler eher staatsmännische Qualitäten unter Beweis stellen. So ließ Rülke aus Kretschmannakis den „Digi-Kretsch“ werden, der sich nach fünf Tagen Dienstreise im kalifornischen Silicon Valley als Experte der digitalen Wirtschaft 4.0 präsentiere.

Sein eigener Berater

Welcher Berater sagt ihm, wann ein Rollenwechsel angezeigt ist? „Ich berate mich da selber“, sagt Rülke – da ist er wieder, der kühle Analytiker. Immerhin hat er auch auf seinen Friseur gehört. „Der war der Meinung, man könnte mal was anderes probieren“. Rülke hat denn auch sein äußeres Erscheinungsbild etwas verändert. Ganz oben. Der Friseur meinte, er „sehe weniger streng aus mit der anderen Frisur“.

Rülke denkt auch daran, den Teamgeist herauszukehren. Dass sich die sieben Köpfe umfassende FDP-Fraktion in den zurückliegenden fünf Jahren ganz wacker geschlagen und „aus den bescheidenen Möglichkeiten, die uns der Wähler gegeben hat“ das Beste gemacht hat, sei „das Verdienst von allen“. Sicher sei die Lage dadurch begünstigt worden, dass die meisten der FDP-Abgeordneten neu im Parlament waren, „junge Abgeordnete, die nicht verwöhnt waren von einer Regierungsbeteiligung“. Sie mussten sich nicht lange umgewöhnen, sondern suchten weiter selbst nach einem Parkplatz für ihr Auto, wie sie es zuvor hatten machen müssen. Anders als Christdemokraten, die Mühe hatten, sich mit der Oppositionsrolle abzufinden. Opposition ist Mist, mit dem man sich besser nicht abgibt – „dieses Verständnis von Parlamentarismus habe ich nicht“, sagt Rülke.