"„Originalität gibt es sowieso nicht, nur Echtheit.“"
Helena Hegemann zu dem Plagiatsvorwurf
Stuttgart - Hat die Generation der Digital Natives keine Ahnung von geistigem Eigentum? Verstehen die Internetkinder von heute den Vorgang des Copy-and-Paste als kreativen Prozess? Der Ullstein-Verlag jedenfalls muss sich seit dem Wochenende sehr konkret mit den Folgen solcher Fehleinschätzungen beschäftigen. Denn seine "literarische Sensation", die siebzehn Jahre alte Autorin Helene Hegemann, soll sich für ihren Roman "Axolotl Roadkill" bei einem Berliner Blogger bedient haben, der seine Erfahrungen mittlerweile in einem Roman verarbeitet hat.
Wo das herauskam? Natürlich im Netz. Der Blogger Deef Pirmasens vergleicht auf seiner Site http://www.gefuehlskonserve.de Passagen aus Hegemanns Buch mit Teilen des im vergangenen Jahr erschienenen - und weitgehend unbeachtet gebliebenen - Romans "Strobo - Technoprosa aus dem Berghain" von einem Autor namens Airen. Die Überschneidungen sind eindeutig und beziehen sich nicht nur auf einzelne ungewöhnliche Formulierungen, sondern ganze Abschnitte.
Der Verlag zumindest scheint von der Schuld seiner Bestseller-Autorin überzeugt zu sein und beeilte sich, ihr diese zuzuschieben: "Über die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der ,sharing'-Kultur des Internets aufgewachsen ist, mag man streiten", heißt es in einer Erklärung. "Die Position des Verlages ist eindeutig: Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muss vom Urheber genehmigt werden."
Eine Seite praktisch abgeschrieben
Hegemann streitet ihr Tun gar nicht ab und nennt sich "total gedankenlos und egoistisch", weil sie nicht alle Menschen erwähnt habe, deren Gedanken und Texte ihr geholfen hätten. Bei der Beschreibung der Welt ihrer 16-jährigen Heldin Mifti habe sie ihre Freunde, andere Autoren und auch sich selbst total beraubt. Inhaltlich verteidigt sie aber ihre Art, einen Text zusammenzustellen: "Originalität gibt es sowieso nicht, nur Echtheit." Von Airen habe sie eine Seite praktisch abgeschrieben ohne sie groß zu verändern, damit aber in Kommunikation mit ihm treten wollen. "Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen."
Dagegen kritisiert der Blogger Pirmasens: "Was (Hegemann) aber nicht versteht oder verstehen will ist, dass Remixen, Samplen, Transformieren usw. vollkommen in Ordnung geht, so lange man sich nicht mit fremden Federn schmückt." Im sozialen Netzwerk Facebook geht Hegemann jedenfalls ziemlich unbeschwert mit der ganzen Aufregung um. An ihre Pinnwand hat sie gepostet: "die geklaute seite war nur drin um zu checken ob leute das buch lesen oder nur drüber reden."