Heidegger-Symposion in Freiburg Eine Philosophie, die befiehlt

Von Rolf Spinnler 

In Freiburg haben sich Wissenschaftler bei einem Symposion mit Martin Heideggers Denken im Schatten seiner „Schwarzen Hefte“ beschäftigt.

Der Philosoph Martin Heidegger in seinem Haus in Todtnauberg im Januar 1966 Foto:  
Der Philosoph Martin Heidegger in seinem Haus in Todtnauberg im Januar 1966Foto:  

Freiburg - Die Wahrheit wird euch frei machen“ steht in großen Buchstaben auf dem Hauptgebäude der Freiburger Universität. In der 2015 eröffneten neuen Universitätsbibliothek gegenüber fragte jetzt drei Tage lang ein Symposion, wie es einer der prominentesten Professoren dieser Hochschule mit der Wahrheit hielt. Martin Heidegger (1889–1976), der dort von 1928 bis 1946 Philosophie lehrte und von April 1933 bis April 1934 ihr Rektor war, ist einer der umstrittensten Denker des 20. Jahrhunderts. Die Publikation der „Schwarzen Hefte“ aus Heideggers Nachlass, die im Frühjahr 2014 begann und noch nicht abgeschlossen ist, hat die Debatte um ihn neu befeuert. Zahlreiche darin enthaltene Stellen scheinen den alten Vorwurf zu bestätigen, Heidegger sei nicht nur als Privatperson, sondern auch in seinem Denken ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit gewesen. Nachdem sich bereits Symposien in Paris und in Siegen mit der neuen Lage auseinander gesetzt haben, konnte auch Heideggers ehemalige Hochschule nicht zurückstehen und hat jetzt unter der Federführung des „Freiburg Institute for Advanced Studies“ (FRIAS) eine eigene Tagung mit dem Titel „Martin Heideggers Schwarze Hefte – Ideologieanfälligkeit der Intellektuellen“ ausgerichtet.

International sollte das Symposion sein, aber dann waren die Referenten aus Deutschland doch fast unter sich – bei einem Philosophen mit weltweiter Resonanz wie Heidegger kein kleiner Schönheitsfehler. Die einzige Ausnahme war Jeff Malpas, der aus dem fernen Australien angereist war und das Vorurteil widerlegte, Heidegger sei zwar in Kontinentaleuropa ein breit rezipierter Denker, in der angelsächsischen Welt aber könne man nicht viel mit ihm anfangen.

Verteidigen oder verwerfen – das sei die falsche Alternative

Kann man Heidegger nach der Publikation der „Schwarzen Hefte“ noch ernst nehmen, oder sollte man ihn endgültig in der Hölle der Philosophiegeschichte entsorgen? Die Frage ist nicht neu, und man konnte aus Freiburg den Eindruck mit nach Hause nehmen, dass die „Schwarzen Hefte“ die seit langem vorhandenen Antworten darauf allenfalls modifiziert, aber nicht wesentlich verändert haben. Heidegger-Verächter wie Emmanuel Faye, der schon in seinem 2005 publizierten Buch „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ für den Rausschmiss des Freiburger Denkers aus dem philosophischen Kanon plädiert hatte, würden diese Maßnahme heute wohl erst recht befürworten.

Aber Faye war nicht nach Freiburg eingeladen worden. Die Mehrheit der anwesenden Referenten wollte es sich nicht so leicht machen; die Alternative „Heidegger verteidigen“ oder „Heidegger verwerfen“ sei falsch, befand Emil Angehrn von der Uni Basel. Das Einschlagen auf Heidegger sollte nicht zum „philosophischen Breitensport“ werden, mahnte auch Christoph Demmerling (Jena) und machte sich stattdessen eine Parole zu eigen, die ein junger Doktorand erstmals 1953 in einem Essay in der „FAZ“ ausgegeben hatte: „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“. Der Doktorand hieß Jürgen Habermas. Diesem Vorschlag zu einer differenzierenden Auseinandersetzung mit dem Werk Heideggers schlossen sich die meisten Tagungsteilnehmer an, wobei die einen mehr den Akzent auf das „mit“, die anderen eher auf das „gegen“ legten.

Einig war man sich darin, dass die Privatperson Heidegger künftig keine große Rolle mehr in der Auseinandersetzung spielen werde; es gehe vielmehr darum, welche Denkfiguren aus seinem Werk Bestand haben und welche nicht. Lore Hühn (Freiburg) erinnerte etwa an Heideggers Interpretationen von klassischen Texten der Philosophie von den Vor-Sokratikern über Aristoteles bis zu Schelling, die Maßstäbe gesetzt hätten. Und ausgerechnet ein Philosoph aus dem angelsächsischen Raum wie Jeff Malpas verteidigte die Humanismus-Kritik aus Heideggers „Brief über den Humanismus“ von 1947: Indem Heidegger den Menschen aus der Zentralposition verbanne, ihn abhängig mache von dem Ort, den er in der Welt einnehme, bahne er einem ökologischen Denken den Weg.

Waren die Anthropologen weniger ideologieanfällig?

Während Jeff Malpas also Heideggers Kritik an der Anthropologie unterstützte, sahen andere wie Christian Bermes (Landau) oder Oliver Müller (Freiburg) in der philosophischen Anthropologie, wie sie im 20. Jahrhundert von Max Scheler, Helmuth Plessner oder Hans Blumenberg entwickelt wurde, ein Konkurrenzunternehmen zu Heideggers Daseinsanalyse in „Sein und Zeit“ wie zu seiner späteren Konzeption einer Seinsgeschichte. Heideggers Deutung der abendländischen Geschichte aus der Vogelperspektive, die nichts anderes sehe als einen seit zweieinhalbtausend Jahren andauernden Weg in die Seinsverlassenheit, sei blind für die Nahperspektive, sie leide an einem „Mangel an Oberfläche“, monierte Emil Angehrn. Und Oliver Müller hätte Heidegger gern Blumenbergs Rat mit auf den Weg gegeben, er möge „seine Fragen kleiner stellen“. Wenn man an die NS-Karrieren von Vertretern der Anthropologie wie Arnold Gehlen oder Erich Rothacker denkt, könnte man allerdings fragen, ob diese Disziplin wirklich weniger ideologieanfällig ist als Heideggers Seinsdenken.

Einig war man sich in Freiburg auch darin, Heideggers Selbstdeutungen zu misstrauen. Wo dieser die zentrale Geste seines Denkens im Fragen und im Zeigen gesehen hatte, machte Dieter Thomä von der Uni Sankt Gallen eine ganz andere Haltung aus: Heideggers Philosophie sei eine des Ausrufezeichens, des Befehls. Diese Philosophie des Imperativs, so Thomä, sei in „Sein und Zeit“ zunächst als „Anweisung“ zum Authentisch-Sein aufgetreten; dann, während des Rektorats 1933/34, als „Auftrag“ der Geschichte an die Deutschen, das Schicksal des Abendlands zu wenden; schließlich, nach 1945, als „Geheiß“, „gelassen“ auf die Stimme des Seins zu hören. Sollen wir diesen Befehlen folgen? Thomä versuchte auch hier, zu differenzieren: Solange es ein Imperativ aus dem „Geist der Schwäche“ sei, geboren aus der modernen Erfahrung, dass die Welt keine allgemein verbindlichen Gesetze und Weltdeutungen mehr anbieten kann, könne diese Aufforderung zum Selbst-Sein, wie sie der frühe Heidegger vortrage, eine angemessene Reaktion sein. Gefährlich sei dagegen ein Imperativ aus dem Geist der Stärke.

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