Heimunterricht "Warum sollten wir das aufgeben?"
Andreas Geldner, 21.02.2010 09:15 Uhr
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Manchmal dürfen sie auch im Bett lernen. Aber heute machen Josua und Christian ihren Hausaufgaben wie alle anderen Kinder auch. Foto: AP
Manchmal dürfen sie auch im Bett lernen. Aber heute machen Josua und Christian ihren Hausaufgaben wie alle anderen Kinder auch. Foto: AP
Morristown - Die blaue Leuchtreklame für den "Bibelladen" überragt an der Hauptstraße von Morristown alle anderen Werbezeichen. Wer eintritt, weiß, warum der Ort im nordöstlichen Tennessee zum so genannten Bibelgürtel zählt. Vom rosa Kruzifix für die Kinderkrippe bis zu Regalen voller Bibelübersetzungen gibt es hier alles, was das christliche Herz begehrt. Die Buchtitel offenbaren, wie die 25.000 Einwohner des Ortes ihren Glauben mit zupackender Lebenshilfe verbinden: "Vertrauensvoll leben in einer chaotischen Welt", lautet einer. "Dein Geld zählt - der Bibelführer fürs Verdienen, Ausgeben und Investieren", verspricht ein anderer. Hier halten viele Abstand vom Staat. Das gilt auch für die Schule.

Ein paar Straßen weiter hat die aus Bissingen an der Teck stammende Familie Romeike ihr Refugium gefunden. Fünf Kinder zwischen vier und zwölf Jahren leben in der bescheidenen Doppelhaushälfte. Zwei sitzen an diesem Morgen vor ihren Mathebüchern. "Eine Meile sind 5280 Fuß. Wie viele Fuß sind fünf Meilen?", steht im Buch der elfjährigen Lydia. Ihr ein Jahr älterer Bruder Daniel grübelt am anderen Ende des Küchentischs über den Dezimalzahlen. Vier bis fünf Stunden am Tag verbringen sie mit Lesen oder dem Lösen von Aufgaben. In Tennessee dürfen Eltern ihre Kinder mit minimaler Aufsicht zu Hause unterrichten. Ende Januar hat den Romeikes ein Richter Asyl gewährt, weil ihnen der deutsche Staat dieses fundamentale Recht verweigere.

"Familien machen aus vielen Gründen Heimunterricht. Aber in Deutschland gelten alle als religiöse Spinner - wie die Amis eben", sagt Uwe Romeike, der als Klavierlehrer arbeitet. "Die Romeikes schaden ihren Kindern" oder "Fundi-Christen feiern Sieg", lauteten in Deutschland die Überschriften. Die Romeikes sind konservative Christen, Sektierer sind sie nicht. Dass sie nicht an die Evolution glauben, daraus machen sie keinen Hehl. Doch es sei ein Zerrbild, dass es ihnen nur um Religion gehe.

Todunglücklich in der regulären Schule


Begonnen habe der Konflikt im Jahr 2006 vielmehr mit zwei todunglücklichen Kindern. "Unser Daniel war immer sehr aufgeschlossen", sagt der Vater. Als in der dritten Klasse die Lehrerin wechselte, habe er sich verändert. "Er hat sich ganz zurückgezogen. Unsere Nachbarin hat gesagt: Was ist denn los? Er ist so still geworden." Der sensible Junge stand unter Druck. "Die Lehrerin wollte die Kinder auf die weiterführende Schule vorbereiten", sagt Hannelore Romeike. Gleichzeitig fingen in der zweiten Klasse die Probleme der Tochter an. "Lydia hatte eine laute Klasse, konnte sich nicht konzentrieren", erzählt der Vater. "Die Jungs haben gekämpft, einer kam mal mit einem Messer zur Schule. Sie hatte Angst, in die Schule zu gehen." Die Tochter bekam Bauchschmerzen.

Zufällig hörten die Romeikes von einer Bekannten, dass es Familien gebe, die ihre Kinder zu Hause unterrichteten. Nicht legal, aber ohne größere Schikanen. Sie lasen einen Satz, den die damalige baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan 2002 im Landtag gesagt hatte: "Von Bedeutung ist, dass es diesen Kindern ansonsten in aller Regel an nichts mangelt, so dass die Jugendämter auch keine Veranlassung sehen, den Entzug des Sorgerechts einzuleiten." Doch Schavan hatte auch betont, dass man in Zukunft die Schulpflicht mit allen Mitteln durchsetzen wolle.

Die Romeikes unterschätzten die Konsequenzen. "Wir haben eine Frau getroffen, die hatte ihre Kinder durch die ganze Schullaufbahn gebracht. Die hatte mal 50 Mark Bußgeld gezahlt", sagt Uwe Romeike. "Ich habe Bücher besorgt. Und dann haben wir uns während der Sommerferien entschieden, damit anzufangen. Wir haben die Kinder abgemeldet und sie bei einer christlichen Fernschule registriert."

Die Tochter hatte wochenlang Alpträume


Nach zwei Tagen war der Rektor im Haus. Dann kam der erste Bußgeldbescheid. Sechs Wochen später wollte die Polizei die Kinder in die Schule abführen. Anschließend hatte die Tochter wochenlang Alpträume. Auf den Vorschlag, regelmäßig einen pensionierten Lehrer als Aufsicht ins Haus zu holen, ging die Familie ein.

Kurz vor Weihnachten bat der Rektor die Eltern zum Rapport: Ihr Anliegen sei aussichtslos. "Die Schulpflicht ist unbedingt zu befolgen", hieß es in einem Schreiben des Kultusministeriums. Doch die nächsten für die Eltern akzeptablen Privatschulen hätten eineinhalb Stunden Schulweg bedeutet - oder einen Umzug. "Ich hätte beruflich neu anfangen müssen", sagt Uwe Romeike. "Für vier oder fünf Kinder hätte ich mir das nie leisten können. Wir haben doch gesehen, wie gut alles funktionierte und wie gut es unseren Kindern ging. Warum sollten wir das aufgeben?" Das mögen manche stur nennen oder naiv - rein ideologisch motiviert war es wohl nicht. Ein Bußgeldbescheid folgte dem anderen. Die Sache kam vor Gericht.

Erst jetzt, so sagen sie, suchten die Eltern nach Gründen, die über die Befindlichkeit der Kinder hinausgingen. "Ich konnte doch nicht vor Gericht argumentieren: Mein Kind hat Bauchweh, deshalb nehme ich es von der Schule", sagt Uwe Romeike. Je mehr Schulbücher sie durchlasen, umso mehr glaubten die Eltern, die Wurzeln des Problems gefunden zu haben. Als anstößiges Beispiel nennen sie einen Text aus dem Lesebuch, in dem ein Scheidungskind erzählt. "Lea gefällt dieses Leben", heißt es über das Leben einer Patchwork-Familie. Das ist nicht die Welt der Romeikes.

Romeike fand in Europa keine Stelle


Vor dem Amtsgericht Nürtingen breiteten sie Anfang 2007 ihre Argumente aus. Die Richterin habe nur geantwortet: "Ich sehe das anders." Unabhängig von ihrem Fall beschäftigte sich der Bundesgerichtshof mit dem Thema - und machte im November 2007 sogar den Sorgerechtsentzug leichter. "Da war uns klar, dass wir nicht bleiben können", sagt Uwe Romeike. Dutzende von Familien wie sie sind unauffällig ins Ausland gezogen. Doch Romeike fand in Europa keine Stelle. Dann meldete sich die Homeschool Legal Defense Association, eine christlich-konservative Anwaltsvereinigung. Sie hatte von dem Fall erfahren und wollte die Romeikes zum Testfall für politisches Asyl machen. Im Sommer 2008 brach die Familie mit einem Touristenvisum ins Ungewisse auf.

In ihrer neuen Heimat sind die Romeikes Helden. Alle ihre Möbel wurden von Nachbarn gestiftet. Die Kinder fanden in der "Homeschooling"-Gruppe, die sich wöchentlich trifft, schnell Freunde. "Schön ist es", sagt der neunjährige Josua, wenn er nach Amerika gefragt wird. "Ich will hier bleiben", sagt Lydia. "Ich glaube andere Kinder wären neidisch, wenn sie erfahren, dass ich meine Aufgaben auch mal im Bett machen kann", sagt sie. Der Druck ist weg.

"Ich hatte von ihnen der Zeitung gelesen. Es ist wunderbar, dass sie ihren Kindern zuliebe in die USA gekommen sind", erzählt Rhonda Graham aus der Gruppe der "Homeschooler" in Morristown. "Die Kinder lernen selbstständig, sie sind respektvoll. Sie sind das, was du in der Gesellschaft haben willst." Die deutsche Angst vor der "Parallelgesellschaft" sei völliger Unsinn: "Wer sein Kind indoktrinieren will, kann das auch machen, wenn es in die Schule geht." Evolutionslehre und Sexualkunde sind deshalb für Graham nicht tabu. Ihr 14-jähriger Sohn Josiah hat Freunde, die in die Schule gehen, und Kameraden aus der Kindergruppe der "Homeschooler". "Ich kann jedes Fach in meinem Tempo lernen. Mathe langsamer, Geschichte schneller", sagt er. Seine Mutter begann zu Hause zu unterrichten, als sein Bruder von der Schule als leicht geistig behindert eingestuft wurde. "Dabei war er nur faul", sagt sie. Nach einem Jahr Heimunterricht habe er keine Probleme mehr gehabt: "Als er seine Freunde vermisste, habe ich ihn wieder in die Schule geschickt." Dort sei er gut zurecht gekommen. Laut US-Studien sind Heimschüler oft besser als der Durchschnitt. "Ich weiß schon, was ihr Deutschen von uns denkt: Wir sind Hinterwäldler. Aber ihr habt Angst vor der Freiheit", sagt Graham.

Am 25. Februar läuft die Frist für den Einspruch der Einwanderungsbehörde ab. Auch danach müssen die Romeikes noch ein Jahr lang für jeden Heimatbesuch Papiere beantragen. "Für meinen Vater ist das schwer. Er ist 83 und kann nicht alleine reisen", sagt Uwe Romeike. Er würde sich wünschen, dass der Fall in Deutschland eine sachliche Debatte entfacht, warum dort verboten ist, was fast überall erlaubt ist. "Wenn das in die religiöse Ecke geschoben wird, interessiert das wieder keinen."
Kommentare (14)
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JUL
13
gar nicht so schlimme Mutter, 15:35 Uhr

Kritik an Homeschooling

Liebe Leute, selbstverständlich gibt es einiges an Egomanie von Eltern. Allerdings, wenn man selber erlebt wie die Beratungslehrerin einer Grundschule vor dem ersten Kontakt mit dem Kind schon sagt "Ich werde Ihr Kind nicht schulfähig schreiben, weil jedes Kind so spät wie möglich in die Schule kommen sollte" - ohne jeden Test. Und wenn dann zwei jahre später gesagt wird: "Ja, wir wissen auch, dass ihr Kind nicht in diese Klasse gehört, aber wir müssen uns um die Mehrheit kümmern". Dann ist das alles irgendwie verständlich. Verständlich ist es aber auch, wenn Eltern ihr Kind nicht auf die Sonderschule schicken lassen wollen, weil es Verhaltensweise zeigt, die nicht mit der Mehrheit übereinstimmen. In unserem Schulsystem ist es nun einmal häufig sogar den engagierten Lehrern nicht möglich, auf Sonderfälle einzugehen. Aber die Richtung der Korrektur geht trotzdem meist nur dahin, den Eltern möglichst wenig Mitbestimmung einzuräumen - auch denen, die zu einer vernünftigen Unterstützung ohne weiteres in der Lage sind. Da wäre ein wenig mehr Flexibilität dringend notwendig. Und wenn es sein muss, zu gegebener Zeit auch mit Phasen des Heimunterrichts...

FEB
22
Hausunterrichts-Skeptiker, 23:53 Uhr

@Besserwisser

Selbstverständlich nimmt die Popularität es Hausunterrichts bei den Eltern zu - wo und wie anders könnte man ähnlich gut seine Kinder einseitig indoktrinieren, sie vor womöglich elternkritischen Ansichten isolieren und sie auch in Hinsichten der gesundheitlichen Überwachung von übergeordneten Instanzen fernhalten? Wenn die Kinder niemals in Schulen vorstellig werden müssen, lassen sich die Folgen elterlicher Misshandlung oder Vernachlässigung wunderbar verstecken... Man fragt sich doch, warum die Elternrechte in diesen Ländern so stark überhöht werden, dass das Kindeswohl hintanstehen muss. Und zur Fraser-Studie - die Länge einer Literaturliste ist kaum ein relevantes Indiz für die Seriosität einer "Studie". Auch Fraser greift "Erkenntnisse" von Rudner und Ray auf, und auch Fraser kann keine repräsentative Grundgesamtheit, die die wirklichen demographischen Tatsachen widerspiegelt, aufweisen. Damit ist die Fraser-"Studie" ähnlich wertlos wie die anderen genannten "Studien" und geht ebenfalls kaum über Umfragen-Charakter hinaus. Auch darf man nicht vergessen, dass es in den USA keine Meldepflicht gibt - was da wirklich hinter verschlossenen Türen passiert, kann oft allenfalls Spekulation sein. Zahlreiche "Homeschooler" sind folglich gar nicht erfasst. Eine andere große Gruppierung meldet ihre Kinder "pro forma" in Charter- oder Fernschulen an, unterrichtet aber tatsächlich Zuhause. Und man darf ebenfalls nicht vergessen, dass zahlreiche US-Bundesstaaten (darunter Romeikes Wahl-Bundesstaat Tennessee...) von den Hausunterrichtlern keinerlei Mindestbildung verlangen - da dürfen also Highschool-Abbrecher die eigenen Kinder "unterrichten" - soll man so etwas wirklich gutheißen? Wer denkt bei so viel elterlicher Egomanie an die Kinder?

FEB
22
Mom@home, 13:24 Uhr

Homeschooling

Auch wir machen seit 6 Jahren Homeschooling in der Schweiz. Der Grund? Unser Grosser fand sich in der öffentlichen Schule nie zurecht. Er ist sehr kreativ und verspielt (wird jetzt Schauspieler) und hat die Lehrer und das Schulsystem genauso überfordert, wie sie ihn. Unzählige Stunden vergingen, in denen wir zu Hause frustriert versuchten die Wogen zu schlichten. Es war keine gute Erfahrung! Mit dem Kleinen haben wir von der 1. Klasse an einen anderen Weg gewählt, weil es in der Nähe keine Privatschule gibt. Er ist hochbegabt und zu Hause sehr zufrieden, was ich von anderen Eltern hochbegabter Kinder NIE höre. Sie empfinden Schule oft als völlige Unterforderung. Unser Sohn schafft den Stoff und noch einig Freifächer spielend am Vormittag und hat dann Zeit seinen eigenen Ideen und Hobbys nach zu gehen. Mit Kindern zu spielen gehört auch dazu. Wir sind sehr dankbar, dass dies in der Schweiz möglich ist - mit gutem Fernschulmaterial aus Deutschland nota bene!

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