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Politik
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Hartz IV Fördern und nicht nur fordern

Stefan Geiger, vom 13.01.2010 08:35 Uhr
 Foto: dpa
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Berlin - Wo sie recht hat, hat sie recht: "Es ist meine feste Überzeugung, die meisten Menschen wollen raus aus Hartz IV", sagt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Das hat so klar schon lange kein konservativer Politiker mehr formuliert. Natürlich gibt es unter Hartz-IV-Beziehern Faulenzer, Schmarotzer und Betrüger - so wie es in jeder gesellschaftlichen Schicht Faulenzer, Schmarotzer und Betrüger gibt. Sie fallen ins Auge. Aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Der Satz von der Leyens ist nicht besonders originell. Er ist dennoch bedeutsam, weil er eine Änderung im politischen Diskurs markiert. Allzu lange haben allzu viele Politiker die Armen in Deutschland schlecht geredet, und allzu lange sind allzu viele Menschen diesen Parolen gefolgt. Von der Leyen ist für Hartz IV nicht verantwortlich. Das Gesetz ist noch das Kind der verflossenen rot-grünen Koalition. Die SPD hat ihre Quittung für das bekommen, was sie getan und gesagt hat. Es bedurfte einer konservativen Politikerin, dass eine schlichte Wahrheit wieder ausgesprochen wird. Die Feststellung ist Voraussetzung dafür, die Diskussion über Hartz IV endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen, über die Realität und nicht über Vorurteile zu reden.

Der Blick auf die Realitäten wurde wieder einmal durch die Richter des Bundesverfassungsgerichts geschärft. Seit der mündlichen Verhandlung zu Hartz IV in Karlsruhe haben die Politiker die begründete Vermutung, dass das Gesetz, so wie es praktiziert wird, nicht in allen Punkten mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Dabei musste jedem, der sich mit dem Thema beschäftigte, schon lange vor der mündlichen Verhandlung klar sein, dass die Kinder der Armen von Hartz IV ihr Mittagessen in der Schule nicht bezahlen können. Es ist ebenso klar, dass sich auch der Vater, der als Billiglöhner vom Staat auf Hartz IV aufgestockt wird, neben seiner Fahrt zur Arbeit sich das Kantinenessen spätestens dann nicht mehr leisten kann, wenn die Waschmaschine ihren Geist aufgegeben hat. Wer über Hartz IV redet, muss über die Hartz-IV-Sätze reden, über die realen Lebenshaltungskosten und darüber, was diese Gesellschaft ihren Ärmsten zubilligen mag - und was nicht. Man kann durchaus hart sein, aber man sollte sich dazu dann wenigstens auch bekennen.

Das Fördern ist bisher vernachlässigt worden


Darüber freilich wollen die Ministerin und die anderen Politiker von CDU und auch FDP vorerst nicht reden. Denn diese Diskussion könnte viel Geld kosten, auch wenn die Beträge noch immer gering wären im Vergleich zu dem, was der Staat für die Folgen des Fehlverhaltens verantwortungsloser Banker aufwenden muss. Konservative und liberale Politiker wollen Hartz-IV-Empfänger stärker zum Arbeiten ermuntern. Das ist sehr vernünftig. Beim versprochenen "Fordern und Fördern" der Langzeitarbeitslosen ist das Fördern bisher sträflich vernachlässigt worden.

Ob eine deutliche Anhebung der Hinzuverdienstgrenzen, wie sie die Koalition beabsichtigt, das Problem löst, darf man bezweifeln. Dadurch würden nicht nur die Arbeitnehmer benachteiligt, die knapp oberhalb der Hartz-IV-Schwelle allein von ihrem Erwerbseinkommen leben müssen. Indirekt würden auch Arbeitgeber subventioniert, die die vom Staat aufgebesserten Hungerlöhne zahlen - und jene Arbeitgeber im Wettbewerb benachteiligt, die noch so viel geben, dass ein schlichter, aber arbeitsamer Mensch davon leben kann.

Zu den Fehlentwicklungen, die Hartz IV verursacht hat, gehören die Dumpinglöhne, die sich in Deutschland inzwischen wieder ausbreiten. Die verhindert man durch höhere Hinzuverdienstgrenzen nicht. Man muss von der Leyen und ihre Mitstreiter trotzdem loben. Wichtig ist, dass etwas geschieht, dass die Armen und ihre Not wieder ernst genommen werden; dass der Staat, aber auch die gesellschaftlichen Gruppen mit dem Fördern beginnen - und von sich selbst ein bisschen mehr fordern.
Kommentare (7)
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JAN
14
16:02 Uhr, geschrieben von Reinhold Grau
Gutschein Verfahren.
Die vorgetragenen Argumente für eine Aufweichung der Hartz IV Gesetzgebung sind nicht stichhaltig. Entscheidend ist, dass wenn auf Kosten der Allgemeinheit gelebt wird, durch einen Mangel an Zuwendung eine Motivation entsteht sich wieder in die arbeitende Bevölkerung einzuordnen. "Soziale Degradierung" ist nicht das Problem desjenigen der für die Zuwender mit hohen Steuern bezahlt, sondern von denen, die gerne weiter gut versorgt zu Hause bleiben möchten. Das derzeit in anderen Bereichen diskutierte Gutschein - Verfahren für Leistungszuwendungen sollte ebenfalls auf die Mehrzahl der Hartz IV Leistungen übertragen werden. Freies Geld nur bei Arbeit ist ein weiterer Anreiz Arbeit zu suchen und auch pünktlich und ordentlich durchzuführen, was die Voraussetzung dafür ist, dass eine Arbeitsstelle behalten werden kann. Wenn gesagt wird, dass wegen früherer Sozialabgaben Hartz IV keinem Empfänger zugemutet werden solle, so ist dies abzulehnen. Die arbeitende Bevölkerung zahlt ein Leben lang in diese Systeme brav ein - und klagt ebenfalls nicht darüber. Reinhold Grau.
JAN
14
10:50 Uhr, geschrieben von Raoul
Hartz IV schön geredet - wo bleibt die Anständigkeit!
Herr Grau versucht, die Härten der Hartz-Reform schönzureden: Auch wenn er nicht einsehen will: Hartz IV fördert den Niedriglohnsektor, und damit einhergehend die Verarmung trotz Arbeit. Die Herabstufung vom höheren Arbeitslosengeld I auf das kärgliche Hartz-IV-Niveau nach nur einem Jahr Arbeitslosigkeit wird von vielen Menschen als soziale Degradierung empfunden.
JAN
14
10:43 Uhr, geschrieben von Breuer Oskar
Kommentar 2
Durch ein Versehen-war wohl meines-wird der Eindruck erweckt, Herr Stefan Geiger hätte seinen eigenen Artikel kommentiert, was natürlich nicht der Fall war. Ich bitte um Entschuldigung. Breuer Oskar
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