In den 90er Jahren erlebte Deutschland einen enormen Zuwachs an Asylbewerbern – und eine beispiellose Welle des Fremdenhasses. Was war in die deutsche Gesellschaft gefahren – und was ist heute anders?

Stuttgart - Deutschland ist das beste Land, das es auf der Welt gegeben hat.“ Faruk Arslan betont vor allem die letzten zwei Worte, als er in dem Flugzeug mit Ziel Istanbul sitzt. Die Maschine führt drei Särge mit sich. In einem davon liegt Arslans zehnjährige Tochter Yeliz, ums Leben gekommen am 22. November 1992 in Mölln. Ein 25-jähriger Rechtsextremist hatte zusammen mit einem Freund einen Brandansatz in das Haus geworfen, in dem Yeliz schlief. Das Mädchen sowie die 14-jährie Ayse Yilmaz und die 51-jährige Bahide Arslan starben bei dem Anschlag.

 

Es sind die Bilder des brennenden Hauses in der Kleinstadt in Schleswig-Holstein oder der ausgebrannten Unterkunft im nordrhein-westfälischen Solingen, in der wenige Monate später fünf Türkinnen ums Leben kamen, die viele Menschen noch immer mit der Asyldebatte der 90er Jahre verbinden.

Es waren Jahre, in denen Deutschland so viele Asylbewerber aufnahm, wie nie zuvor – 438 191 im Spitzenjahr 1992. Die Diskussion, die sich darüber entspann, bezeichnete der Historiker Ulrich Herbert als eine der „schärfsten, polemischsten und folgenreichsten Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.“

Die Hetze von Politikern und Medien

2015 soll Deutschland nach neuen Schätzungen 800 000 Asylbewerber aufnehmen, vor diesem Hintergrund tauchen die 90er Jahre aus den Tiefen des kollektiven Gedächtnisses auf – mahnend, drohend, als Schreckensszenario. „Die Situation ist zum Glück anders als in den 90er Jahren“, hört man Lokalpolitiker und Flüchtlingsbetreuer heute oft betonen.

Auch Ulrike Duchrow sagt das. Die 78-jährige Heidelbergerin engagiert sich seit fast dreißig Jahren für Flüchtlinge und erinnert sich noch gut an die Stimmung im Land. Heute flögen ebenfalls Brandsätze in Flüchtlingsheime – die Sprache der Politiker und Medien sei allerdings eine andere. „Damals haben Entscheidungsträger in höchsten Positionen offen gegen Asylbewerber gehetzt.“ Ständig sei von „Asylbetrügern“ die Rede gewesen und von einer „Flüchtlingsflut“, die gleich einer Naturkatastrophe über Deutschland hereinbreche.

Der „Spiegel“ titelte 1991 mit einer überfüllten Arche Noah in einem Meer von Asylbewerbern: „Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten: Ansturm der Armen.“ Der Justizminister Mecklenburg-Vorpommerns prägte den Satz: „Wir brauchen eine neue Mauer – was uns überschwemmen wird, geht bis in die Türkei.“ Diese Sprache, diese Bilder, sagt Ulrike Duchrow, sie beeinflussten die Stimmung massiv.

Ein Land, das erst zusammenwachsen muss

Dass die Zahl der Zuwanderer damals noch viel geringer war als heute, ist dabei ein Trugschluss. Zu den 438 191 Asylbewerbern kamen 1992 allein 230 565 Spätaussiedler hinzu – „deutsche Volkszugehörige“ aus den Ländern Osteuropas, die mit dem Zerfall der Sowjetunion verstärkt ihr Glück im Westen suchten. Obwohl als deutsche Staatsangehörige umstandslos anerkannt sprachen viele der Aussiedler aus Russland, Kasachstan und der Ukraine ebenso wenig Deutsch wie die Asylbewerber. Alle mussten sich in eine neue Kultur integrieren.

Die Neuankömmlinge trafen auf ein Land, das kurz nach der Wiedervereinigung vollauf damit beschäftigt war, zusammenwachsen zu lassen, was zusammengehörte. Viele Westdeutsche hatten das Gefühl, dafür zu tief in die Tasche greifen zu müssen. Im Osten brachen ganze Industriezweige in sich zusammen. Welche Identität hatte das neue Land, welche Rolle sollte es in der Welt spielen? „Deutschland war in den 90er Jahren sehr auf sich selbst bezogen, die Zuwanderung galt in dieser ganzen Umbruchstimmung als Störfaktor“, sagt Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück.

Die guten Wirtschaftslage stimmt milde

Auch die ökonomische Lage der 90er Jahre war anders. Erst in den späten 70er Jahren hatten die Deutschen erkennen müssen, dass Vollbeschäftigung kein Dauerzustand ist: Die Arbeitslosenzahlen stiegen über Jahre schleichend an. 1997 betrug die Arbeitslosenquote 11,4 Prozent. Heute liegt sie bei 6,3 Prozent – und ist gefühlt noch niedriger: „Im europäischen Kontext fühlen sich die Deutschen zu Recht, als lebten sie auf einer Insel des ökonomischen Aufschwungs“, sagt Oltmer. „Das stimmt sie milde.“ Forschungsergebnisse zeigen, dass die wirtschaftliche Situation eines Landes die Offenheit gegenüber Zuwanderern stark beeinflusst. Wie viel Willkommenskultur wäre möglich in einem Deutschland mit steigenden Arbeitslosenzahlen, stagnierendem Wachstum und wachsenden Lebenshaltungskosten?

Aber auch die Mentalität der Deutschen hat sich geändert. In den 90ern sei das Wort „Zuwanderungsland“ noch ein Unwort gewesen, erinnert sich Ulrike Duchrow. Deutsche Großstädte seien heute weitaus multikultureller, sagt Jochen Oltmer. „Wir wissen, dass das Zusammenleben mit Zuwanderern die Akzeptanz erhöhen kann.“ Gerade in Ostdeutschland habe es lange gar keinen Umgang mit Ausländern gegeben – das wirke sich bis heute negativ aus. Auch der wachsende Druck des demografischen Wandels könnte die Einstellung gegenüber Neuankömmlingen geändert haben. „Die deutsche Wirtschaft wirbt heute offensiv für Zuwanderung“, sagt Oltmer. Man sei bereit, Flüchtlinge früher Zutritt zum Arbeitsmarkt zu geben. Ein Arbeitsplatz wiederum helfe bei der Integration.

Heute gelten die 90er Jahre vielen Politikern als Lehrbeispiel dafür, wie man es nicht macht. Und die Flüchtlinge, die heute kommen, betreten ein selbstbewusstes, ein gelasseneres Land. Der Rückblick offenbart unterdessen, wie verfehlt alle Katastrophenszenarien dieser Zeit waren – und wie wenig es braucht, die Stimmung in einer Gesellschaft kippen zu lassen.