Heimtückische Masern Tod nach Jahren im Wachkoma

Von Julia Schweizer und  

Als Säugling hat er sich infiziert, als er zehn war, wurde das Virus aktiv – nach sieben Jahren im Wachkoma ist Max Schönbohm nun gestorben.

Durch die Masern-Schutz-Impfung bekamen  immer weniger Menschen die Masern, ausgerottet waren sie  aber nicht. Foto: dpa
Durch die Masern-Schutz-Impfung bekamen immer weniger Menschen die Masern, ausgerottet waren sie aber nicht.Foto: dpa

Sersheim. - Er hatte keine Chance“ – es ist nur ein kurzer Satz, aber er markiert das Ende einer langen Leidenszeit, verbunden mit einer Anklage. Geschrieben steht er auf der eigens eingerichteten Internetseite für Max Schönbohm, einen jungen Mann, der sich als Baby bei ungeimpften Kindern mit Masern angesteckt hat. Am Montag ist er mit 19 Jahren an den Spätfolgen gestorben. Die Krankheit SSPE (Subakute Sklerosierende Panenzephalitis) hatte unaufhaltsam seine Gehirnzellen zerstört. Mehr als sieben Jahre lang lag er in einer Art Wachkoma.

Für seine Familie, die in Sersheim (Kreis Ludwigsburg) lebt, waren die vergangenen Jahre nicht nur ein Kampf gegen die Krankheit, sondern auch gegen die Impfmüdigkeit. 2007 haben die Eltern den Verein Aktion Max gegründet. Ursprünglich wollten sie Geld für die Behandlung ihres Sohnes sammeln. Doch immer wichtiger sei ihnen die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die drastischen Folgen geworden, die eine unterlassene Impfung haben könne. Denn Max könnte „noch leben, hätten ungeimpfte Kinder ihn 1995 nicht mit dem Masernvirus angesteckt“, klagen die Angehörigen auf der Internetseite an.

Die Infektion wirkt harmlos – zunächst

Als Ursache der Masernerkrankung vermutet die Mutter Anke Schönbohm einen Besuch mit dem Säugling im Kindergarten ihres zwei Jahre älteren Sohnes. Max habe Husten und Fieber bekommen, aber alles gut überstanden. Doch es hätten sich sogenannte Schläferviren in seinem Körper eingenistet: Als Max zehn gewesen sei, habe es Anzeichen gegeben, dass etwas nicht stimmte.

In der Ich-Form lassen seine Eltern Max auf der Internetseite erzählen, wie sich die Krankheit entwickelte. „Plötzlich wusste ich nicht mehr, was gerade passiert war.“ Erst Monate später wurde SSPE diagnostiziert. Schließlich verschlechterte sich Max’ Gesundheitszustand, sein Gedächtnis ließ nach, in der Schule konnte er nicht mehr folgen. Der begeisterte Eishockeyspieler der Bietigheimer Steelers wurde rasch müde und fiel oft hin. „Ich habe Dinge gesehen, von denen Papa sagte, es gebe sie nicht“, lassen ihn seine Eltern erzählen. Schließlich zog sich die Familie eine Streptokokken-Infektion zu – vor allem Max war betroffen. Das Gehen sei schwierig geworden – „irgendwie wurde dann alles ganz neblig, und ich konnte mich an nichts mehr erinnern . . .“ Es ist der letzte Satz von Max, der danach, er war nun zwölf, ins Wachkoma fiel. Er bekam epileptische Anfälle, die Atmung setzte zeitweise aus, man musste ihn über eine Sonde ernähren. Seine Eltern versuchten etliche Therapien – erfolglos. Wenn es Max mal besser gegangen sei, sei das Zufall gewesen, sagt seine Mutter. Für sie ist es unvorstellbar, dass Menschen an Masern sterben. „Das Einzige, wie man das verhindern kann, ist durch Impfen.“

Viele junge Erwachsene haben keine Antikörper

„Max ist ein besonders tragischer Fall“, sagt Ulrich Fegeler vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Sein Kollege Sean Monks, der die Familie Schönbohm auch seit Jahren kennt, sagt: „Das Hauptproblem sind nicht die Kinderimpfraten von heute. Das Problem sind die Impflücken bei jungen Erwachsenen.“ Denn in den 70er Jahren wurde die Masern-Schutzimpfung eingeführt. Wer davor erkrankte, war lebenslang geschützt. Durch die Impfung bekamen immer weniger Menschen die Masern, ausgerottet waren sie aber nicht. Alle Jahrgänge ab 1980 hätten dennoch kaum noch die Masern bekommen, sagt Monks. Wer nicht geimpft wurde, trägt also keine Antikörper in sich. Seit 1991 gibt es gar eine zweite Impfung vier Wochen nach der ersten. Damit ist der Schutz stabiler. Die Menschen, die derzeit erkranken, wurden nie oder nur einmal geimpft.

Wenn nun eine Frau schwanger werde, die keine Antikörper in sich habe, bekomme ihr Baby keinen sogenannten Nestschutz, sagt Monks. Stecke sich der Säugling mit Masern an, drohten ähnliche Folgen, wie sie nun zum Tod von Max Schönbohm geführt hätten. Monks rät: Wer sich nicht sicher sei, ob er geimpft sei oder die Krankheit gehabt habe, solle sich impfen lassen. „Wenn er Antikörper hat, zerstören sie den Impfstoff, sonst passiert nichts.“

Lücken gibt es auch im Babyalter

Impfgegner halten Monks vor, dass Babys trotz der Impfung Masern bekommen könnten. Der Nestschutz währt vier bis sieben Monate, aber erst im elften Lebensmonat werden Säuglinge geimpft. Dazwischen könne man tatsächlich „nichts tun, außer nicht dort hinzugehen, wo Masern grassieren“, sagt Monks. Das ist derzeit nirgends der Fall. Die Kinder- und Jugendärzte fordern, dennoch alle Kinder zu impfen.

Max’ Mutter hat sich mit Impfgegnern, die ihr vorgehalten hatten, das sei Körperverletzung oder bringe nichts, nur zu Beginn auseinandergesetzt. „Da verkämpf’ ich mich nicht“, sagt sie. „Das Wichtigste ist die Aufklärung, und da machen wir weiter. Das hab ich meinem Sohn in seinen letzten Nächten versprochen.“

Bis kurz vor seinem Tod wurde Max zu Hause gepflegt, unterstützt von einer Krankenschwester. Doch Anfang dieses Jahres habe sich sein Zustand „massiv verschlechtert“, schreiben seine Eltern. Bis zu jenem Abend, als seine „Flügel stark genug waren, dass er unsere Welt in Richtung einer besseren verlassen konnte“, teilen sie mit. „Jetzt geht es ihm endlich wieder gut.“

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Es sind die Impfungen, die heimtückisch sind, nicht die Masern.: Der geschilderte Fall des Artikel kam in den 60-er und 70-er Jahren Hundert- und Tausendfach vor: Ein älteres Kind steckte ein jüngeres Geschwisterkind mit Masern an. Es waren die Babyboomjahre, es gab viele Kinder und die Kinder besuchten sich in einer hohen Sequenz physisch zu Hause. Also nicht wie heute, wo es weniger Kinder und mehr virtuelle Kontakte gibt oder die Eltern die Verabredungen treffen und die Kinder dann zu einem Treffen chauffieren. Dennoch starb zu der Zeit nicht ständig ein Kind an der beschriebenen Nachfolgeerkrankung (SSPE) der Masern. Im medizinischen Wörterbuch, dem Pschyrembel, wird 1977 noch kein Satz unter Masern zu SSPE geschrieben. Und der Grund für alles ist immer derselbe: Die Säuglinge waren über die Masernerkrankung der Mutter, in diesem bei Masern gefährlichen Alter, geschützt. Zwei Quellen: Vor den Impfungen, 1965, lag das Masernalter in Deutschland bei 3-7 Jahren. Und das bei allgegenwärtigen Masern, kinderreichen Familien und ständigen physischen Kontakten zwischen den Kindern. Nicht virtuell, wie heute. (siehe: Richard Haas, Oskar Vivell, "Virus-und Rickettsieninfektionen des Menschen", S. 571, 1965, springer.com) Weiter: "Da geimpfte Mütter über niedrigere Antikörperspiegel verfügen als nach natürlicher Infektion, hält die Leihimmunität deshalb bei ihren Kindern im Mittel weniger lange an und kann so potenziell nicht mehr den Zeitraum von Geburt bis zur ersten Masern-Impfung voll überbrücken, insbesondere wenn diese zu spät verabreicht wird. Ferner kommt es durch steigende Impfquoten und einen selteneren Kontakt mit dem Wildvirus zu einem Nachlassen des natürlichen Boostereffekts bei den Müttern, was [ebenfalls] zu niedrigeren maternalen Antikörper-Titern bei Säuglingen beiträgt." ("Epidemiologisches Bulletin", RKI, Nr. 48, S. 486, 02.12.2013) Max würde auch noch leben, um einen Satz aus dem Artikel aufzugreifen, wenn es die Masernimpfung in Deutschland nie gegeben hätte. Leider wird auf diese Wirkung der Masernimpfung - Schutzlosmachen der Säuglinge, denn geimpft werden kann erst mit einem Jahr - nie hingewiesen.

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