Helga Müller in Ostfildern Mit Pragmatismus für die Utopie

Von Georg Leisten 

Sie ist weit mehr als nur die Witwe ihres berühmten Mannes: Die Städtische Galerie Ostfildern würdigt Helga Müller und ihr Kunstprojekt Mariposa auf Teneriffa.

Herbert Döring-Spengler: „Mariposa-Impressionen“, 2004 Foto: Günther Müller:
Herbert Döring-Spengler: „Mariposa-Impressionen“, 2004 Foto: Günther Müller:

Ostfildern - Dass Galeristen selber Kunstgeschichte schreiben, kommt selten vor. Hans-Jürgen Müllerwar eine solche Ausnahmegestalt. Als einer der Ersten holte er die US-Nachkriegsavantgarde nach Mitteleuropa, wurde Geburtshelfer der heutigen Art Cologne und gehörte 1979 zu den Mitentdeckern der „Neuen Wilden“. Im Schatten all der Heldengeschichten, die sich um den Stuttgarter Kunstvermittler ranken, verschwindet dagegen die Person, die besonders an den späteren Projekten des Tausendsassas entscheidenden Anteil hatte: seine Frau Helga. In die Planungen für die Begegnungsstätte Mariposa auf ­Teneriffa war sie von Anfang an aktiv eingebunden. Nach Müllers Tod hat sie nicht nur die interdisziplinäre Denkwerkstatt weitergeführt, sondern auch der gemeinsamen Galerie Artlantis im Stuttgarter Westen neues Leben eingehaucht.

In einem Werk der Medienkünstlerin Sabine Bürger hat man nun Gelegenheit, Helga Müller näher kennenzulernen. Ergänzt um Arbeiten aus dem Umfeld von Mariposa, rückt die Städtische Galerie Ostfildern das mehrstündige Filmporträt in den Mittelpunkt einer Ausstellung. Das Video ging aus vier langen Einzelinterviews hervor, wirkt im Zusammenschnitt aber fast wie ein natürlich fließender, ungezwungener Monolog, der erstaunlicherweise kaum jemals irgendwo an Fahrt verliert.

Visionär und schlauer Fuchs

Keine Frage, Helga Müller redet viel über ihren 2009 verstorbenen Mann, den sie in all seinen Facetten zu verlebendigen weiß: den Charmeur und den Macho, den Visionär und den schlauen Fuchs. Doch auch sie selbst gewinnt, wie sie sich da eine Zigarette nach der anderen anzündet, mehr und mehr an Kontur. Hatte sie doch schon, bevor Hans-Jürgen Müller in ihr Leben trat (skurrilerweise während einer Hauseigentümerversammlung), ein erfolgreiches Leben als Vorstandsassistentin bei Porsche. Kleine Zwischenspiele im Video offenbaren dem Betrachter obendrein Helga Müllers verborgene Qualitäten als Sängerin und Pianistin. Ihre hervorstechendste Eigenschaft scheint aber doch der Durchhaltewillen nach Hans-Jürgen Müllers Tod. Nicht nur mit utopischen Visionen, sondern auch mit Pragmatismus und ökonomischem Sachverstand kämpft sie weiter für das kanarische Ideendorf, in dem Künstler und Schüler, Wissenschaftler und Wirtschaftsbosse gemeinsam überlegen sollen, ob man die Welt nicht doch ein bisschen besser machen kann.

Einige Fotoarbeiten, die in Mariposa entstanden, umrahmen die Filmpräsentation. Miron Schmückle beispielsweise suchte auf Teneriffa nach der Einheit von Mensch und Natur, wozu er anonyme Oberkörper gemeinsam mit Pflanzen ablichtete – was sich aber ebenso wenig einprägt wie die bunten Architekturverfremdungen von Herbert Döring-Spengler oder Arnulf Rainers übermalte Kanarenlandschaften. Helga Müllers ausdrucksvoll verqualmter Altstimme zuzuhören wird man dagegen nicht müde. Sie erzählt und erzählt, wobei sie ab und zu sehr privat wird, wenn sie etwa von Verletzungen berichtet, die sie an der Seite ihres eigenwilligen Mannes wegstecken musste.

Mühsamer Alltag des Fundraisings

Zugleich erhält der Ausstellungsbesucher Einblick in den mühsamen Alltag des Fundraisings für Mariposa: Hiesige Automobilkonzerne sind eher kleinlich, weltberühmte Maler zuweilen undankbar. „Gerhard Richter hat sich auch nicht bemüßigt gefühlt, meinem Mann, der ihn die ersten Jahre mit kleinen Aufträgen über Wasser gehalten hat, zum Beispiel mal ein Bild zu schenken.“

Mit all dem gelingt Bürgers Film das Porträt einer engen, lebendigen Liebes- und Arbeitsbeziehung, in der zwei Charakterköpfe nicht zuletzt im Diskurs über Kunst produktiv aneinanderstießen. Helga Müller: „Wir haben uns gestritten wie die Kesselflicker.“