Krimikolumne

Helen Callaghan: „Dear Amy“ Seelische Abgründe gepeinigter Mädchen

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Eine Kolumnistin bekommt Briefe von einem Mädchen, das seit fast 20 Jahren vermisst wird und als tot gilt. Gleichzeitig fehlt von einer Gleichaltrigen ebenfalls jede Spur. Helen Callaghans Thrillerdebüt „Dear Amy“ ist furios.

Helen Callaghan nimmt ihre Leser mit auf einen Parforceritt in die dunklen Ecken der menschlichen Seele. Foto: Lee Irvine
Helen Callaghan nimmt ihre Leser mit auf einen Parforceritt in die dunklen Ecken der menschlichen Seele.Foto: Lee Irvine

Cambridge - Margot Lewis ist nicht nur Lehrerin für alte Sprachen, sondern betreut auch in der örtlichen Zeitung ihrer Heimat Cambridge eine Kolumne für Erziehungsfragen. Als in der Post in der Redaktion plötzlich Briefe eines Mädchens auftauchen, das vor fast 20 Jahren spurlos verschwunden ist und als tot gilt, glaubt Margot erst an einen schlechten Scherz ihrer Schüler.

Doch dann bestätigt ein Graphologe die Echtheit der Schrift und die Verwirrung ist komplett. Anscheinend wird das Mädchen noch immer in einem Keller gefangen gehalten und Margot ist vermutlich ihr einziger (und lebensrettender) Kontakt zur Außenwelt. Überdies fehlt seit einigen Wochen von der 15-jährigen Katie, eine Schülerin von Margot Lewis, jede Spur, und es kommt ein furchtbarer Verdacht auf. Margot verbeißt sich in die Fälle, bis ihr Bedürfnis, zu helfen, allzu auffällig wird, und immer mehr offenbart sich, dass auch die engagierte Lehrerin einiges zu verbergen hat.

Mit „Dear Amy“ ist der englischen Autorin Helen Callaghan ein eindrucksvolles Debüt gelungen. Einen waschechten Psychothriller hält der Leser in der Hand, den er auch nicht so häufig weglegen wird vor dem Showdown. Callaghan entwirft einen Plot voller grausamer und seelischer Abgründe, allerdings ohne sich an den Schilderungen expliziter Grausamkeiten zu delektieren. Das Grauen spielt sich im Kopf des Lesers ab, und das ist schlimm genug.

Einziges Manko: Phasenweise erweist sich Margots Gefühlsleben als allzu schlicht. Mit ihrem haltlosen und unzuverlässigen Ehemann Eddy lebt sie in Scheidung, aber ein ebenso scharfsinniger und wie markanter Wissenschaftler sorgt bereits wieder für ordentlich „Schmetterlinge im Bauch“. Solche Metaphern aus der Mottenkiste gehören einfach verboten. Aber ansonsten gilt uneingeschränkt das Prädikat: Lesenswert!

Helen Callaghan: Dear Amy – Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest. Psychothriller. Aus dem Englischen von Heike Reissig. Knaur Verlag München 2017. Klappenbroschur, 400 Seiten, 14,99 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.