| Zeitungsgruppe Stuttgart |Donnerstag, 23. Februar 2012
Baden-Württemberg
Artikel weiterempfehlen

Heilbronn Tausende demonstrieren gegen Neonazis

Brigitte Fritz-Kador, vom 01.05.2011 18:46 Uhr
vorherige Bild 1 von 11 nächste
Rund 5000 Heilbronner haben sich am Sonntag friedlich gegen eine Kundgebung von Neonazis zur Wehr gesetzt. Foto: dpa
Rund 5000 Heilbronner haben sich am Sonntag friedlich gegen eine Kundgebung von Neonazis zur Wehr gesetzt. Foto: dpa
Weitere Artikel
zum Thema

Heilbronn - Die Stadt Heilbronn hält sich viel zugute auf ihre Verbundenheit zu Theodor Heuss und dessen Aussage "Was hat mich Heilbronn gelehrt? Demokratie als Lebensform!" Am Sonntag, den Tag, den sich die Neonazis für ihre Kundgebung in Heilbronn ausgesucht hatten, wäre er stolz gewesen. Etwa 5000 Menschen haben sich an einer großen Gegenveranstaltung beteiligt.

Mehr als 100 Vereine, Organisationen, Parteien und Firmen sowie der DGB haben sich im Bündnis gegen rechts zusammengeschlossen. OB Helmut Himmelsbach sagte: "Uns alle eint der feste Wille, dass wir als Demokraten keine neuen Nazis in Heilbronn haben wollen." Er hatte auch die Mitarbeiter der Stadt gebeten, zur Demo zu kommen. In Heilbronn leben Menschen aus 130 Nationen.

Der Tag begann mit einem ökumenischen Freiluftgottesdienst im Alten Friedhof. Den Demozug in die Innenstadt führte OB Himmelsbach an, CDU-Generalsekretär Thomas Strobl und der designierte Innenminister Reinhold Gall (SPD) waren auch gekommen. Viel beachtet wurde, dass mit Rolf Blättgen ein Vertreter der Arbeitgeber an vorderster Linie mitging, ein deutliches Signal an die IHK Heilbronn-Franken, die sich als einzige ernstzunehmende Institution dem Bündnis gegen rechts verweigert hatte.

Eine "gebrannte Stadt"

Prälat Hans Dieter Wille lobte in seiner Rede die Stadt und die Teilnehmer dafür, dass sie "Gesicht zeigten". Heilbronn sei im wahrsten Sinne des Wortes eine "gebrannte Stadt" und die Deutschen würden für immer "gebrannte Kinder" bleiben: "Das darf nicht aus der Erinnerung kommen." Mit dieser Antinazidemo würden Demokratie, Staat und Politik gestärkt.

Die junge Generation erlebte diesen 1.Mai unterschiedlich. Der Jugendgemeinderat schloss sich der offiziellen Demo an, die Mitglieder des sogenannten Blockadebündnisses (darunter Jugendorganisationen der Parteien) schafften es mit Sitzblockaden, die Aktionen der militanten Lager von rechts und von links zu verzögern.

Die Polizei konnte die Lager von gewaltbereiten Rechten und Linksautonomen stets so weit getrennt halten, dass es zu keiner direkter Konfrontation kam. Einzelne Aktion wie die Blockade der Rosenbergbrücke, wurden zügig gestoppt. Im Bereich des Hauptbahnhofes waren bereits um acht Uhr morgens die ersten 400 der linken Szene zuzurechnende Gegendemonstranten eingetroffen. Hier blockierten sich die unterschiedlichen Teilnehmergruppen teilweise selber, die Demo der Neonazis fand deshalb erst mit mehr als zweistündiger Verspätung statt. Sie wurde von berittener Polizei und Polizei in voller Schutzmontur begleitet.

Sachbeschädigungen, aber keine Verletzten

Bereits in den Vormittagsstunden hatte die Polizei zwischendurch mehrere Hundert Demonstranten festgehalten, den größten Teil aber bald wieder freigelassen. Bei einigen Demonstranten wurden gefährliche Gegenstände sichergestellt. Die Zahl der Demonstranten aus der Neonaziszene benennt die Polizei mit rund 700 - angekündigt hatten deren Veranstalter weitaus mehr. Die Zahl bei der "linken Szene" lag deutlich darüber. Es gab Sachbeschädigungen und Schmierereien, aber keine Verletzten.

Am späten Nachmittag versuchten in der Nähe des Bahnhofs mehrere Hundert Linke, zu von der Polizei eingekesselten Demonstranten durchzudringen. Die Polizisten setzten Schlagstöcke ein, um sie abzuwehren, laut Polizei ohne Verletzte. Die zuvor geschätzten Kosten von 500.000 Euro für den Polizeieinsatz dürften weitaus höher liegen. Die Polizei war mit 3000 Beamten, 22 Reitern und zwei Helikoptern im Einsatz.

Weitere Artikel
Kommentare (14)
Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentare schreiben
Anzeigen
MAI
03
14:19 Uhr, geschrieben von J . und H.-P. Strecker
Kommentar zum Artikel der StZ zur Anti-NPD-Demo am 1.5.11 in Heilbronn
Wir schließen uns der Meinung und der Bitte der Leserin, den fragwürdigen Polizeieinsatz aufzuklären, in vollem Umfang an: auch unser 19jähriger Sohn ist am Sonntag gegen 7.00 Uhr mit dem Zug nach Heilbronn gefahren und hat die gleichen Erfahrungen gemacht: Einkesseln schon am Bahnhof, Aufnehmen der Personalien, kein Teilnehmen an Demo oder Kundgebung, Behandelt-Werden wie Schwerverbrecher. Was ist das für eine Rechtsprechung, in der Rechtsradikale ihre Meinung unter "Polizeischutz" äußern dürfen, die Gegendemonstranten aber nicht?
Kommentar postiv bewerten
Kommentar negativ bewerten
5
Kommentar bewerten
MAI
03
03:40 Uhr, geschrieben von Gekesselter
Lohn fürs friedlichsein?
Also ich war auch insbesamt 10 Stunden in Polizeigewahrsam, davon ca. 7 im Kessel. Die ganze Zeit nichts zu essen oder zum trinken. Vielleicht zum Glück, denn um aufs WC zu kommen musste man knapp ne Stunde anstehen. Und warum? Weil ich friedlich gegen Nazis demonstrieren wollte. So gings nicht nur mir, sondern mehreren hundert Leuten, darunter sehr viele Minderjährige (und ich bin froh über jeden Minderjährigen der gegen Nazis demonstrieren will). Jetzt kann ichs verstehen warum manche Antifaschisten Polizeiabsperrungen durchbrechen und damit riskieren eine Anzeige, Pfefferspray und Knüppel abzubekommen: Die wollen sowas schlicht nicht nochmal erleben! Hätte ich gewusst dass die Polizei so unmenschlich handelt hätte ich das sicher auch versucht, ich werds mir jedenfalls merken! Sicherlich hält mich das nicht davon ab weiterhin gegen Nazis zu demonstrieren, im Gegenteil!
Kommentar postiv bewerten
Kommentar negativ bewerten
5
Kommentar bewerten
MAI
02
16:05 Uhr, geschrieben von carlo
@Frau Weitz
Genau so haben wir das auch erlebt, nur, dass wir nicht einmal Handy-Kontakt bekamen. Ich habe dermaßen die Nase voll von solchen Polizei-Aktionen... Wenn man sich früher vor Begegnungen mit "bösen Buben" in acht nahm, muss man sich heute vor der Polizei fürchten. Das nimmt langsam Ausmaße an, die an frühere Zeiten in den Südstaaten erinnern. Ich kann der neuen Regierung - und überhaupt allen Parteien mit demokratischer Programmatik - nur raten, das einmal genauer unter die Lupe zu nehmen!
Kommentar postiv bewerten
Kommentar negativ bewerten
10
Kommentar bewerten
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  5
nächste
 
Anzeige
Umfrage
Gauck soll offenbar neuer Bundespraesident werden Das große Mäkeln

Sarrazin, Occupy, Hartz IV und seine "wilde Ehe" - bevor Joachim Gauck überhaupt zum Bundespräsidenten gewählt wurde, haben viele an dem Kandidaten etwas auszusetzen. Ist diese Vorab-Kritik berechtigt?

 
Ja, Gauck muss sich das gefallen lassen.
Nein, lasst ihn doch erstmal Präsident werden.
Das interessiert mich nicht.
 
Aktueller Stand
 
 
StZ digital
Stuttgarter Zeitung digital
Die gedruckten Ausgaben im Originallayout.

 
 
ePress App
Genießen Sie Ihre Stuttgarter Zeitung auch auf dem iPad.
 
 
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.
Abonnement